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Politik

Gedenken als Gegenwehr

Eine Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum zeigt »Die verschwiegenen Toten – Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 in Leipzig«

  Gedenken als Gegenwehr | Eine Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum zeigt »Die verschwiegenen Toten – Todesopfer rechter Gewalt seit 1990 in Leipzig«  Foto: Marius Mörtl

Horst K., Gerhard Helmut B., Klaus R., Bernd Grigol, Achmed Bachir, Nuno Lourenço, Thomas K., Karl Heinz Teichmann, Kamal Kilade und André K. – mindestens zehn Menschen wurden seit der Wende in und um Leipzig durch rechte Gewalt getötet. Ein weiterer, Gerhard S., gilt als Verdachtsfall. Schon 2013 hat der Initiativkreis Antirassismus den Ermordeten eine Ausstellung gewidmet. Nun wird diese in überarbeiteter Form im Stadtgeschichtlichen Museum (SGM) gezeigt.


Kein Randphänomen

Auf grauen Bannern stehen die Namen der Menschen, die seit 1990 in Leipzig aus rechten Motiven ermordet wurden. Fotos von Straßenzügen – Ecken, die man kennt, wenn man in der Stadt unterwegs ist – zeigen die Tatorte, darunter wird über die Hintergründe aufgeklärt: Informationen über die Opfer – sofern etwas über die Personen bekannt ist –, den Ablauf der Geschehnisse, die Haftstrafen, zu denen man die Täter verurteilt hat, und die Tatmotive. Die Tafeln erzählen von rassistischen, homophoben und sozialdarwinistischen Motiven und von der Weigerung offizieller Stellen, diese Motive anzuerkennen. Einige Tafeln zeugen auch von der Wut der Hinterbliebenen: »Solche Fälle, wie der von meinem Mann, werden in Deutschland wohl unterschlagen, unter den Teppich gekehrt«, wird zum Beispiel Noémia Fontinha Lourenço, die Witwe von Nuno Lourenço zitiert.

Mit der Ausstellung »Die verschwiegenen Toten« gedenkt der Initiativkreis Antirassismus der Verstorbenen. Zu ihrer Eröffnung an einem sonnigen Dienstagabend Mitte September gibt es im dunklen Saal des Museums eine Podiumsdiskussion mit Mitgliedern des Initiativkreises und einer Vertreterin der RAA Sachsen – der Verein unterstützt Betroffene rechter Gewalt und setzt sich für Demokratie und Bildung im Bundesland ein. Man wolle darauf aufmerksam machen, dass rechte Gewalt in Leipzig schon immer präsent sei, erklärt Anna vom Initiativkreis dem Publikum. Und man wolle die Konsequenzen davon aufzeigen.


Konsequenzen rechter Gewalt aufzeigen

Dafür engagieren sich die Mitglieder des Initiativkreises seit inzwischen über einem Jahrzehnt. Ausschlag für die Gründung habe die Ermordung von Kamal Kilade im Jahr 2010 gegeben, erzählt Anna im Gespräch mit dem kreuzer, »um die Familie zu unterstützen, den Prozess zu begleiten und auf das Thema aufmerksam zu machen«. Nach dem Urteilsspruch – 13 Jahre Gefängnis wegen Mord aus niedrigen Beweggründen für einen der Täter, drei Jahre Haft wegen gefährlicher Körperverletzung für den anderen – entwickelten die Mitglieder des Initiativkreises die Ausstellung. Eine Aufarbeitung rechter Morde habe es damals nicht gegeben, blickt Anna zurück, dementsprechend auch wenig Anhaltspunkte. Also habe man sich durch Zeitungsarchive gearbeitet: »Was gibt es für Morde, was gibt es für Tötungsdelikte und welche könnten mit rechter Gewalt, beziehungsweise rechten Tatmotiven zu tun haben?«

Zum ersten Mal wurde die Ausstellung »Die verschwiegenen Toten« 2013 gezeigt, sie wurde nun überarbeitet und aktualisiert. Die Einordnung der Toten als Opfer rechter Gewalt, die die Initiative darin vornimmt, basiert nicht auf offiziellen Zahlen. Stattdessen habe man sich an der Definition von rechter Gewalt der RAA Sachsen orientiert. Deren Opferberatungsstelle Support verzeichnete allein im vergangenen Jahr 292 rechtsmotivierte Angriffe im Bundesland, etwa die Hälfte davon aus rassistischen Motiven, ein Drittel richtete sich gegen Nichtrechte und politische Gegner. Leipzig als Großstadt war dabei eine Schwerpunktregion. Bei vielen der Fälle in dieser Statistik handelt es sich um Körperverletzung, Nötigung oder Bedrohung – Vorfälle, die der Initiativkreis mit seiner Arbeit überhaupt nicht erfasst. Mit dem Fokus auf tödliche rechte Gewalt habe man sich »die Spitze des Eisbergs« ausgesucht, erklärt Anna. Bei der Auflistung der Todesopfer durch rechte Gewalt erhebe der Initiativkreis keinen Anspruch auf Vollständigkeit: »Wir glauben auch, dass die Dunkelziffer erheblich höher ist.«

Um über rechte Gewalt und die Gefahren einer rassistischen, homophoben und sozialdarwinistischen Weltsicht aufmerksam zu machen, bieten die Mitglieder auch Workshops an Schulen an, zudem organisieren sie regelmäßig Gedenkveranstaltungen. Mit seiner Arbeit verfolge der Initiativkreis ein einfaches Ziel, so Anna: »Dass sich solche Taten nicht wiederholen«. Das sei ein utopischer Gedanke, aber: »Wir glauben, dass dafür eine historische Auseinandersetzung und ein politisches und kritisches Gedenken unweigerlich dazugehören.«


Erinnern geht alle an

Dazu scheint man sich auch im Leipziger Stadtrat zu bekennen: 2020 beauftragte Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), den Menschen, die durch rechte Gewalt ermordet wurden, »ein würdiges Gedenken zuteil werden zu lassen«. Dabei wurde explizit beschlossen, sich für die Erinnerungsarbeit auch auf die Arbeit des Initiativkreises zu stützen. Dennoch sei die Zusammenarbeit mit der Stadt nicht immer einfach, erklärt Anna: »Ich glaube, gerade Themen wie Gedenksteine und -tafeln sind extrem bürokratisch. Das frisst viel Zeit, die wir nicht haben, weil wir das alles ehrenamtlich machen.« Auch eine Auseinandersetzung des Stadtgeschichtlichen Museums mit der Thematik gehört zu dem Stadtratsbeschluss. Im Rahmen der Recherchen für die zurückliegende Ausstellung »Zwischen Aufbruch und Abwicklung. Die 90er in Leipzig« entstand der Kontakt zwischen dem Museum und dem Initiativkreis, erinnert sich Tim Rood vom SGM. Mit »Die verschwiegenen Toten« wolle man dazu beitragen, rechte Gewalt sichtbar zu machen: »Ich finde es wichtig, diese Gelegenheit zu nutzen, die Stadtgesellschaft aufzufordern, selbst Dinge in die Hand zu nehmen, zivilgesellschaftlich aktiv zu werden und zu erinnern«. Vielen Menschen sei nicht klar, wie präsent rechte Gewalt in Leipzig ist – das beschränke sich nicht »nur« auf Morde, die aus diesen Motiven verübt wurden, »lange Zeit wurde nicht erinnert, dass es in Leipzig-Grünau tatsächlich einen der ersten Brandanschläge auf ein Asylwohnheim in den neunziger Jahren gab, noch vor dem Pogrom in Hoyerswerda 1991.«

Die Ausstellung im SGM bietet nun bis Ende Oktober eine Plattform für die Auseinandersetzung mit den tödlichen Konsequenzen rechter Gewalt und ihren gesellschaftlichen Ursachen – und damit eine Chance für jeden Einzelnen und jede Einzelne: Gedenken nicht nur den Hinterbliebenen oder Engagierten zu überlassen, sondern sich selbst an die Toten zu erinnern und sich mit den Umständen, die zu ihrer Ermordung führten, auseinanderzusetzen. 


> bis 31.10., Di–So 10–18 Uhr, Stadtgeschichtliches Museum, Altes Rathaus, Eintritt frei, www.niemals-vergessen.org


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