anzeige
Kultur

»Jetzt erst recht!«

Eine Veranstaltungsreihe am Lofft setzt sich mit Klassenfragen im Kulturbetrieb auseinander

  »Jetzt erst recht!« | Eine Veranstaltungsreihe am Lofft setzt sich mit Klassenfragen im Kulturbetrieb auseinander  Foto: Szene aus »Bau How«/Tim Weseloh

Zu wissen, wie man sich für einen Theaterbesuch kleidet oder mit Leichtigkeit über klassische Werke der Literatur smalltalken zu können – das sind keine selbstverständlichen Fähigkeiten. Welchen Zugang jemand zu Kultur hat oder wer die Chance bekommt, Theaterstücke zu inszenieren und die eigenen Perspektiven sichtbar zu machen, darüber entscheidet nach wie vor zu großen Teilen, aus welchem Elternhaus man kommt. Der Begriff Klassismus beschreibt Ungleichheiten wie diese, die aufgrund der sozialen Herkunft zu Diskriminierung und Benachteiligung führen.

Das Lofft widmet dieser Thematik die Veranstaltungsreihe »Klassenfragen – Was machen deine Eltern eigentlich beruflich?«. Noch bis 21. November sind Performances, ein Gesprächsformat und eine offene Probe zu sehen, die sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Der kreuzer hat mit Programm- und Produktionsleiter Maiko Miske darüber gesprochen, warum im Theater Fahrräder repariert werden und das Publikum seinen Senf dazugeben soll.

»Was machen deine Eltern eigentlich beruflich?« − Warum ist das eine Klassenfrage, die ihr am Lofft stellen wolltet?

Eigentlich steht dahinter die Frage: Welche Chancen hattest du? Soziale Herkunft bestimmt immer noch, welche Möglichkeiten jemand hat und welche nicht. Auch wenn wir uns natürlich immer wieder das Märchen von der Leistungsgesellschaft erzählen: Wenn du dich anstrengst, dann kannst du es schaffen oder andersrum, wer es nicht geschafft hat, der hat sich nicht genug angestrengt. Dabei blenden wir aus, welche Chancen eine Person hatte. Wir haben als Menschen in dieser Gesellschaft ja nicht alle den gleichen Startpunkt.


Und was genau hat den Anstoß zu der Veranstaltungsreihe gegeben?

Wir haben uns mit diesem Thema in den letzten Jahren immer wieder punktuell beschäftigt, aber wir wollten das einmal verdichten und dem mehr Raum geben. Wir hatten zunächst geplant, zwei Stücke zu zeigen, die sich mit Klassismus auseinandersetzen. Zum einen das Stück »Klasse« von »M.over Company«, das im November bei uns zu sehen ist. Das zweite Stück musste dann aber wegen mangelnder Förderung abgesagt werden, weil die Arbeitsbedingungen sonst einfach zu prekär gewesen wären – passend zum Thema. Aber wir haben entschieden, wir machen das trotzdem – jetzt erst recht! Und haben dann überlegt, wie wir ein Programm darum aufbauen können.


Was war Ihnen bei der Programmgestaltung wichtig?

Wir wollten nicht nur inhaltliche Vielfalt, sondern auch eine Vielfalt in den Formaten, um Zugangsbarrieren abzubauen. Wir haben jetzt vier Stücke, die klassische Bühnenproduktionen sind, aber auch vier Veranstaltungen, die eher freiere Sonderformate sind, zum Beispiel »Kette und Küche« mit einer Fahrradwerkstatt und einer Küche für alle. Wer wenig Geld hat, ist oft stärker darauf angewiesen, Dinge selbst reparieren zu können. Und nicht jede Person hat jemanden im Umfeld, der einem mal eben zeigt, wie man ein Fahrrad wieder flottmacht. Mit der Küche für alle wollten wir außerdem einen Ort schaffen, an dem Menschen unabhängig vom eigenen Geldbeutel zusammenkommen, gemeinsam essen und miteinander ins Gespräch kommen können. Wir hatten auch eine Kooperation mit der solidarischen Lesebühne und im November eine offene Probe für das Stück »Klasse«. Es war uns wichtig, Teilhabe zu ermöglichen, indem wir das Publikum in den Produktionsprozess involvieren. Wir sagen: Kommt doch mal und gebt euren Senf dazu! Wir haben auch in der Ankündigung darauf geachtet, dass wir die Sprache zugänglicher machen. Dabei kommt dann natürlich die Frage auf, ob man diese Zugänge nicht dauerhaft schaffen müsste…


Was muss sich im Theater insgesamt ändern, um Klassismus abzubauen?

Natürlich müssen sich Arbeitsbedingungen und Zugänge ändern. Es gibt viele offensichtliche Barrieren wie hohe Ticketpreise. Oder die Frage, wer überhaupt die Möglichkeit hat für den Theaterbereich ausgebildet zu werden. Wer kann es sich leisten, die schlecht bezahlten Praktika zu machen? Auch die weniger offensichtlichen Barrieren spielen eine große Rolle. Was kommt überhaupt auf die Bühne? Wer ist da sichtbar und wer nicht? Verstehe ich überhaupt, wie eine Institution wie das Theater funktioniert? Wie muss ich mich da verhalten, was muss ich anziehen? Habe ich überhaupt die richtigen Klamotten, um ins Theater zu gehen? Ich finde, es sollte nicht nur darum gehen, dass sich Menschen an die Institutionen anpassen, sondern genauso darum, dass sich Institutionen auf die Menschen einstellen, die zu ihnen kommen.


Wie setzt sich das Lofft selbst denn mit Klassismus und Zugangshürden auseinander?

Als freies Haus funktionieren wir anders als staatliche Theater. Wir fördern den Nachwuchs, die lokale Szene, weisen auf Fördermöglichkeiten hin und stehen damit gerade für Künstler:innen ein, die selbst nicht diese Zugänge haben. Dieser Wissenstransfer und diese Unterstützung ist eines unserer Hauptanliegen. Sehr lofft-spezifisch ist auch, dass unser Programm nicht hierarchisch von oben entsteht, wie es bei vielen Häusern der Fall ist, sondern schon seit über 20 Jahren durch einen künstlerischen Beirat. Wir achten beim Beirat darauf, dass Bipoc (Black, indigenous und People of color, Anmerkung der Redaktion) Perspektiven, queere Perspektiven, aber auch verschiedene Fachexpertisen vertreten sind. In unserer Auseinandersetzung mit Klassismus haben wir jetzt auch festgestellt, dass ein großer Teil unseres Teams aus Arbeiter:innenfamilien kommt. Das ist am Theater selten so. Und trotzdem ist es auch richtig, sich als Institution nicht aus der Kritik zu nehmen. Auch wir reproduzieren bestimmte Strukturen und darüber muss man immer wieder sprechen.


Was soll das Programm beim Publikum anstoßen?

Theater kann Perspektivwechsel ermöglichen und das wünsche ich mir auch in Bezug auf dieses Programm. Wir bewegen uns auch im Alltag in klassistischen Strukturen, nehmen sie aber oft gar nicht wahr. Und da wünsche ich mir, dass die Veranstaltungen zum Nachdenken anregen, dass man klassistische Strukturen vielleicht besser erkennt und nicht einfach hinnimmt, wenn diskriminierende Dinge passieren. Das Thema soziale Herkunft sollte nicht als Makel begriffen werden. Ich muss da an eine Aussage aus Paweł Matusz’ Text bei der Solidarischen Lesebühne letzte Woche denken. Nämlich, dass gesellschaftliche Strukturen oft als eigene Persönlichkeit wahrgenommen werden. Man denkt schnell, man selbst sei das Problem, aber das stimmt nicht. Man ist Teil einer Gesellschaft, in der die klassistischen Strukturen das Problem sind.


> Klassenfragen – Was machen deine Eltern eigentlich beruflich? Bis 21.11, Lofft, www.lofft.de

> Nächste Veranstaltung: Bau How. 30.10., 20 Uhr, Lofft


Kommentieren


0 Kommentar(e)