Dokblog 2026

»You have to hate the rich«

Die diesjährige Retrospektive als Appell

  »You have to hate the rich« | Die diesjährige Retrospektive als Appell  Foto: dok leipzig

Die diesjährige Retrospektive des Dok-Filmfestivals ist ein Appell für den Widerstand: Der Banner »Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West« vereint 21 Filme über und aus Lateinamerika der 1960er und 1970er Jahre. Sie erzählen von den sozialen Kämpfen, von revolutionären Bewegungen gegen die damaligen Militärdiktaturen wie etwa in Chile und Argentinien. Das radikal politische Kino begehrte mit seinen künstlerischen Mitteln, wie etwa Montage, durch found-footage-Material, gegen soziale Ungleichheit, staatliche Repressionen und kulturelle Fremdbestimmung auf. Deshalb hatten die Filmemacher damit zu kämpfen, das Material in ihren Herkunftsländern zu zeigen, zu erhalten und zu verbreiten. Da es auch internationales Interesse an dieser Kunst, an diesen Dokumentationen gab, verweist die diesjährige Retrospektive zudem auf die Zusammenarbeit zwischen DDR und der damaligen BRD, auf die Kollaboration des Dok mit dem Arsenal Berlin, dem Bundesarchiv und den Kurzfilmtagen in Oberhausen, die dazu beitrug, die Filme zu bewahren und zu zeigen. So können wir heute nicht nur in die Geschichte schauen, sondern in den starken Bildern auch als Einladung verstehen, sich ganz gegenwärtig aufzulehnen, auf die Straße zu gehen und sich gegen Ungerechtigkeiten zu vergemeinschaften:

So auch der Film »Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind« (1976, DDR) von Walter Heynowski, Gerhard Scheumann (Studio H & S, ein unabhängiges Dokumentarfilmstudio der DDR) sowie Peter Hellmich, der nach der Zeile aus dem Gedicht »Die Kommunisten« des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda benannt ist. Zum Zwecke damals eine Dreherlaubnis in Chile zu erhaschen, kündigten die Filmemacher ein Porträt über den Erfolg der Regierung Pinochets an. So entstehen kontrolliert inszenierte Bilder der Repressiven, die durch geschickte Kommentare und ergreifende Gegenüberstellungen mit Bildern aus der Bevölkerung unterlaufen werden. Man fühlt das Leid der zahllosen Arbeitssuchenden, den Frauen die voller Sehnsucht, voller Trauer ihre Männer und Kinder die in Gefängnissen und Konzentrationslagern verloren und dort Folter aushielten. Diese Gegensätze entladen sich mit einer unglaublichen Kraft dafür die Gegenwart, für die Zuschauerinnen und Zuschauer. Die Vorführung zeigte erstmalig die digital restaurierte Fassung des Films.


»Abastecimiento« (1973, Chile, R: Raúl Ruiz) prangert die Diskriminierung durch die Verteilung von Gütern an. Gegensätzliche Milieus, eine Sekretärin, der sozialistische Wirtschaftsminister und das lokal organisierte Komitee zur Kontrolle und gerechten Verteilung von Lebensmitteln und Gütern müssen durch filmische Montage in den Dialog kommen. Eine wohlhabende Frau erkennt die Missstände und gleichwohl ihre eigene Position: »You have to hate the rich«.
Douglas Hübner dokumentiert mit »Herminda de la Victoria« (1969, Chile) wie sich eine Gruppe Obdachloser eine neue Stadt baut. Was sich wie eine Utopie anhört, ist vielmehr eine notgedrungene Vergemeinschaftung, eine verbindender Fluchtversuch aus schlechten Wohn- und Arbeitsbedingungen in Santiago. Benannt ist der Film nach der Hoffnung auf den Sieg Hermindas, ein Kind, das während des ersten polizeiliche Räumungsversuchs der Siedlung verstarb.

Tief prägen sich die Bilder ein, es ist radikales Kino - damals wie heute. CLAUDIA HELMERT

Retrospektive 
»Kino und Kampf. Lateinamerika zwischen Ost und West«
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30.10.2026, 17.00 Uhr, »Kino und Kampf 5«, CineStar 5
31.10.2026, 17.00 Uhr, »Kino und Kampf 6«, CineStar 5
01.11.2026, 17.00 Uhr, »Kino und Kampf 7«, CineStar 5
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​https://www.dok-leipzig.de/programm/filme?f[0]=section_film_finder_:6272 


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