Kultur

Die Miseren des Alltags

Arbeiten des Künstlerduos Mailand/Innenhof sind im Museum der bildenden Künste und bei Plast zu sehen

  Die Miseren des Alltags | Arbeiten des Künstlerduos Mailand/Innenhof sind im Museum der bildenden Künste und bei Plast zu sehen  Foto: Blick in die Ausstellung »re:miserere/PUNCTUM, Alexander Schmidt

Was hat eine Oper, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Aragonien spielt, uraufgeführt 1853, mit dem 21. Jahrhundert zu tun? Der Frage kann man bis zum Sonntag im Museum der bildenden Künste nachgehen – im Angesicht von fünf unterschiedlich großen Leinwänden in der Videoinstallation »re.miserere« vom Künstlerduo Mailand/Innenhof (Günther Mailand *1988/ Hans Innenhof *1989). Sie nahmen Giuseppe Verdis Oper »Il trovatore« (»Der Trobadour«) zum Anlass, um Wirklichkeiten aufeinandertreffen zu lassen. Aus der Oper, die sich um Macht, Liebe, Scheiterhaufen, Verwechslungen, Sterben und Leben mit Schuld dreht, entnahmen Mailand/ Innenhof die im vierten Akt vorkommende Arie »Miserere«.

Ihre Bearbeitung für vier Instrumente, einen Chor, einen Sänger und eine Sängerin sind auf Leinwänden in einem Museumskabinett im dritten Obergeschoss des Museums zu sehen. Sie zeigen die unterschiedlichen Akteure an ganz unterschiedlichen Plätzen: der Chor in einer Kirche, der Dirigent (Gellért Szabo) in einem Lesesaal der Albertina, vier Musikerinnen in einem Edeka, der Sänger (Steven Klose) mit einem Schwein in einem Stall und die Sängerin Madeline Cain vor der Servicetheke in der Arbeitsagentur. Gefilmt wurde der jeweils wenige Minuten währende Auftritt – der ohne Ankündigung erfolgte – mit der Handykamera. Im Museumsraum hängen die Leinwände mit den jeweiligen Szenen in verschiedenen Höhen und ergeben beim Davorstehen oder -sitzen ein Gesamtbild samt Tonspuren. Was passiert, wenn plötzlich Töne erklingen? Wie reagiert die Umgebung? Erzeugt eine Intervention selbst neue Interventionen? Welche Rückschlüsse mögen daraus auf die gesellschaftliche Situation an sich gezogen werden können?

Wer sich zum Beispiel die Leinwand mit der Sängerin im Arbeitsamt anschaut, der sieht sitzende und stehende Wartende – das traditionelle Bild von einem Amt, auch wenn das seit einiger Zeit durch die Umbenennung in Agentur ein dynamisches Selbstbild vermitteln möchte. Einige Menschen wirken interessiert, andere gelangweilt, manche angestrengt abwesend. Gleichwohl erklingt Applaus am Ende des Gesangs, während die Sängerin kommentarlos den Ort verlässt. Das kann das temporäre Publikum allerdings nicht, da es warten muss um seine Anliegen vorzutragen.

Mailand/Innenhof beschäftigen sich mit öffentlichen Räumen, agieren dort und lassen dort agieren. Dabei versuchen sie die reglementierte Anordnung in ihnen außer Kraft zu setzen oder zumindest in Frage zu stellen. Bei den Aufführungen können Irritationen entstehen, sind nervöse Gesten des Wiederherstellens von vermeintlicher Normalität zu beobachten wie etwa die Angestellten des Supermarktes die Musikerinnen herausdelegieren. Ruhe, Ordnung, Sicherheit bilden Schlagworte der öffentlichen Ordnung, aber dabei spielt manchmal auch Musik eine Rolle wie die seit fast zehn Jahren wahrzunehmende Beschallung vor den Hallen des Hauptbahnhofs in Leipzig deutlich macht. Seitens des Centermanagements soll diese akustische Kulisse an die Tradition der Musikstadt Leipzig anknüpfen. Gleichwohl kann die Beschallung natürlich auch als ordnungspolitische Intervention verstanden werden, um sowohl das Stadtbild als auch die gleißende Warenwelt im Inneren aufzuwerten und die davor Sitzenden so zu nerven, dass sie sich einen anderen Ort des Verweilens suchen. Schnell können solche Eingriffe als Norm erlebt werden. Die Kunst kann dies ebenso befragen wie sie selbst Situationen jenseits der Alltagswelt erschafft, um das Reaktionsverhalten in der Wirklichkeit auf die Probe zu stellen. Im Museum zeigen sich die unterschiedlichen Situationen einem Publikum, dass sich auf einer Bank entweder allen fünf Leinwänden gleichzeitig zuwendet oder an ihnen entlanggeht und beobachtet.

Die Installation, unterstützt durch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Leipziger Kulturamtes, endet am Sonntag, dann wird es im Haus wieder ruhig, denn bewegte Bilder mit Tonkulisse sind bisher in der Dauerpräsentation nicht zu finden.

Im Leipziger Osten ist aktuell eine weitere Intervention von Mailand/ Innenhof unter dem Titel »Fallen« zu sehen. Auch sie wartet mit Überraschungen im öffentlichen Raum auf.


> Mailand/ Innenhof: »re:miserere«: bis 8.11. Museum der bildenden Künste

> »Fallen«: Plast, Stannebeinplatz 7, 04347 Leipzig, bis 18.12., So: 15-18 Uhr

> Mailand-innenhof.org


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