Stadtleben

»Dieser Angriff der Nazis galt nicht nur Mendelssohn«

Anselm Hartinger über die Zerstörung des Mendelssohn-Denkmals vor 90 Jahren durch die Nationalsozialisten

  »Dieser Angriff der Nazis galt nicht nur Mendelssohn« | Anselm Hartinger über die Zerstörung des Mendelssohn-Denkmals vor 90 Jahren durch die Nationalsozialisten  Foto: Christiane Gundlach


Drei Stunden vor unserem Interview schickt die Stadt Leipzig eine Pressemitteilung raus: Laut Bürgerumfrage sind 45 Prozent der Leipzigerinnen und Leipziger »stark oder sehr stark« an der Geschichte der Stadt interessiert. Et voilà, der Musikwissenschaftler und Direktor des Stadtgeschichtlichen Museums Anselm Hartinger über die Bedeutung Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847) für Leipzig – 90 Jahre nach Zerstörung dessen Denkmals durch die Nazis.

Herr Hartinger, Felix Mendelssohn Bartholdy lebte und arbeitete nur wenige Jahre in Leipzig, wurde hier aber Ehrenbürger, bekam mehrere Denkmäler, die Musikhochschule ist nach ihm benannt, ein Saal im Gewandhaus ebenso. Sein letztes Wohnhaus ist ein Museum, es gibt jedes Jahr im November die Mendelssohn-Festtage. Wie würden Sie seine Bedeutung für Leipzig kurz umreißen?

Mendelssohn war nur ein Dutzend Jahre in Leipzig, hat aber unfassbar tiefe Spuren hinterlassen. Er hat die Strukturen des modernen Musiklebens in Leipzig neu begründet: das Gewandhaus in eine völlig andere Spielkultur geführt, das Konservatorium – die heutige HMT – als erstes seiner Art in Deutschland gegründet, Bach wieder entdeckt, das erste Bach-Denkmal der Welt gestiftet … und er war ein echter Europäer, trat in London, Paris und Rom auf. Er verkörpert, glaube ich, in ganz besonderer Weise die speziellen Qualitäten der Leipziger Kultur und Geschichte: zentriert um die Musik, aber eben ergänzt um Liberalität, Wirtschaft und Bürgerstolz. Sein früher, völlig unerwarteter Tod hat eine tiefe Lücke gerissen.


Relativ kurz nach seinem Tod kam aber auch die größte Kritik an ihm von einem Leipziger.

Ja, 1850 hat Richard Wagner mit seiner Schrift »Das Judenthum in der Musik« in die Verehrung Mendelssohns quasi eine Bombe geworfen. Das war eine Gemeinheit und sachliche Ungerechtigkeit. Da hat Wagner die Herausbildung des modernen Antisemitismus mit einer kulturbezogenen Verschwörungstheorie unterstützt. Das wird bei aller Verehrung für seine moderne, für viele Menschen fesselnde Musik immer ein schwarzer Fleck auf Wagners Biografie bleiben.


Ihm wollten die Nazis in Leipzig ein Nationaldenkmal bauen. Das Denkmal für Mendelssohn haben sie am 9. November 1936 zerstört – zwei Jahre vor der Reichspogromnacht, also vor neunzig Jahren. Was ist damals passiert?

Das Denkmal, das nach langen Vorbereitungen seit 1892 vor dem Zweiten Gewandhaus stand – ungefähr dort, wo heute das Geisteswissenschaftliche Zentrum der Universität steht –, um Mendelssohn als Mitbegründer der Leipziger Musiktradition und herausragenden Komponisten zu ehren. Die heroischen Züge des Fin de Siècle in der Arbeit von Werner Stein – Mendelssohn thront da quasi als Feldherr der Musik – hätte er selbst sicher nicht gewollt: »Sein« Bach-Denkmal hat bei aller Bewunderung eine bescheidene Form. Das Mendelssohn-Denkmal gerät ab 1933 natürlich stark unter Druck, als die fanatisch antisemitischen und Wagner zugetanen Nationalsozialisten auch in Leipzig an die Macht kommen. Und 1936 verschärft sich die NS-Kulturpolitik merklich, immer mehr Stimmen aus NSDAP-Gremien und dem Stadtrat fordern, diesen aus ihrer Sicht »Schandfleck« zu beseitigen – vielleicht auch, weil es mit dem Nationaldenkmal für Wagner nicht so recht vorangeht. Zu dessen Grundsteinlegung am Elsterflutbecken ist Leipzigs Oberbürgermeister Carl Goerdeler mit Hitler aufgetreten. Aber den Abriss des Mendelssohn-Denkmals versucht Goerdeler zu verhindern – als er im Spätherbst auf eine Auslandsreise nach Skandinavien geht, verpflichtet er seinen Stellvertreter Rudolf Haake, das Denkmal auf keinen Fall anzutasten. Und Haake, der schon 1922 in die NSDAP eingetreten und also glühender Nationalsozialist war, hat dann nichts eiliger zu tun, als den Abriss am Stadtrat vorbei anzuordnen, der in der Nacht zum 9. November 1936 erfolgt. Er wollte sich damit als neuer OB andienen, wurde später aber regimeintern ausgebootet.

Das Gewandhausorchester 1927 vor dem Mendelssohn-Denkmal (© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig)

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Als Goerdeler zurück in Leipzig ist, reicht er seinen Rücktritt als OBM ein – explizit wegen des Denkmal-Abrisses.

Ja. Er erkennt, dass er keinen Rückhalt bei den Machthabern mehr genießt. Nach dem Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde er verhaftet und hingerichtet – und wird deshalb immer mit dem Widerstand verbunden und für Leipzig wichtig sein. Trotzdem muss man auch kritisch anmerken: Er ist 1930 als deutschnationaler Sanierer in die Stadtverwaltung gekommen und einer der ganz wenigen führenden Kommunalpolitiker im Reich, der 1933 im Amt bleibt. Mein Eindruck ist schon, dass er durch ostentatives Hochhalten bürgerlicher Werte einen gewissen Anstand in der Politik versuchte aufrechtzuerhalten – er hat aber auch Denkschriften für Hitler und die Reichsregierung geschrieben. Diese Geschichte mit dem Denkmal hat ihn als klassischen Bildungsbürger sicher sehr getroffen, möglicherweise hat er aber auch eine Gelegenheit gesehen, einen Schnitt zu machen, ohne gleich in offene Opposition zu treten.


Seit 2008 steht ein Abbild von Steins Mendelssohn-Denkmal in der Nähe der Thomaskirche. Wie kam es dazu?

Dieser Angriff der Nazis galt nicht nur Mendelssohn, sondern der liberalen Kultur und bürgerlichen Tradition Leipzigs. und so wurde es auch empfunden. Deshalb hat man nach 1945 relativ früh begonnen, zumindest das Andenken an Mendelssohn wieder in den Vordergrund zu stellen und schon 1946 am Standort der Gewandhausruine einen ersten Denkstein errichtet. In den Siebzigern beginnt dann mit Kurt Masur wieder eine regelmäßige Mendelssohn-Pflege. Im Gewandhaus steht die Statue von Jo Jastram, die Mendelssohn vom Sockel holt und als einen sehr jungen, sehr beweglichen Künstler zeigt. Das ist sicherlich das beste Mendelssohn-Denkmal in der Stadt.


Das Denkmal an der Thomaskirche gefällt Ihnen nicht so?

Natürlich bin ich sehr froh, dass dieser barbarische Akt in gewisser Weise zurückgenommen wurde. Aber das Denkmal ist ein Eins-zu-eins-Abguss – ich würde mir dort einen deutlich größeren Störer wünschen, der sagt: Hier ist eine grauenhafte Gewalttat geschehen, erst am Denkmal, dann an vielen anderen Menschen. Und auch der Standort ist nicht ganz unproblematisch. Denn in dieser – sicher nicht falschen – Nähe zu Bach geht der moderne, sinfonische Komponist, der eigenständige Mendelssohn etwas unter.


Ist das
Mendelssohn-Ufer, diese begehbare stilisierte Notenzeile, da eher in Ihrem Sinn?

Mendelssohn war ein junger Mensch, sehr kommunikativ. Wenn man für ihn einen Ort schafft, wo Menschen sich begegnen, sich wohl fühlen, vielleicht auch mal Musik hören oder die Gitarre auspacken, ist das sicher gut.


Was haben Sie gedacht, als dort im Sommer 2024 der hiesige Pro-Palästina-Protest campierte?

Wir sind eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft und eine liberale Stadt, in der politische Meinungsäußerung ihren Platz hat und haben muss. Zumal das Leiden im Nahen Osten furchtbar ist. Ob es aber ein guter Gedanke ist, ausgerechnet an einen Ort, wo ein Mensch postum so eindeutig durch antisemitische Anwürfe gebrandmarkt wurde, so ein Camp hinzuverlegen, würde ich schon bezweifeln. Im Grunde genommen geht man damit dem notorischen Antisemiten Wagner auf den Leim und missbraucht einen solchen Ort. Und das sollte man nach dem, was mit den vielen jüdischen Menschen in unserer Stadt nach 1933 geschehen ist, nicht tun.


> Vortrag »Das Leipziger Mendelssohn-Denkmal – Zerstörung und Auferstehung«: 8.11., 15 Uhr, Mendelssohn-Haus, Gartenhaus, Eintritt frei – vorher: Rundgang »Auf den Spuren des Mendelssohn-Denkmals«: 8.11., 13 Uhr, Treffpunkt: Mendelssohn-Haus, 15 € – beides im Rahmen der Mendelssohn-Festtage: 1.–8.11., Mendelssohn- und Gewandhaus, www.mendelssohn-stiftung.de


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