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Alice Urciuolo

Alice Urciuolo

Verehrung. Aus dem Italienischen von Verena von Koskull. Freiburg i. Breisgau: Nonsolo 2025. 392 S., 24 €

Alice Urciuolo.

»fVerehrung«, etymologisch für Bewunderung und Anrufung, betitelt diesen bittersüßen Bildungsroman und dessen zwischenmenschliche Beziehungen trefflich: die der Eltern zu ihren Kindern, der Kinder zu ihren Peers, der Jugendlichen zu ihren Geliebten. Er spielt im August in Pontinia, ein Ort der Mittelschicht in Mittelitalien, gegründet übrigens 1935, nachdem Mussolini die dortigen Sümpfe zu Agrarland gewandelt hatte. Auch heute steht die Stadt noch immer in tiefer Verehrung zum Duce, wie die Erzählinstanz einführend bemerkt: Auf hiesigen Schulwänden mischen sich »faschistische DUCE REGNA-Kritzeleien mit Liebeserklärungen«. Hier hadert Diana mit ihrem Muttermal, vergöttert der faschistoide Gianmarco ihre Cousine Vanessa, himmelt Vera ihren Bruder Giorgio an, der wiederum Obsessionen für Elena hatte, getötet vor einem Jahr, von ihrem Freund. Den Grund haben alle Charaktere dieses von Blickwechseln geprägten Romans selbst zu finden. Es geht um Leere, Lasten, Leidenschaft – dem Erwachsenwerden in einem Ort des Wohlstands, der völlig frei von jeder Verantwortung und Kultur ist. Hier verehren die Alten, was mal war, verschweigen Unangenehmes, erwarten von allen Verehrung, untereinander und vor allem für sich selbst. Verehren heißt auch Selbstaufgabe, quasi Unterwerfung als Lebenseinstellung. Verehrung schafft ein unheimliches wie gewaltvolles Kleinbürgertum. Alice Urciuolos Debütroman erzählt das alles ganz leicht. Dabei liegt die eigentliche Schwere in den Entscheidungen, die die 15- bis 20-jährigen Hauptfiguren des Romans zu treffen haben. Jene für oder gegen eine unbestimmte Zukunft. Für eine Welt vielleicht, die nicht durch verklärte Romantik, Prestigebedürfnisse und ein politisches Vakuum zusammengehalten wird. »Verehrung« ist ein Plädoyer für das Abenteuer im Unbekannten. Marcel Hartwig


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