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Julian Barnes: Die einzige Geschichte Größeres Bild

Julian Barnes: Die einzige Geschichte —

Aus dem Englischen von Gertraude K“rueger. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2019. 304 S., 22 €

Wann werden Bücher endlich in pompöse, goldene Rahmen gehängt und im Louvre ausgestellt oder für Millionenbeträge versteigert? Julian Barnes erweist sich in »Die einzige Geschichte« mal wieder als Alter Meister, den man noch nie gesehen (bzw. gelesen) haben muss, um seine Größe und seine Tiefe erahnen zu können. Nach wenigen Seiten schon hat man das Gefühl, etwas Erhabenes in den Händen zu halten, etwas Wertvolles, etwas, das einem die eigene Unzulänglichkeit bewusst macht, nicht abwertend, sondern ermunternd: Schau dir an, was alles möglich ist. Man sitzt gleich ein bisschen aufrechter im Sessel, streicht sich die Kleidung glatt.

Apropos Kleidung. Dieses Meisterwerk (erwähnte ich es bereits?) erzählt von der einen Liebe, die unser Leben prägt, egal ob sie eine Katastrophe war oder im Sande verlief oder sich nur in Gedanken abspielte. Und es ist ein Kleidungsstück, das uns mit Paul erstmals erahnen lässt, dass Susan, diese 30 Jahre ältere Frau, »seine« einzige Geschichte sein wird, bleiben wird, ganz unabhängig von allem. Sie ist es.

Wir befinden uns im Speckgürtel von London vor 50 Jahren, »die jüngeren Frauen im Village kochten nun schon wagemutiger, und ihre Ehemänner fanden das überwiegend gut«. Man trifft sich im Tennisclub, naja, die feine englische Gesellschaft halt, Sie wissen schon! Mrs. Susan Macleod ist anders als die anderen, macht sich über ihren Golf spielenden Mann lustig (»Ich finde es unsportlich, auf einen ruhenden Ball einzuschlagen.«). Wochenlang spielen sie und Paul Tennis, quatschen und scherzen, aber auf einmal, zack, unbewusst und unschuldig, fragt sich Paul, ob die grünen Knöpfe auf Susans oft gesehenem Tennisdress sich »öffnen lassen oder nur Verzierung sind«. Ab diesem Moment sind wir in seiner »einzigen Geschichte«, es ist kein Schri getan, aber das Driften hat begonnen.

Der alte Mann, der Paul mittlerweile ist und uns vom »anderen Ende des Lebens« diese Geschichte erzählt, verlässt sich dabei auf sein Gedächtnis, immer mal wieder weiß er nicht mehr, welche Farbe ein Autositz oder Armaturenbrett hatte, was er studierte, will er nicht verraten. Aber er erwähnt diese nicht gesagten Sachen eben doch und also sind sie da, ganz plastisch in ihrer Abwesenheit: »Ich habe kaum Erinnerungen an das Wetter in meinem Leben. … Doch wenn Sie mich auf einem Rasenplatz Tennis spielen sehen, dürfen Sie daraus gerne schließen, dass es dann weder regnete noch schneite.«

Das alles würde diesen Roman zu einem sehr guten machen, zu einem, der diese »einzige Geschichte« in guter Erinnerung behält. »Aber das kann ich nicht«, sagt Paul nach 123 Seiten. Es folgen 180 weitere, der Erzähler wechselt vom Ich zum Du zum Er. Bloß weil es nur eine einzige Geschichte ist, heißt das ja nicht, dass sie einfach sein muss. Ist die Mona Lisa ja auch nicht.

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