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Kate Briggs

Kate Briggs

Die Unendlichkeit eines Tages. Aus dem Englischen von Sabine Voß. Hamburg: Nagel & Kimche 2025. 576 S., 24 €

Kate Briggs.

Helen, übermüdet, geht mit Rose, ihrem Baby, in der Wohnung umher, um sie in den Schlaf zu wiegen. Es ist eine komplexe, behutsame Choreografie für zwei, die beständig aufeinander reagieren. Endlich schläft das Kind, wodurch auch für Helen die Aussicht auf Schlaf in greifbare Nähe rückt – da klingelt die Post an der Tür. Mehrmals! Wer dachte, der Tag einer Mutter und ihres Säuglings halte nicht genügend Spannungsbögen bereit, wird hier eines Besseren belehrt. Die fragile Abhängigkeit der beiden Protagonistinnen voneinander, von Briggs in präziser, treffsicherer Sprache (übersetzt von Sabine Voß) beschrieben, bietet Fallhöhen und Plot-Twists. Was der störende Paketbote ins Haus bringt, ist ein Buch: Henry Fieldings »Tom Jones – Die Geschichte eines Findlings«. Mit Ankunft des Romans im Roman begibt sich dieser zunehmend ins Essayistische. Briggs stellt die intime Nahaufnahme von Helen und Rose in Dialog mit den Weiten der Literaturästhetik. Das Alltägliche wird Ausgangspunkt philosophischer Betrachtung – ganz im Sinne Roland Barthes’, aus dessen Vorlesungen zum Romanschreiben der englische Originaltitel »The Long Form« entlehnt ist. Immer wieder bricht das Konkrete ins Abstrakte. Dies gelingt großartig, wenn Helen, nass vom Spaziergang, mit Rose im Tragetuch in eine Vorlesung von E. M. Forster des Jahres 1927 hereinplatzt und ihr Baby als radikale Verweigerin der strukturierten Zeit anführt. Oft wirken die langen Nacherzählungen von Fielding und anderen jedoch wie eine Flucht, als würde dem radikalen Experiment eines ganzen Romans über die zarte und nervenaufreibende Zweisamkeit einer Mutter und einer Neugeborenen nicht ganz vertraut. Dabei berühren und interessieren deren Erlebnisse, und Briggs beweist eindrücklich ihren literarischen und philosophischen Gehalt. Annika Henrich


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