anzeige
anzeige
Martin Thomas Pesl: Buch der Tiere

Martin Thomas Pesl: Buch der Tiere

Martin Thomas Pesl: Buch der Tiere. 244 S.

Keine Bange, die schrecklichen »Warrior Cats« kommen in Martin Thomas Pesls »Buch der Tiere« nicht vor. Es geht ja um Weltliteratur. Mehr oder weniger. Aber dass neben Melvilles Moby Dick, Ebner-Eschenbachs Krambambuli, E.T.A. Hoffmanns Kater Murr oder Goethes Reineke Fuchs auch der Löwe aus Sibylle Lewitscharoffs »Blumenberg«, Käpt’n Blaubär oder der prächtige Zuhälter-Argentino Puppi aus Wolf Haas’ Brenner-Roman »Wie die Tiere« Aufnahme gefunden haben, geht schon in Ordnung. Bloß die üblichen Verdächtigen wären ja fad. Und Pesl hat ein Händchen für die richtige Mischung. Für jedes der 100 Viecherl hat er einen hübschen Text samt Steckbrief fabriziert. Zusammen mit Kristof Keplers Illustrationen ergibt das einen ebenso lehrreichen wie amüsanten Einblick in die erstaunlich artenreiche Fauna der Weltliteratur. Übrigens scheut Pesl nicht davor zurück, wenn es sein muss, einem Titanen wie Dostojewski handwerkliche Schlampereien nachzuweisen. In »Der Idiot« schenkt Aglaia Fürst Myschkin einen Igel, was im damaligen Russland als Verlobungsantrag galt. Aber als sie ihn fragt: »Haben Sie meinen Igel erhalten?«, versteht der weltfremde Myschkin nicht, was Aglaia von ihm will, und das war es mit der Verlobung. Nur: »Myschkins ästhetische, zoologische oder auch kulturgeschichtliche Bewertung wird danach nie wieder abgefragt. Auch ob den armen Kerl in der Zwischenzeit irgendjemand gefüttert hat, steht nicht im Roman. Ein Jammer, diese symbolhafte Nachlässigkeit.« Was wollen Sie? Wo der Mann Recht hat, hat er Recht: Wenn sich Dostojewski in einem seiner Romane unbedingt einen Igel halten will, soll er sich gefälligst auch um ihn kümmern. Olaf Schmidt


Weitere Empfehlungen