anzeige
anzeige
Robin Bergauf

Robin Bergauf

Wo beginnt der Osten, Genosse? Leipzig: Liesmich 2025. 244 S., 16,95 €

Robin Bergauf.

Den Protagonisten Alex könnte man alshochfunktionalen Tagedieb bezeichnen. Während des russischen Überfalls auf die Ukraine liegt er im Bett, sieht seiner pragmatischen Freundin Liz beim Unruhigsein zu und denkt nach. Würde er diese Rezension lesen, würde er sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem gedanklichen Essay zur Etymologie des Wortes »Tagedieb« verlieren – und vielleicht würde er mich auch hauen wollen, denn das will er oft, wenn ihn jemand wütend macht oder überfordert. Alex’ emotionale Kompetenz weist erhebliche Mängel auf. Und das Verstricken in seinen eigenen Gedanken, die ihm meist alle gleich wichtig erscheinen, so dass er in entscheidenden Momenten kein Wort herausbekommt, hindert ihn auch daran, seine Doktorarbeit zu beenden. Mit ihr will er beweisen, »dass die Ost-West-Trennungsidee ausgedient hat«. Doch der Krieg in der Ukraine und ein heftiger Streit mit Liz werfen sein akademisches und alltägliches System über den Haufen, was nur noch vom Einzug zweier neuer Mitbewohner übertrumpft wird: Sophiia und der Kater Genosse sind aus der Ukraine geflohen und ziehen bei Alex und Liz ein, deren Beziehung bereits ordentlich kriselt. Die in der DDR aufgewachsene Autorin Robin Bergauf hat eine vielversprechende Konstellation geschaffen: mit humoristischem Potenzial und Stoff zum Nachdenken. Die Charakterstudie des überprivilegierten, verkopften, lebensunfähigen und notorisch (vom Weltgeschehen und sich selbst) verwirrten Alex gelingt ihr gut – das wird vor allem dadurch spürbar, dass man ihn mehrmals packen und schütteln möchte. Durch die lebenslustige und intuitiv handelnde Sophiia mit seinen eigenen Ungereimtheiten konfrontiert, hinterfragt Alex diese zwar, legt deshalb aber noch lange nicht seine altkluge Manier ab. Er dient der Autorin als Sprachrohr für allerlei politische und gesellschaftliche Überlegungen, was die Lektüre streckenweise etwas schwergängig macht. (...) Alexandra Huth


Weitere Empfehlungen