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Ralf Schlatter

Ralf Schlatter

Die 7½ Leben des Paul Ungewitter. Innsbruck: Limbus 2025. 128 S., 20 €

Ralf Schlatter.

Alles beginnt im Café des Livres in Paris. Am Nebentisch des Erzählers sitzt ein schweigsamer, großer Mann. Er gibt ihm den Namen Paul Ungewitter und beginnt ihm imaginäre Leben anzudichten. Daraus entspinnt sich ein literarisches Kaleidoskop. In sieben Episoden lebt Paul Ungewitter verschiedenste Leben. Die Geschichten handeln von Liebe, Schuld, Geld, Tourismus, Sport, aber auch vom eigenen Blick auf die Welt. Mal sind sie traurig, mal absurd, mal komisch, oft alles zugleich. Dabei ist Paul immer auch auf der Suche nach Sinn, Nähe, Vergebung und letztlich nach sich selbst. In jeder Episode verlässt Paul das Café, und am Ende steht sein Tod. Unweigerlich fühlt man sich an »Lola rennt« erinnert. Bei beiden geht es um die Frage nach dem Warum und das Verhältnis zwischen Schicksal und Zufall. Während bei Lola kleine Veränderungen in den Handlungen zu völlig anderen Enden führen, erlebt Paul Ungewitter sieben alternative Existenzen. Seine Figur wird von außen erzählt, von einem Beobachter, der aus Pauls bloßer Erscheinung ganze Lebensgeschichten spinnt. »Lola rennt« ist rasant und temporeich, »Paul Ungewitter« ruhiger, literarischer und versponnener. Stilistisch zeigt Schlatter hier seine ganze Stärke. Er schreibt mit geschliffener, poetischer Sprache, einer Mischung aus Melancholie und feinem Witz sowie mit einem liebeswerten Hang zu einer leicht altmodischen Sprache – wo liest man sonst von Manchesterstoff und Schäferstündchen? Besonders gelungen ist das Spiel mit Wiederholungen und Variationen. Es gleicht einem literarischen Musikstück, das Themen immer wieder neu aufnimmt, bricht und weiterführt. Das Buch ist ein Lesegenuss für alle, die Freude am Spiel mit Realität und Fiktion haben. Manja Reinhardt


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