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Matthias Frings

Matthias Frings

Die Milva der deutschen Literatur - Matthias Frings? Biografie des genialen Schriftstellers Ronald M. Schernikau

Matthias Frings. 488 S.

September 1989: Tausende DDR-Flüchtlinge besetzen die Botschaft der Bundesrepublik in Prag und fordern ihre Ausreise in den Westen. Zur selben Zeit erfüllt sich für den Schriftsteller Ronald Schernikau sein Lebenstraum: Er wird Bürger der Deutschen Demokratischen Republik.Wer war dieser Schernikau, der kurz vor Torschluss noch beim Aufbau des Sozialismus mithelfen wollte? In einem frühen Interview hat er sich selbst einmal »die Milva der deutschen Literatur« genannt. Wie die italienische Sängerin Milva anspruchsvolle Chansons und Brecht-Lieder mit einer deutschen Schlagerkarriere vereinbaren konnte, wollte auch Schernikau beides: Politik und große Gefühle. Zeit seines Lebens hat er sich jeglicher Etikettierung verweigert, und es war, weiß Gott, ein ungewöhnliches Leben. Sein enger Freund Matthias Frings hat es aufgeschrieben. Seine Schernikau-Biografie »Der letzte Kommunist« steht auf der Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse. Für Schernikau bedeutete die späte Übersiedlung in die DDR in mehrfacher Hinsicht eine Heimkehr. 1960 in Magdeburg geboren, war er als 6-Jähriger auf abenteuerlichem Wege mit seiner Mutter in die Bundesrepublik geflohen. Ellen Schernikau verließ die DDR keineswegs aus politischen Gründen, sondern aus Liebe. Sie wollte mit Ronalds Vater zusammenleben. Der hatte inzwischen geheiratet und betrieb einen einträglichen Handel mit Nazi-Devotionalien. Mutter und Sohn zogen nach Lehrte bei Hannover. Der Westen ist Ellen immer fremd geblieben. Aber ein Zurück gab es nicht. Noch nicht.Dreierlei stand für Ronald früh fest: Er war schwul, er war Kommunist - und er würde Schriftsteller werden. Der Erfolg stellte sich rasch ein. 1980 erschien seine »Kleinstadtnovelle«. Was Schernikau da auf nur 70 Seiten in ironisch-lässiger und zugleich unglaublich dichter Sprache erzählt, geht über die übliche Small-town-boy-Coming-out-Story weit hinaus. Die »Kleinstadtnovelle« ist ein literarisch gültiges Dokument der späten 70er Jahre, ein großer Wurf, der von Lesepublikum und Kritik begeistert aufgenommen wird.Aber aus der Provinz muss er heraus, natürlich. Wo soll er hin? Westberlin, natürlich. Dort gibt es eine Schwulen-Szene. Dort trifft Schernikau seinen späteren Biografen Frings. Dessen Schilderung jener Zeit liest sich, als hätte Ralph König eine schwule Version von Sven Regeners »Herr Lehmann« geschrieben. In dieser Lebensphase hält sich Ronald weniger an Milva als an Nina Hagen: »Wenn du scharf bist, musste rangehen!« Aber die literarische Karriere stockt. Selbst die linken und schwulen Verlage wollen seine Sachen nicht haben, für die hedonistischen 80er ist Schernikau zu politisch. Da kommt ihm eine Idee: Warum nicht in Leipzig am Johannes-R.-Becher-Institut studieren? Schernikau setzt alle Hebel in Bewegung. Und das Unglaubliche geschieht: Nach zähem Hin und Her lässt man den West-Genossen tatsächlich nach Leipzig. Seine Westberliner Freunde haben ein flaues Gefühl dabei, seine neuen Leipziger Kommilitonen halten ihn für vollkommen übergeschnappt. Aber Schernikau sieht sich am Ziel seiner Wünsche: »leipzig ist die glücklichste zeit«, schreibt er im Vorwort seiner Examensarbeit »die tage in l.«. Er wohnt in dem Neubau Universitätsstraße 20, unten im Haus befindet sich der zweitgrößte Lampenladen der DDR. Ausgestattet mit einem Stipendium über 600 Mark kann sich Schernikau ganz seiner Literatur widmen. Wie besessen schreibt er an seinem Großroman »legende«. Er will hier nie wieder weg. Während vor seinen Augen der real existierende Sozialismus zerbröselt, bemüht sich Schernikau um die Einbürgerung.Man sollte meinen, ein solches Leben böte mehr als genug Stoff für eine Biografie. Aber Frings erzählt gleich drei Geschichten: Zwischen den Kapiteln über Ronald schildert er das bewegende Leben der Mutter Ellen. Schließlich spart Frings sich selbst nicht aus, über weite Stecken ist sein Buch eine Autobiografie. Gelegentlich wirkt das arg selbstverliebt, aber zugleich ergibt sich auf diese Weise ein faszinierend facettenreiches Bild nicht nur des Menschen Schernikau, sondern seiner ganzen Lebens- und Vorstellungswelt.Vielleicht war Schernikau tatsächlich die »Milva der deutschen Literatur«. So sicher ist das nicht. Das vollständige Zitat lautet nämlich: »Ich bin die Milva der deutschen Literatur - es weiß nur noch keiner«. Frings? Biografie wird das hoffentlich ändern. Die monumentale »legende« ist ein ungehobener Schatz der deutschen Literaturgeschichte und Schernikaus politisches und literarisches Vermächtnis. Ronald M. Schernikau starb 1991 mit nur 31 Jahren an den Folgen von AIDS. Olaf Schmidt


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