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Kultur

Berührend echt

»Das geträumte Abenteuer« ist ein ruhiger Abenteuerfilm mit fesselnder Protagonistin – gedreht in Bulgarien, produziert in Leipzig

  Berührend echt | »Das geträumte Abenteuer« ist ein ruhiger Abenteuerfilm mit fesselnder Protagonistin – gedreht in Bulgarien, produziert in Leipzig  Foto: Kompllizenfilm, Bernhard Keller

Wie bereits in ihrem 2017 in Cannes gefeierten Film »Western« schlägt auch der Titel »Das geträumte Abenteuer« eine Genrezuschreibung vor, die Valeska Grisebach jedoch nicht rahmt, sondern verhandelt. Genauso wie die bulgarisch-türkisch-griechische Grenzregion, die nicht nur Spielort, sondern Protagonistin ihres neuen Films ist.

Hier, am Rande Osteuropas, in einem von legalem wie illegalem Handel geprägten Gebiet mit historischen Verstrickungen, leitet die Archäologin Veska eine Ausgrabungsstätte. Mithilfe ihres heterogenen Teams aus Anwohnenden trägt sie sorgsam die Schichten ab, unter denen Zeugnisse vergangener Jahrhunderte in Erscheinung treten.

Veska hat eine optimistische Art und einen festen Blick. Auf dem Weg zur Arbeit trifft sie Said, einen alten Bekannten, den sie lange nicht gesehen hat. Said ist nach Svilengrad gekommen, um einen Diesel-Deal mit einem einflussreichen Händler abzuschließen. Spontan begleitet er Veska zu ihrem Arbeitsplatz, wo er mit dem Metalldetektor den Boden nach Schätzen absucht. Die beiden verstehen sich gut und plaudern in der Pause über die Geschichte der Region, die kommunistische Besatzung Bulgariens und die Vertreibung muslimischer Minderheiten. Beide können sich noch an die drastischen Namensänderungen erinnern, die auch Said betrafen. In der Grenzregion leistete er seinen Militärdienst.

Nach dem Arbeitstag begleitet Veska ihn zu seinem Treffen mit dem ominösen »Rabe«, Said im Anschluss Veska in ihr Viertel. Mit anderen Frauen sitzen sie bei Schnaps und Zigaretten und tauschen Neuigkeiten aus. Jede hat ihr eigenes Neuigkeiten-Department, erklären sie Said lachend und gehen auch auf eigene Geschichten und Erfahrungen ein. In den neunziger Jahren war Svilengrad geprägt von mafiösen Strukturen. Als Frau konnte man kaum in eine Bar gehen, ohne dass einem etwas zustieß.

Als Said am nächsten Tag nicht erneut mit Veska zur Ausgrabungsstätte fährt, beginnt sie, sich selbst einen Eindruck von Saids Bekannten zu verschaffen. So dringt Veska vor in einen Antagonismus zweier Bosse und wird selbst zur handelnden Akteurin.

Ohne moralistischen Blick nimmt die Kamera die Beiläufigkeit dieser ernsthaften Themen auf und springt wie eine Beteiligte zwischen den Frauen, Said und Veska umher. So fügt sich die Bildgestaltung (Kamera: Bernhard Keller) selbst in das Geschehen ein und lässt ihre Figuren die Narration vorgeben.

Ernsthafte Beobachtung ohne Klischees

Weder die archäologische Arbeit im Zusammenhang mit dem Einfluss der bulgarischen Geschichte auf die Menschen, noch die illegalen Deals, die in dieser sensiblen Grenzregion verhandelt werden, wirken klischiert. Stattdessen fühlen sie sich echt an, wofür Veskas fester Blick entscheidend ist. Ernsthaft betrachtet sie die Menschen und Konflikte. Es entsteht der Eindruck, Grisebach hätte ihrer Protagonistin dafür ihren eigenen, beobachtenden Blick geliehen. Dieser begibt sich, wie schon bei »Western«, genre- und handlungstechnisch auf männlich dominiertes Gebiet. Er lotet Männlichkeitsbilder und Sehnsüchte aus, durchdringt eingeprägte Codes und entlarvt Männerrunden.

So wird eine Gemeinschaft freigelegt, die im europäischen Selbstverständnis eher eine Randrolle spielt. Und das, obwohl die Region eine der wichtigsten Handelsrouten Europas durchläuft. Auch »Western« legte Grisebach in Bulgarien an, auch dort verhandelte sie ein Grenzgebiet. Für »Das geträumte Abenteuer« verbrachte sie mehrere Jahre zur Recherche in Svilengrad, wo sie die Menschen, ihre Erfahrungen und Perspektiven kennenlernte. Deren Hilfe und Unterstützung waren für die Umsetzung des Films sehr wichtig, erzählt Produzentin Luise Hauschild von New Matter Films. Auch der Cast besteht ausschließlich aus Laiendarstellenden, die vor Ort in einem umfangreichen Castingprozess entdeckt wurden. Auf geschriebene Dialoge wurde verzichtet. Die Regisseurin gab den Spielenden Themen vor, über die sie sich frei unterhielten.

»Das geträumte Abenteuer« ist eine Koproduktion der Leipziger New Matter Films mit Komplizen Film. Bei der Premiere in Cannes wurde er mit Standing Ovations bedacht und gewann den Preis der Jury.

Die ruhige, eindrückliche Erzählweise füllt die 167 Minuten Film gekonnt aus. Die beiden Hauptdarstellenden Yana Radeva und Syuleyman Alilov Letifov laden auf ihre liebevolle und ernsthafte Art dazu ein, sich auf ihre Region einzulassen und ihren Figuren gebannt zu folgen. 

> »Das geträumte Abenteuer«: ab 24.9., Passage-Kinos


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