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Kultur

»Das Emotionale hinter dem Medizinischen einfangen«

Das Kollektiv Zwischenräume nähert sich dem Thema Flinta-Gesundheit künstlerisch

  »Das Emotionale hinter dem Medizinischen einfangen« | Das Kollektiv Zwischenräume nähert sich dem Thema Flinta-Gesundheit künstlerisch  Foto: Blick in die Ausstellung/D.Nietze-fotografie

Eine Ausstellung mit und über Periodenblut: Das Kollektiv »Zwischenräume« hat eine gleichnamige Ausstellung unter dem Motto »Kunst und Diskurs über Flinta-Gesundheit« am 12. September im Kunst- und Gewerbehof Hp 7 eröffnet. Die Ausstellung verknüpft wissenschaftliche und künstlerische Positionen zu Aspekten von Flinta-Gesundheit.

»Kunst kann eben auch das Emotionale hinter dem Medizinischen einfangen«, begründet Fotografin Nietze den Ansatz. Unter ihrem Künstlernamen hat sie mit ihrem dokumentarischen Fotoprojekt »Hidden Heroes« den Grundstein für die Ausstellung gelegt. Darin versucht sie, über die chronischen Krankheiten Endometriose und Adenomyose aufzuklären. Ihre Fotografien zeigen von den Krankheiten betroffene Personen – von ihrer verletzlichen Seite, aber auch oft von ihrer wütenden. Informationstafeln und Flyer der Ausstellung erklären, dass es sich um Erkrankungen der Schleimhaut des Uterus handelt, über die medizinisch und gesellschaftlich noch viel Unwissenheit besteht. Und das, obwohl sie mit starken chronischen Schmerzen und verminderter Lebensqualität für die Betroffenen einhergehen.

»Es gibt so viele Aspekte, die die Flinta-Gesundheit betreffen, über die heute immer noch viel zu wenig gesprochen wird«, sagt Mona Bierenstiel, die ebenfalls Teil des Kollektivs ist. Die Ausstellung zeigt noch andere, sehr vielseitige künstlerische Positionen, sie alle vereint der Bezug zur Flinta-Gesundheit. Es gibt unter anderem eine Videoarbeit über den Ursprung der Gynäkologie, grafische Farbkompositionen, die das Erleben des Zyklus reflektieren, sowie multisensorische Installationen. Auch Teil der Ausstellung sind literarische Texte von Luisa Zahn sowie ein Projekt des Kollektivs Femvak das Erfahrungsberichte von Flinta, die im Clubbetrieb tätig sind, sammelt. Es geht darin auch um Überlastung und Machtmissbrauch.

»Mit Femvak ist auch die Perspektive der psychischen Gesundheit mit dazu gekommen«, freut sich Nietze. »All dieses Aspekte hängen zusammen und sind auf eine strukturelle Ungerechtigkeit zurückzuführen.«

Besucht man die Ausstellung im historischen Kunst- und Gewerbehof in der Hans-Poeche-Straße, wird man selbst ein Teil von ihr. Durch Impulskarten oder einen Periodenschmerzsimulator wird die Ausstellung interaktiv. Die Installation »Unsichtbar« von Bierenstiel lädt dazu ein, seine eigenen Erfahrungen mit farbiger Wolle in das Kunstwerk hineinzuweben. Überall geht es darum, die eigene Perspektive zu teilen und die andere zu verstehen.

Dafür kann man auch in der Sitzecke Platz nehmen und ins Gespräch kommen. Den Austausch zwischen den Besuchenden empfinden Nietze und Bierenstiel als wichtigen Teil der Ausstellung. Daher auch der Name des Kollektivs: »Zwischenräume«.

»Das ist ein Symbol für die Begegnung«, erklärt Nietze und Bierenstiel ergänzt: »Wir begegnen uns im ›Zwischenraum‹, tauschen unsere Erfahrungen aus und sind nicht allein damit.«

Nietze und Mona Bierenstiel

Deshalb gehört zur Ausstellung auch ein interdisziplinäres Programm mit Lesungen, Performances, Open Calls, und physiotherapeutischen Workshops. Es sei wichtig, dass man etwas aus der Ausstellung mitnehmen könne, findet Nietze. »Eigentlich brauchen wir eine Gesundheitsrevolution«, sagt Nietze mit Nachdruck. »In die Flinta-Gesundheit wird immer noch viel zu wenig investiert. Und durch die Kürzungen im Gesundheitssystem machen wir noch einen Schritt zurück.« Auch Bierenstiel betont: »Wir sollten uns nicht darauf ausruhen, dass es diese Bewegung gab, sondern weiterhin auf die vielen Probleme aufmerksam machen.«

»Zwischenräume« spricht einen Teil dieser Probleme an und erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Themen Endometriose, Adenomyose, Menstruation und psychische Gesundheit dominieren die Ausstellung und lassen den Besuchenden Raum zum Weiterdenken in Richtung Trans-Gesundheit oder chronische Erkrankungen wie Migräne und Lipödem.

Auch für das Kollektiv gibt es noch viel Potenzial. Doch diese erste Ausstellung sei schon ein enormer Kraftakt gewesen, für den finanzielle Unterstützung nur schwer zu finden war: »Ich habe sieben Förderanträge geschrieben und am Ende hat uns nur die Stadt unterstützt. Das entspricht nicht ansatzweise dem Aufwand, der hier reingeflossen ist«, verdeutlicht Nietze die Dimension.

Gleichzeitig habe das Kollektiv, wie Nietze und Bierenstiel erzählen, auf andere Weise viel Unterstützung bekommen: Von Freunden, von den Mitarbeitenden im Verein oder von den vielen Mitwirkenden am Programm.

Zur Vernissage gab es ein Podiumsgespräch zwischen der Gynäkologin Victoria Möckel, der Stadträtin Katharina Krefft (Die Grünen), der Impulsgeberin Nietze und Lexi, die das Kollektiv Femvak vertritt.

Für die Finissage wird es eine Lesung der Lyrikerin Luisa Zahn, eine Soundperformance der Künstlerin Laura Wiemers sowie einen von der Historikerin Jessica Bock gehaltenen Vortrag über die Frauengesunheitsbewegung in den 1970er Jahren geben. »Wir freuen uns übrigens sehr über männliches Publikum«, schmunzelt Nietze. »Es geht ja darum, einen Perspektivwechsel zu ermöglichen.«

> »Zwischenräume«, 12.– 26.9., HP7 

> Öffnungszeiten: Di 16–18 Uhr, Mi–Do 16–19 Uhr, Fr 16–21 Uhr, Sa 14–22 Uhr, So 14–20 Uhr, Mo geschlossen

> Finissage: 26.9., 14–22 Uhr


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