anzeige
anzeige
Kultur

»Ich bin immer Punk geblieben«

Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin über
fünfzig Jahre Punk-Geschichte

  »Ich bin immer Punk geblieben« | Hans-A-Plast-Sängerin Annette Benjamin über
fünfzig Jahre Punk-Geschichte  Foto: Hans-a-plast in Action/Tapete Records Hans-a-plast Archiv

Als Sängerin der Band Hans-A-Plast und mit Songs wie »Rock’n’Roll Freitag« und »Lederhosentyp« prägte Annette Benjamin den Sound des frühen Deutschpunks. Wie sie die Zeit damals erlebte und heute zum Punk steht, wird sie im Felsenkeller mit John Robb und Mark Reeder diskutieren. Der kreuzer hat sie vorab befragt.

Wie sind Sie zum Punk gekommen?

Ich habe mein Zuhause mit 16 verlassen. Ich war erst in Amsterdam, bin dann nach London gezogen. Im Herbst ’77 habe ich dort X-Ray Spex im Vortex Club gesehen. Das war für mich ein Erweckungserlebnis. Da singt dieses Mädel, das nach damaligen Schönheitskriterien, genau wie ich, nicht besonders hübsch ist, das überhaupt nicht den Klischees der Zeit entsprochen hat. Nach dem Konzert habe ich mir die Haare abgeschnitten. Wieder in Deutschland habe ich dann in Braunschweig bei einer Schülerband gesungen. Wir haben die Sex Pistols gecovert. Als wir in Hannover aufgetreten sind, habe ich Hans-A-Plast kennengelernt und wollte unbedingt zu dieser Band. Die brauchten eine Sängerin und damals noch Saxofonistinnen. Das habe ich in mir vereint. Ich konnte mich da unfassbar gut entfalten, weil da eben auch Frauen in der Band waren und ein ganz entspanntes Klima. Das Ganze wurde dann ein Selbstläufer. Weil die Musik cool war und es immer mehr Jugendliche gab, die uns gefolgt sind.


Sie sangen vorher in einem Mädchenchor, was war der Reiz, zum Punk zu wechseln?

Der Mädchenchor war reguliert und autoritär aufgebaut. Da gibt es einen Chorleiter und dem musste man gehorchen. Beim Punk dachte ich dann: Boah, ich kann all meine musikalischen Kenntnisse über Bord werfen. Ich singe einfach so, wie es aus mir rauskommt. Ich muss mich nicht kontrollieren, ich muss keine Gesangsübungen machen. Später hat sich das natürlich als Trugschluss erwiesen. Ich musste dann sehr wohl meine Stimme warmhalten und mich einsingen. Aber ich konnte mich eben so ausdrücken, wie ich das wollte und die Songinhalte selbst bestimmen.


Warum lösten Sie sich 1983 auf?

Punk war ein Momentding. Wir wollten im Moment leben und der Moment musste gut sein. Das war nicht auf Langfristigkeit angelegt. In England sind dann viele Bands schon wieder auseinandergegangen. Die Sex Pistols waren weg, X-Ray Spex hatten sich aufgelöst, so dass gesagt wurde, Punk sei eigentlich schon tot. Das war im Nachhinein natürlich großer Quatsch. Bei Hans-A-Plast war nach drei Alben auch die Frage: In welche Richtung geht es weiter? Da konnten wir uns nicht so richtig einigen.


Sie haben dann eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht...

In meiner Ausbildungsurkunde steht noch ›Bürokaufmann‹, das wurde damals nicht gegendert. Ich kam aus einem Hintergrund, der sehr zersplittert war. 1984 kam dann meine Tochter auf die Welt und ich brauchte Geld. Ich wollte auf keinen Fall Geld vom Staat beantragen, den habe ich ja verachtet. Deshalb musste ich für mich sorgen. Ich wollte damals authentisch sein, merkte aber, das halte ich überhaupt nicht durch, ich muss Kompromisse schließen. Ich habe in der Ausbildung viel gelernt, auch über Menschen. Das hat mich sehr geprägt.


Bezeichnen Sie sich noch als Punk?

In meiner Definition von Punk bin ich immer Punk geblieben, weil ich den Dingen gegenüber kritisch bin und mir immer erst mal eine eigene Meinung bilden möchte. Und auch diese Einstellung: Selbst, wenn die Welt um einen herum richtig Mist ist, dass man trotzdem das Recht hat, zu feiern und froh zu sein und eine Band zu gründen und Humor zu haben.


Ist Punk tot?

Ich würde sagen, Punk ist ein Baustein oder eine Wurzel in der Geschichte. Und die Deutschen können froh sein, dass sie das haben. Die hatten vorher nämlich nichts. Die hatten Schlager und Volkslieder. Beim Punk haben sich Menschen getraut, auf Deutsch zu singen und da eine eigene Sprache zu finden. Das ist eine Selbstermächtigung: Es kommt nicht auf andere an, du machst dein eigenes Ding und du lässt dich nicht beeinflussen, weil dein innerer Kompass dich da hintreibt.


Seit einigen Jahren stehen Sie wieder auf der Bühne. Ist das wie Fahrradfahren?

2005 haben wir mit Bloody Dead and Sexy den Song »Monstertanz« bei uns im Wohnzimmer aufgenommen. Das hat total Spaß gemacht und da habe ich angefangen, mich wieder damit zu beschäftigen. 2018 bin ich dann auf dem Höhni-Festival mit Razor Smilez aufgetreten. Da haben wir nur Hans-A-Plast-Sachen gespielt. Als ich da auf der Bühne stand, habe ich gemerkt: Ja, das bin ich. Das ist meins und ich fühle mich super wohl. Es war, als ob sich mein ganzes Ich noch daran erinnern konnte. Ich fühlte mich unfassbar euphorisch.


> A Life Without Punk: 28.9., 20 Uhr, Felsenkeller


Kommentieren


0 Kommentar(e)