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Kultur

»Da muss doch zwischen der 2 und der 4 noch mehr sein«

– dachte sich der Schlagzeug-Schüler Arne Reimer in den Achtzigern in Kiel … und entdeckte die Welt des Jazz, als Hörer, Plattensammler und international angesehener Fotograf

  »Da muss doch zwischen der 2 und der 4 noch mehr sein« | – dachte sich der Schlagzeug-Schüler Arne Reimer in den Achtzigern in Kiel … und entdeckte die Welt des Jazz, als Hörer, Plattensammler und international angesehener Fotograf  Foto: Christiane Gundlach

Ein Jazzfotograf, der seit dreißig Jahren in Leipzig lebt, wohnt bestimmt in einem abgerockten Hinterhaus und versteckt die Wände seiner Wohnung hinter Schallplatten und Fotobänden. Nee, das sind doch nur Klischees, denke ich, als ich die Treppen des abgerockten Leipziger Hinterhauses hochsteige und Arne Reimer in seine Wohnung folge, wo im Flur ein Regal mit Fotobänden die Wand verdeckt. Ich nehme auf einem Sofa Platz und schaue auf ein Plattenregal, neben dem durchaus ein Stück Wand zu sehen ist. Reimer kredenzt Cola. Und los:


Warum Jazz?



Weil es eine extrem individuelle Musik ist mit wahnsinnigen Improvisationsfreiheiten. So sehr ich auch Klassik, Rock und Pop liebe, ich erkenne dort häufiger Muster. Die gibt es im Jazz natürlich auch – es wird ein Thema gespielt und dann wird darüber improvisiert. Das könnte man genauso langweilig finden, aber dieses Improvisieren ist mir einfach sehr nah, weil es in der Fotografie eigentlich genauso ist: Wenn ich Porträts mache von einem Menschen, dann weiß ich nicht, wer mir da wie begegnet – ich muss in dem Moment selbst improvisieren. Und das kann man nur, wenn man Erfahrung hat und diese im Bruchteil einer Sekunde abrufen kann. Man muss sich immer spontan auf was Neues einlassen, mit neuen Menschen. Das finde ich das Spannende am Jazz. Und es gibt so irre viel zu entdecken – in der Gegenwart und in der Vergangenheit. Jazz kann auf die jeweilige Zeit reagieren, auch politisch. Pop kann das natürlich auch – Bruce Springsteen spielt Songs gegen Donald Trump und so weiter – und erreicht dabei viel mehr Publikum. Aber wenn man sich Max Roach mit »We insist!« von 1960 anhört, dann ist das einfach so ein starkes Statement gegen Rassismus.


Manche behaupten, dass Jazz heute nicht mehr politisch sei.


Das würde ich nicht unterschreiben, wenn man sich zum Beispiel die Musik der Saxofonistin Matana Roberts anhört. Aber Jazz muss gar nicht politisch sein, er darf auch einfach nur wunderbare, schöne Unterhaltung sein, denn damals wie heute gibt es viele Jazzmusiker, die sagen: »Wir wollen die Leute einfach unterhalten« – sicher auch, um Geld zu verdienen.


Wie sind Sie eigentlich zum Jazz gekommen?

Ich hatte als Jugendlicher Schlagzeug-Unterricht, habe Rock- und Pop-Rhythmen gelernt. Die muss man auch erst mal spielen können. Aber ich fand sie irgendwann zu gleichmäßig und dachte, da muss doch zwischen der 2 und der 4 noch mehr sein! Dann hat mein Lehrer mir zum Glück Jazzrhythmik beigebracht. Ich habe später in der Schul-Bigband gespielt und in einem Trio, mit dem wir auch Konzerte gegeben haben.


Die viel zitierten Berührungsängste oder gar Abneigung gegenüber Jazz gab es in Ihrer Sozialisation also nicht?

Ganz im Gegenteil. Da war Neugierde – ohne dass da jetzt zig Platten zu Hause bei meinen Eltern standen. Aber das macht ja auch nichts. Es ist ja schön, wenn man sich etwas selbst erarbeitet.


Was war denn Ihre erste eigene Platte?

Die allererste natürlich die Beatles. Die hat mein Vater mir geschenkt – ich war mit elf, zwölf großer Fan, auch weil meine Eltern das gehört haben. Erst viel später habe ich entdeckt, dass mein Vater eine Miles-Davis-Schallplatte hatte. Die habe ich mir dann »ausgeliehen«. Er hat’s aber gemerkt und mir eine braune Dreier-Box mit Miles-Davis-Stücken aus verschiedenen Epochen geschenkt – die habe ich auch noch. Und dann fing es halt so an. Zur selben Zeit – 1989 – kam ich in einen Kiosk und sah dieses Du-Heft über Miles Davis und dachte: »Was ist das denn? Sieht irgendwie gut aus, kaufe ich!«


Zu dem Heft kommen wir noch. Welche Platte haben Sie sich denn als erste selbst gekauft?

Eric Dolphys »Out to Lunch«, Free-Jazz-Avantgarde, 1964 bei Blue Note erschienen. Ich hatte mit 16 im Radio davon gehört und fand das irgendwie … anders. Das hat mich interessiert und dann habe ich mir die CD gekauft – und fand die wirklich gut! Das ist schon ungewöhnlich, weil diese Musik zwar nicht extrem frei ist, aber schon ein bisschen. Dreißig Jahre später habe ich in Kalifornien Bobby Hutcherson interviewt, der das Album mit eingespielt hat – er war so nett und so lustig!


Womit wir bei Ihren »American Jazz Heroes«-Büchern wären. Vorher brauchen wir aber noch einen Schlenker, denn nach Leipzig sind Sie ja nicht an die HMT, sondern an die HGB gekommen …

Ja, parallel zum Schlagzeugspielen und Jazzhören hat sich das mit der Fotografie entwickelt. Mein Bruder hatte eine Dunkelkammer und ich hatte gute Lehrer, schon vor dem Studium. Das war wirklich Glück – sie haben mich, der ich gar keine Ahnung hatte, langsam durchs Zeigen von Bildern aus der Geschichte herangeführt, Bilder lesen zu lernen. Da geht es um Komposition, aber auch um inhaltliche Aspekte, immer beides parallel. Am Anfang war ich natürlich noch viel zu schüchtern, um Porträts zu machen. Bei einem meiner ersten Jazz-Porträts ermutigte mich Gerry Mulligan in seiner Garderobe – ich hab schnell ein Bild gemacht und war wieder weg. Heute würde ich sonst was dafür geben, ihn richtig zu fotografieren!


Sie haben ja immerhin rund hundert andere »American Jazz Heroes« fotografiert, also Musiker und auch ein paar Musikerinnen, die vor allem in den sechziger Jahren wichtig für den Jazz waren. Sie haben sie Jahrzehnte später zu Hause besucht und in zwei Büchern einfühlsam porträtiert. Bei aller Individualität: Was machte diese alten Jazzhelden aus?

Einer der Ersten war Ron Carter, ich war sehr aufgeregt. Er hat seine Hand auf meine gelegt und gesagt: »Everything is fine.« Das hat aber nichts geändert! Es wurde aber besser über die Jahre. Einige der Musiker waren verschlossen, einige erst mal arrogant, einige dement – ich meine, sie waren 70, 80, 90 Jahre alt. Da bin ich auch mal zu einem Arzttermin mitgefahren. Ich habe sie ja auch in Texten porträtiert, also interviewt, und dann haben sie gemerkt: Dieser Europäer hat echtes Interesse an mir, er nimmt sich Zeit – meist ein bis zwei Stunden. Es sind alles Fotos von Jazzmusikern, aber ich fände es schön, wenn diese Porträts auch einfach als Porträts gesehen würden, als Bilder einer Generation. Es sind ja auch nicht nur die großen Namen, sondern auch Randfiguren, Sidekicks, denen zu wenig Beachtung geschenkt wurde. Viele habe ich selbst erst bei den Recherchen entdeckt – nach dem Motto: Lebt noch, muss ich finden! Das ist das Tolle am Jazz, dass alle in immer anderen Konstellationen spielen und man sich von Einem zum Nächsten hangeln und Neues entdecken kann.


… wobei man recht schnell bei Miles Davis landen wird, dem vielleicht einflussreichsten Jazzmusiker überhaupt.

Ich habe ihn 1990, ein Jahr vor seinem Tod, gerade noch erleben können: Er spielte in Hamburg auf der Kunstinsel beim Hauptbahnhof und ich hatte kein Geld für ein Ticket – aber es gab da ein Baugerüst, auf das ich und ein paar andere Leute hochkletterten und dort das Konzert hörten und auch sahen. Am nächsten Tag war ein Bild von uns in der Morgenpost mit der Bildunterschrift: Beste Musik und beste Aussicht.


Miles Davis wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden – und Sie haben noch mal das vorhin erwähnte, längst vergriffene Du-Magazin von 1989 rausgeholt …

Ich dachte vor ein paar Jahren, dass man die tollen, zum Großteil unveröffentlichten Fotos, die Ralph Quinke damals von Miles in seinem Haus in Malibu für Du gemacht hat, in die Gegenwart holen müsste. Und dann dieses Jubiläum, da müssten sich die Verlage doch die Finger danach lecken, dachte ich. Haben sie nicht. Ich habe eine Weile gesucht, viel organisiert und nun bin ich der Herausgeber von »Miles Davis – Three Days in Malibu«.


… und wir sehen darin Ralph Quinkes tolle Fotos des ultralässigen Miles Davis und lesen die Reportage von Marco Meier über den damaligen Besuch der beiden in Davis’ Haus. Zusammen mit dem Du-Heft im Kieler Kiosk 1989 bildet das Buch jetzt eine schöne Klammer um Ihre »American Jazz Heroes«-Bücher, oder?

Damals hatte ich das nicht im Kopf, aber im Nachhinein, klar: Die beiden haben das Gleiche gemacht wie ich, nur eben zu zweit.


> Arne Reimer: American Jazz Heroes. Volume 2. Köln: Jazzthing 2016. 240 S., 29,90 € – Volume 1 ist vergriffen

> Arne Reimer (Hg.): Miles Davis – Three Days in Malibu. Photographs by Ralph Quinke. Deutsch/Englisch. 11 farbige und 78 s/w-Abbildungen. Zürich: Scheidegger & Spiess. 152 S., 68 €

> Jazzclub Leipzig (Hg.): Flamingos und andere Paradiesvögel. Die Leipziger Jazztage seit 1976. Leipzig 2016. 368 S., 25 € – unter www.jazzclub-leipzig.de


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