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Kultur

Vom Baustaub zum Alltag

Wie das im Frühjahr gestartete Nukleus-Wohnen im 2026 jubilierenden Grünau angenommen wird

  Vom Baustaub zum Alltag | Wie das im Frühjahr gestartete Nukleus-Wohnen im 2026 jubilierenden Grünau angenommen wird  Foto: Sebastian Schells

Aus der Baustelle in der Liliensteinstraße ist ein bewohntes Forschungsprojekt geworden. Der Lehrstuhl für Wohnbau der Universität Aachen und das Architekturbüro Almannai Fischer erforschen hier die Wohnform »Nukleus-Wohnen«. Dieses verbindet private Kernwohnungen mit flexibel »zuschaltbaren« Räumen. So lässt sich Wohnraum ohne Umbau an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen.

Sophia Branz und Yanik Wagner sind zwei der Forschenden. Beide tragen sportliche, sommerliche Kleidung und führen durch den WBS-70-Plattenbau. Im Erdgeschoss befindet sich der Gemeinschaftsraum des Gebäudes, das die Leipziger Wohnungsgenossenschaft Lipsia zur Verfügung gestellt hat. Statt wie bei unserem letzten Besuch nach Baustaub riecht es hier jetzt nach frischem Kaffee, der auf dem Herd in der Mitte des Raumes steht. Nelly Keding von der Lipsia ist sich sicher: »Das ist nicht für jeden etwas, aber es gibt definitiv eine Zielgruppe.« Der Wohnungsgenossenschaft sei der soziale Aspekt besonders wichtig, erklärt Keding. Bei dem Projekt gehe es nicht nur um die Frage, wie die Gemeinschaft funktioniere, sondern auch um das Thema Vereinsamung.


Alltag im Nukleus

Von Juni bis September wohnten 28 Erwachsene und Kinder mit zwei Hunden in den fünf Wohneinheiten. Insgesamt gab es elf Ein- und Auszüge. »Die Probewohnenden sollen dabei auch Alltag erleben«, erzählt Yanik Wagner. Deshalb soll das Testwohnen mindestens vier Wochen dauern. Die Teilnehmenden zahlen anteilig die Nebenkosten für den jeweiligen Zeitraum, Miete fällt nicht an.

Klara Pegels hat als Testwohnende schon erste Erfahrungen gemacht. Die 37-Jährige lebt für vier Wochen mit ihrem Partner und ihren zwei Söhnen im Nukleusprojekt. Eigentlich wohnt die Familie zu viert in Plagwitz. »Im Projekt wollten wir herausfinden, was es noch für Wohnformen gibt und wie weit das im Alltag für uns als Familie funktioniert«, erklärt Pegels. Den Impuls für die Wohnform habe sie durch den kreuzer-Artikel »Zur Probe in der Platte« aus dem März bekommen. Pegels gefällt das Wohnen im Nukleusprojekt »unheimlich gut«. Besonders spannend findet sie, dass sich die Grenzen zwischen den einzelnen Wohnungen etwas auflösen, obwohl sie weiterhin bestehen.

Das Probewohnen eigne sich einerseits, um diese Wohnform auszuprobieren, andererseits aber auch für einen Perspektivwechsel auf Grünau, findet Pegels. Passend zum 50-jährigen Bestehen Grünaus zieht das Nukleusprojekt Probewohnende und Interessierte in den Leipziger Stadtteil. »Eine ehemalige Probewohnende«, sagt Nelly Keding, »ist nun in eine Wohnung in derselben Gegend gezogen.«


Wohnen zwischen privat und gemeinsam

Im Hinterhof sind ein Dutzend Fahrräder angeschlossen, neben einer selbst gebauten Tischtennisplatte lädt ein Hängekorbsessel zum Verweilen ein. Drei Etagen sind für den ersten Testlauf ausgebaut. Dort gibt es unterschiedlich viele Nukleus-Wohnungen und Zimmer, in denen sich ganz unterschiedliche Lebenssituationen erahnen lassen: Unter einem Bett schauen einige Kuscheltiere hervor, in anderen Zimmern stehen Bücher. An den Treppen schützt ein Gitter davor, dass das jüngste Kind die Treppe runterfällt.

Wie die Testzimmer gestaltet werden, entscheiden die Bewohnenden selbst. Sie können eigene Möbel mitbringen oder aus der Einrichtung wählen, die im Projekt zur Verfügung steht. Viele Arbeitsflächen und Scheiben als Wandersatz sind aus Materialien des WBS-70-Plattenbaus entstanden. »So«, erzählt Yanik Wagner, »wurden beispielsweise die alten Türen umfunktioniert.« Bewusst entschieden sich die Forschenden für einen Plattenbau, dessen modulare Bauweise gut zum flexiblen Wohnkonzept passt.

»Mir ist gar nicht nach Ausziehen, sondern eigentlich nach Bleiben«, stellt Klara Pegels fest. Keine der Probewohnenden hat die Teilnahme bisher vorzeitig abgebrochen. Der Wunsch, den Aufenthalt zu verlängern, kann allerdings nicht erfüllt werden: Für die Forschung wurde der Zeitraum des Probewohnens von Anfang an festgelegt.


Forschung im Wohnen

Auch die Zimmerzuteilung übernehmen die Forschenden. Hintergrund ist, dass neben dem Wohnen selbst auch soziale Dynamiken untersucht werden sollen. Doch nicht alle Vorschläge der Raumverteilung stoßen auf Zustimmung, erzählt Pegels. Schalträume zur Wohneinheit, die verstreut im Gebäude sind und bei denen keinerlei Verbindung zum Nukleus mehr besteht, stießen bei einem Workshop auf Vetos von den Testwohnenden. Für die Forschung werden die Probewohnenden in Interviews befragt und tauschen sich in Workshops aus. »Die Bewohner und Bewohnerinnen sind mit dem Wissen eingezogen, Teil eines Forschungsprojektes zu sein«, meint Sophia Branz dazu.

Es finden Aushandlungsprozesse statt, in denen Probewohnende mitentscheiden können. Aus einem freien Raum ist, so Pegels, ein neuer Gemeinschaftsraum mit dem Namen »buntes Zimmer« entstanden, der unter anderem als Homeoffice-Arbeitsplatz und Bastelort für Kinder genutzt wird. Im Nukleus-Projekt wohnen die Probewohnenden nicht nur, sie verändern das Projekt auch mit. Die Erfahrungen aus dem ersten Durchlauf fließen in die weitere Forschung ein. Yanik Wagner erzählt, dass möglicherweise für die nächste Testrunde ein kleiner Gemeinschaftsraum im Flur des dritten Stocks eingerichtet wird.


Wohnen im Nukleus?

Ob aus dem Forschungsprojekt in Grünau tatsächlich ein dauerhaftes Wohnmodell wird, ist noch offen. Es wird sich zeigen, ob die Genossenschaft die Idee des Nukleus-Wohnens langfristig übernimmt. Im Herbst wird es dafür wieder staubig: Das Gebäude wird für den zweiten Testlauf 2027 weiter umgebaut.

Könnte sich Klara Pegels vorstellen, dauerhaft in einem solchen Projekt zu wohnen?

»Möglicherweise, aber vier Wochen sind zu kurz, um da eine Entscheidung zu treffen«, antwortet sie. Im zweiten Projektlauf würden Pegels und ihre Familie aber gerne wieder einziehen. 


> Kunstfestival Powerplatte: 10./11.10., 10–16 Uhr, Liliensteinstr. 29–39, 04207 (Grünau) – mit Musik, Gastro und Führungen durchs Projekt sowie der Möglichkeit zum Austausch mit Kunstschaffenden, Forschenden und Anwohnenden – Eintritt frei


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