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Kultur

»Kunst hat nichts mit KI zu tun«

Yung Pepp im Gespräch über seine Musik, seinen Plan B und das Beobachtetwerden in Leipzig

  »Kunst hat nichts mit KI zu tun« | Yung Pepp im Gespräch über seine Musik, seinen Plan B und das Beobachtetwerden in Leipzig  Foto: Jonas Scharf


Mit 17 Jahren stand er schon auf Platz 67 unserer 100 wichtigsten Leipzigerinnen und Leipziger. Mittlerweile ist er 18 Jahre alt und kommt mit dem E-Scooter in die kreuzer-Redaktion zum Interview des Monats. Doch ehe wir fragen, wo das alles noch hinführen soll, fragen wir erst mal:


Wie ist Yung Pepp entstanden?

Ich habe, als ich zehn geworden bin, von meinem Vater einen Studio-Besuch geschenkt bekommen. Da war ich zum ersten Mal, hab Musik gemacht und sehr viel Spaß daran gefunden. Danach waren wir immer häufiger im Studio, bis wir nach mehreren Jahren gesagt haben: »Lass doch mal was rausbringen.« Es gab ein Gespräch mit meinem Vater damals, in dem er mir empfohlen hat, mir ein Team aus meinen Freunden aufzubauen. Man merkt rückblickend, was aus diesem Gedanken über die Jahre entstanden ist: Mein bester Freund ist mein DJ bei Auftritten und meine beste Freundin hat Bilder gemacht. Als Freundesgruppe fahren wir immer zusammen zu den Auftritten. Mein Management kenne ich über meinen Produzenten Florida Juicy aus Berlin. Florida Juicy selbst hat mir irgendwann einfach eine Instagram-Direktnachricht geschrieben, so sind wir in Kontakt gekommen.


Sie stehen für eine klare Haltung – gegen rechts und gegen Hass. Wie viel davon kommt aus Ihrem Umfeld und wie viel haben Sie sich selbst erarbeitet?

Durch die Line in »Junge aus Gold«, in der ich über meine Mütze, auf der »Fuck Nazis« steht, singe, habe ich mich musikalisch sehr schnell und klar positioniert. Vermittelt wurden mir die Werte ursprünglich von meinen Eltern, irgendwann habe ich aber selbstverständlich eigenständig angefangen, mir mein Bild zu machen. Dadurch hat sich meine Meinung nur gefestigt. Ich bin gegen Hass und glaube, dass das Umfeld, in dem man aufwächst, also die Freunde, die Schule und so weiter, an diesem Prozess teilhat. Dadurch ist meine Meinung jetzt so standfest geworden. Ich gucke nicht jeden Tag Tagesschau, aber bekomme schnell etwas vom Weltgeschehen mit. Allein durch ein Follow bei der Tagesschau bekommt man auf Instagram vieles mit. Auf jeden Fall poppen die immer als Erstes in meinem Feed auf, wenn etwas passiert ist.


Beschäftigen Sie sich mit Politik im Alltag?



Das war eine Aufgabe in meiner Schulzeit, die uns ab der siebten Klasse im Fach Diakonie als Hausaufgabe aufgegeben wurde und sich dann durch den Schulalltag zog. Bis zur darauffolgenden Stunde sollten wir über die großen Themen der vergangenen Woche informiert sein. Deswegen habe ich durch die Aufgabe angefangen, mich mit Politik und dem Tagesgeschehen auseinanderzusetzen, habe regelmäßiger die Tagesschau angesehen und mir deren App runtergeladen. Aber ich fand das auch davor schon interessant und habe öfter die Kindernachrichtensendung »Logo« auf Kika angeschaut.


Sie singen im politischen Kontext von Wut im Bauch. Was machen Sie selbst mit dieser Wut?

Ich baue auf jeden Fall Frust auf, wenn ich sehe, was gerade in anderen Bundesländern, aber auch in Sachsen selbst, passiert. Auch von meinen Freunden bekomme ich das mit – das ist etwas, das uns alle beschäftigt und wütend, aber auch ängstlich macht. Ich nehme die Wut dann zum Beispiel mit auf die Bühne und versuche, damit ein Zeichen zu setzen.


Gab es einen konkreten Moment, in dem Ihnen klar geworden ist, dass der Traum vom Musikmachen tatsächlich funktioniert?

Leider noch nicht wirklich. Das ist auch ein Thema, über das ich viel mit meinen Eltern, meinen Freunden und Freundinnen rede. Ich hätte gerne den Moment, in dem ich das realisiere. Aber es passiert einfach dauernd das Nächste, wie beispielsweise der Kraftklub-Support. Das war das Krasseste, Größte bisher, als ich im März vor Zehntausenden Leuten spielen durfte. Dann gehe ich am Montag darauf wieder in die Schule und für das nächste Wochenende ist das nächste Festival geplant. Es kommt Meilenstein nach Meilenstein und das überfordert mich schon auch. Mir fehlt einfach die Zeit, im Moment anzukommen. Ich glaube, wenn ich irgendwann zwei, drei Monate Zeit habe, um durchzuatmen, dann kommt das hoffentlich – aktuell kommen langsam Sachen aus dem Sommer 2025 bei mir an. Nur manchmal auf der Bühne, wenn ich die ganzen Handylichter vor mir sehe, verstehe ich die Dimension und denke: »Okay, Digga, das ist schon heftig. Das ist einfach echt.«


Sie gehen offen mit Ihren Selbstzweifeln um. Was für Zweifel sind das?

Vor allem, als es losging mit der Musik, habe ich viel mit Selbstzweifeln gestruggelt. Ich hatte Angst davor, dass morgen potenziell alles vorbei ist. Es kann ja sein, dass auf einmal, über Nacht, niemand mehr deine Musik hört. Irgendwann habe ich aber gecheckt, dass ich mir schon ein gewisses Standing in der Musikszene erarbeitet habe und zum Teil beweisen konnte, dass ich auch etwas draufhabe. Der Gedanke, ein bisschen etabliert zu sein und meinen Platz zu haben, beruhigt mich schon. Vor allem beruhigt mich aber auch, dass ich einen Plan habe. Unser Kalender ist bis Ende des Jahres 2027 durchgeplant. Bis dahin wird es auf jeden Fall noch weitergehen. Auch wenn ich es nicht immer schaffe, alles sofort aufzunehmen, was passiert, versuche ich trotzdem, die kleinen Erfolge zu sehen und mich über sie zu freuen.


Sie machen parallel gerade eine Ausbildung zum Sozialassistenten. Haben Sie vor, im sozialen Bereich zu arbeiten?

Es ist ein Backup-Plan. Der große Traum war und ist immer noch, Musik zu machen. Als ich 14, 15, auch noch 16 war und Musik noch ein kleineres Ding war, hatte ich aber geplant, Erzieher zu werden. Ich habe immer versucht, alles zu geben, damit es mit der Musik funktioniert. Aber trotzdem will ich den Abschluss als Sozialassistent in der Tasche haben und ja, ich kann mir immer noch gut vorstellen, Erzieher zu werden.


Sie sind gerade frische 18 geworden – was hat sich dadurch verändert?

Ich kann jetzt Verträge allein unterschreiben. Sonst hat sich nichts so richtig verändert, auch das Gefühl, jetzt 18 und erwachsen zu sein, nicht. Ich glaub, das kommt erst mit den nächsten großen Schritten. Man ist zwar mit 18 irgendwie erwachsen, aber irgendwie auch nicht. Dafür braucht es für mich noch etwas wie auszuziehen oder die Schule wirklich zu beenden. Und dann merkt man vielleicht so langsam, dass man im Erwachsenenleben ankommt. Bisher ist das aber noch nicht der Fall.


Ist der Auszug schon geplant – und wenn ja, wohin?

Boah, ich hätte schon Bock. Meine Mutter ist viel unterwegs, weil ihr Freund in Griechenland wohnt und sie ihn oft dort besucht oder so unterwegs ist. Deswegen bin ich regelmäßig allein, was ich auch mag. Aber ich mag es auch, wenn Mama manchmal da ist. Allein der Act, eine Wohnung zu finden, und die Preise in Leipzig sind für mich gerade noch eine Hürde, den Schritt zu wagen. Wenn ich ausziehe, würde ich aber safe in Leipzig bleiben – ich denke sogar, im Westen, wobei ich mir den Süden auch gut vorstellen kann. Mein Vater wohnt im Osten, da finde ich es auch ganz okay. Aber ich bin emotional schon sehr an den Leipziger Westen gebunden und kann mir deswegen sehr gut vorstellen, auch dort zu bleiben.


Als Musiker füllen Sie Stille. Können Sie selbst gut mit Stille umgehen?

Mal mehr, mal weniger. Ich habe schon beobachtet, dass ich ein Mensch bin, der immer viel Trubel um sich herum braucht. Das beste Beispiel dafür ist der Unterschied zwischen meinem DJ und mir nach Festivals, wenn wir spät zurück nach Leipzig kommen. Mein DJ möchte so schnell es geht nach Hause gebracht werden, um allein im Bett zu entspannen. Ich ruf dann erst mal vier, fünf Leute an und frage, ob noch jemand Lust hat, etwas zu unternehmen. Das ist einfach meine Art der Entspannung. Trotzdem mag ich es auch voll gerne, allein zu sein, und habe auch Tage, an denen ich gerne einfach zu Hause bin, Musik mache und zocke. Vielleicht muss ich mich trotzdem noch ein bisschen mehr mit Stille konfrontieren, um mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Aber gerade genieße ich es einfach sehr, viel mit anderen Leuten Zeit zu verbringen.


Im Song »Bestie« von der neuen EP gibt es die Line »Du bist mein Chati«, als Referenz auf Chat-GPT. Wie viel KI verwenden Sie?

Das ist unterschiedlich. Ich habe es erst gar nicht verwendet und mich dagegen gesträubt. Lange Zeit habe ich es auch nicht für die Schule verwendet, einfach, weil ich das prinzipiell nicht machen wollte. Als ich es dann mal ausprobiert habe, musste ich aber feststellen, dass es für manche Aufgaben schon hilfreich ist. Also, manchmal kann Chat-GPT einem in der Schule schon krass den Arsch retten. Aber für den künstlerischen Prozess verwende ich so was gar nicht. Das sehe ich sehr kritisch, weil ich denke, dass wir das eigentlich gar nicht nötig haben. Und ich checke nicht, wieso wir uns den künstlerischen Prozess von KI wegnehmen lassen. Musik gibt es schon immer. Wir lieben Musik. Musik ist von Menschen gemacht. Auf einem Konzert schätzen wir doch gerade, dass vor uns ein echter Mensch steht, der Musik macht, die aus ihm selbst gekommen ist und die er repräsentiert. Genauso will ich auf Spotify oder anderen Plattformen etwas Menschengemachtes hören und wissen: Das stammt von jemandem mit Gefühlen. Natürlich kann KI beim Produzieren Arbeit abnehmen, den Gedanken verstehe ich zu einem gewissen Teil. Aber eigentlich sollte es im Prozess des Musikmachens nicht darum gehen, die Arbeit abzugeben, um eine halbe Stunde schneller fertig zu sein. Musik ist Kunst und Kunst hat meiner Meinung nach nichts mit KI zu tun.


Ist Yung Pepp eigentlich eine Kunstfigur? Wie viel Pepe steckt in Yung Pepp?

Schon viel. Trotzdem bin ich anders, wenn ich mit meinen Leuten, meinem Kreis oder zu Hause bin. Aber ich versuche schon, sehr echt zu sein, und schaffe es auch, meiner Meinung nach, ich zu sein. Natürlich hat man aber immer eine Maske auf, weil es trotzdem Yung Pepp und Pepe sind, gewissermaßen also zwei Ichs. Beispielsweise bin ich in der Schule Pepe – das ist auch so kommuniziert mit allen. Auch zu Hause bin ich Pepe. Sobald ich aber auf die Bühne gehe oder danach mit den Fans Zeit verbringe, bin ich Yung Pepp.

Das kann sich auch schnell ändern. Auf dem Weg hierher bin ich E-Scooter gefahren und wurde zwischendurch nach einem Foto gefragt. Auf dem E-Scooter war ich Pepe, aber in dem Moment, in dem ich absteige, um dieses Foto zu machen, und mit dem Fan interagiere, bin ich Yung Pepp. Dann steige ich wieder auf und bin Pepe, bis ich hierherlaufe und wieder Yung Pepp bin, oder gerade in dem Interview eine Mischung. Aber trotzdem nehmen sich Yung Pepp und Pepe nicht viel.


Wie oft werden Sie auf der Straße angesprochen?

Angesprochen zu werden und offensichtlich erkannt zu werden, ohne dass jemand auf einen zukommt, ist noch mal ein Unterschied. Erkannt werde ich in Leipzig auf jeden Fall jeden Tag, angesprochen vielleicht jeden zweiten. Das ist aber natürlich davon abhängig, wie gut das Wetter ist, wie viele Leute unterwegs sind und wo ich mich aufhalte. Prinzipiell würde ich trotzdem sagen: fast jeden Tag.


Entsteht dadurch eine Art Performancedruck mit dem Verlassen der Haustür?

Das ist mir aufgefallen, als ich die ersten Male erkannt wurde und an einem Sonntag mit einem Kollegen draußen unterwegs war. Da sah ich richtig sonntagsmäßig aus und hatte einen Jogginganzug an. An dem Tag wurde ich viermal nach einem Foto gefragt und irgendwann habe ich den Fans gesagt: »Hey, so sehe ich eigentlich nicht immer aus, Leute.« Das ist etwas, das mich beschäftigt, weil ich dem jedes Mal ausgesetzt bin, wenn ich das Haus verlasse. Es besteht immer die Möglichkeit, nicht nur als Pepe, sondern als Yung Pepp wahrgenommen zu werden und erkannt zu werden. In den Momenten vermittle ich dann auch ein Bild von mir, das die Wahrnehmung von Yung Pepp beeinflussen kann.


Wie ist die neue »Laut sein (immer)«-EP entstanden?

Recht kurzfristig. »Unreleased Berlin« (Konzertreihe, Anm. d. Red.) war Anfang Mai in Leipzig, kurz davor habe ich den Song »Laut sein (immer)« in Berlin gemacht. Zwei Wochen nach dem Auftritt bin ich noch mal mit dem Ziel nach Berlin gefahren, zwei Songs fertigzustellen, die dann auf der EP landen sollten. Das war schon mit viel Druck verbunden und es gab keine andere Auswahlmöglichkeit für Songs auf der EP, aber es hat gut funktioniert. Dass die Songs politischer sind, war dabei keine aktive Entscheidung. Der Song ist einfach spontan entstanden. Wir fanden ihn cool und haben entschieden, ihn rauszubringen. Mit »Laut sein (immer)« ist uns dann aufgefallen, dass wir etwas Größeres kreieren könnten – deswegen trägt die EP diesen Namen und wir machen daraus unser neues Markenzeichen.


Identifizieren Sie sich eher mit Deutschrap oder mit Indie-Pop?

Das ist schwer. Ich habe mich nie auf ein Genre festlegen wollen, weil ich für mich einfach Musiker bin und nicht Indie-Pop oder Deutschrap mache. Ich bin einfach beides: Ich rappe meine Texte nicht komplett und rappe auch nicht den typischen Deutschrap. Aber ich bin auch, finde ich, kein Indie-Boy-Sänger. Ich will auch nicht sagen, dass ich etwas Eigenes bin, weil es trotzdem auch Künstler gibt, die das genauso handhaben. Ich bin Musiker und möchte mich da nicht irgendwo einordnen müssen.


Gerade die Deutschrap-Szene ist manchmal ja auch politisch nicht korrekt – wie weit, glauben Sie, darf Kunst dabei gehen?

Kunst darf nur so weit gehen, dass sie anderen Leuten nicht schadet, nicht diskriminierend oder unterdrückend ist oder was auch immer. Deutschrap hat ganz klar ein Sexismusproblem. Klar ist es wichtig, Kunst einen großen Spielraum zu bieten und Freiheiten beizubehalten, aber diese Freiheit sollte nicht grenzenlos sein. Sie muss trotzdem respektvoll bleiben und man darf nicht einfach irgendwelche dumme Scheiße labern.


> 24.10., Werk 2, Halle D, 19 Uhr, www.yungpepp.de

Biografie: Seit 2022 veröffentlicht der in Leipzig geborene Yung Pepp eigene Musik, im August ist seine zweite EP »Laut sein (immer)« erschienen, die sich musikalisch zwischen Deutschrap und Indie einordnen lässt. Diesen Sommer spielte er bei zwanzig Festivals und stand unter anderem als Support von Kraftklub vor Zehntausenden Menschen auf der Bühne. Im kommenden Jahr beendet der 18-Jährige seine Ausbildung zum Sozialassistenten.


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