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Kultur

Vibende Jazzbotschaften

Joel Ross kommt im Rahmen der Jazztage nach Leipzig

  Vibende Jazzbotschaften | Joel Ross kommt im Rahmen der Jazztage nach Leipzig  Foto: Jati Lindsay


Weil sein Bruder ihn einst im Schlagzeugspiel übertrumpfte, wechselte Joel Ross als Kind ans Vibraphon. Heute gehört er zu den Koryphäen seiner Zunft. Am 24. Oktober spielt er in die Leipziger Philippuskirche.

»If the hope of giving / is to love the living / the giver risks madness / in the act of giving.« 

Diese Zeilen beschreiben einen zutiefst humanen Umstand und sind zugleich künstlerisches Credo von Joel Ross. Oder eigentlich: von James Baldwin. Denn die Verse stammen aus seinem Gedicht »The Giver (for Berdis)«, das Ross auf seinem Album »Gospel Music« vertont hat, welches Anfang des Jahres erschienen ist. Gospel kann hierbei Genre und Verkündung zugleich bedeuten.

Jazz und Spiritualität sind seit je eng miteinander verschwistert – was ganz unterschiedliche Erscheinungen annehmen kann. Das weite Spektrum reicht von eingefleischten Fans, die diese Musik als ihre kleine Privatreligion praktizieren, bis hin zu Menschen, die mit ihr etwas aussagen möchten, das sich häufig nicht in Worte fassen lässt. Zu Letzteren gehört wohl auch Joel Ross.
Er wurde 1995 in Chicago geboren, der Stadt, die wie wenig andere für Blues, Jazz und das Aufkommen der Gospel Musik steht. In den 1930er Jahren sorgte die baptistische Kirchenbewegung dafür, dass der bis dahin vorherrschende Spiritual – also geistliche Lieder der frühen afroamerikanischen Gemeinden – mit Blues und Jazz versetzt wurde. Zur selben Zeit boomten diese Musikstile in Chicago: das Downbeat Magazine wurde dort zum ersten Mal veröffentlicht und großen Namen wie Jelly Roll Morton oder Sun Ra sind untrennbar mit dieser Stadt und der Verbindung von Kirchen- und Kunstmusik verknüpft.

»Some such lesson I seemed to see / in the faces that surrounded me.«

Joel Ross ist in dieser traditionsträchtigen Stadt groß geworden. Als Zweijähriger fing er an, Schlagzeug zu spielen – bald auch für die Kirchengemeinde. Sein Bruder übertrumpfte ihn im Können – weshalb er, wie er später in einem Interview sagte, aufs Vibraphon wechselte. Diese ersten musikalischen Erfahrungen waren prägend: der sakrale Sinn der Musik liegt für Ross in der Vergemeinschaftung. Das, was ihm seine damalige Umgebung mitgegeben hat, beschreibt er heute noch als sein Ziel: »Wenn wir auftreten, tun wir das nicht für uns. Wir kommen für einen höheren Zweck zusammen: Um einen Ort zu schaffen für den Gottesdienst, für Gemeinschaft und, damit es allen hier besser geht.«

Springt man ein paar Jahre weiter, steht Ross nur noch gelegentlich in einem Kirchengebäude – er hat die Weltbühne betreten. Bekannt wurde er als Sideman von Makaya McCraven, seit mehreren Jahren macht er sich auch als Leader beim Label Blue Note einen Namen. Angefangen mit dem Album »KingMaker« von 2019 über das hochgelobte »nublues« und »The Parable of the Poet« bis zum diesjährigen »Gospel Music«, kann man von einem beträchtlichen Oeuvre sprechen. Trotzdem ist er immer noch als Sideman tätig, zuletzt war er auf dem kammermusikalischen Meisterwerk »Crossing Currents« von Little North zu hören.


»The giver is no less adrift / than those who are clamouring for the gift.«

»Gospel Music« besteht aus siebzehn Tracks: alle sind einfach und eine Prise melancholisch. Ross ist kein Prophet, der eine vermeintliche Wahrheit herausbrüllt. Das weiche, gedämpfte Timbre des Vibraphons entfaltet seine Überzeugungskraft nicht über Vehemenz, sondern durch Ruhe und Zurückhaltung. Seine Schlägel arbeiten sich nur selten in den Vordergrund. Bestimmend sind eher Vamps, also sich wiederholende Melodie- und Harmoniefolgen, über die seine Bandmitglieder improvisieren können. Das entfaltet eine ungemeine Sogwirkung. Und auch wenn man dieses Instrument nicht direkt mit Kirche in Verbindung bringen würde, haben die miteinander verschwimmenden Einzeltöne etwas von einem Chor, dessen Teile in einem größeren Ganzen aufgehen. Dadurch wird der Gesamtklang mitunter konturlos, doch die rhythmische Prägnanz von Ross‘ Spiel weiß das aufzufangen. 

Viele der Songs sind Eigenkompositionen, speisen sich nicht oder nur mittelbar, wie man bei dem Albumtitel annehmen könnte, aus dem Kompendium schwarzer Kirchenmusik. Nur »A Little Love Goes A Long Way« ist ein althergebrachter Gospel. Bei »Trinity (Father, Son, and Holy Spirit)« oder »Protoevangelium (The First Gospel)« ist der religiöse Bezug offensichtlich gegeben – jedenfalls über den Titel. Lauschend erfasst man vor allem die Jazztradition, es geht im besten Sinne klassisch zu. Neben dem anfangs genannten Baldwin-Gedicht findet sich auch eine Hommage an Barry Harris, wohl die Koryphäe in der Harmonielehre des Jazz. Was hier verkündet wird, ist nicht bloß aus biblischen Motiven entstanden, sondern ebenso tiefpersönlich wie in der Jazzgeschichte verwurzelt.  


»If they cannot claim it, if it is not there / if their empty fingers beat the empty air«

Es mag eigentümlich klingen, wenn sich jemand heute musikalisch mit der eigenen Religiosität auseinandersetzt. Musik als Kunst hatte es jedoch schon immer in sich, einen überständigen Rest an Unaussprechbarem zu besitzen. Und das ist, je nach Auffassung: das Unsagbare, das Absolute oder eben auch, um einen anderen Namen zu verwenden: Gott gewesen.

Dass die Jazzbotschaften in der Philippuskirche präsentiert werden, könnte anders nicht sein. Der säkularisierte Bau steht für einen Ort, wo ein sakrales Erbe auf kulturelle Veranstaltungen trifft und dieses Projekt seinen ihm entsprechenden Resonanzraum gefunden haben wird. Angekündigt ist, dass die Formation ohne Gesang auftritt. Bei den Sternstücken des Albums wie der Baldwin-Vertonung ist das schade – jedoch auch spannend, welche unaussprechbaren Weisheiten stattdessen instrumentell verkündet werden.


> 24.10., 20.30 Uhr, Philippuskirche


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