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Die neue DOK-Reihe »Positions« widmet sich der Kraft der Worte

  Die neue DOK-Reihe »Positions« widmet sich der Kraft der Worte |   Foto: dok leipzig

Das DOK Leipzig ergänzt sein Programm dieses Jahr um eine neue Reihe: »Positions«. Die Reihe soll, so schreibt das Festival, Austausch und Debatte mehr Raum geben – die Filme seien Anlass, »einander zuzuhören und ins Gespräch zu kommen«, auch dann, wenn es Widersprüche auszuhalten gilt. Deshalb folgt auf die erste Vorführung jedes Films ein verlängertes Gespräch mit Filmschaffenden und Expert*innen. Der erste Tag begann mit drei Filmen, die jeweils die Macht der Worte in den Mittelpunkt stellten – den Anfang machte »Tricontinental, Letter to Open in Case Of«.

In »Tricontinental« folgt die in Kuba lebende Schweizer Regisseurin Laura Cazador den Spuren Michèle Firks, einer jungen französischen Filmemacherin, die sich von den späten 50er-Jahren bis zu ihrem frühen Lebensende 1968 dem trikontinentalen Freiheitskampf anschloss – zunächst im Untergrund der algerischen FLN, dann insbesondere in Mittel- und Südamerika. Wenngleich es von ihr – sie schrieb Kritiken für die Zeitschrift Positif – filmische Skizzen und zahlreiche Texte zum Film gibt, hat sie doch kein filmisches Werk hinterlassen.

Getragen wird der Film deshalb vor allem von Material aus dem Archiv des kubanischen Filminstituts ICAIC: Spielfilme, Dokumentationen und Pressematerial rasen in starkem Schwarz-Weiß-Kontrast über die Leinwand, darunter Klassiker wie Pontecorvos »Schlacht um Algier« oder Solanas' »La hora de los hornos«. Nur vereinzelt sprenkelt Cazador eigenes Material zwischen diese Bilder: Wir sehen Aufnahmen aus Havanna heute, wir sehen sie im Archiv recherchieren, einige Bilder übernehmen Motive aus dem Archiv – das Schlagen der Wellen am Pier, damals und heute. Dabei hören wir einerseits Cazador, die im Voice-over auf Französisch die Chronologie der Ereignisse von den 50er- bis in die 90er-Jahre erzählt, und andererseits die Schauspielerin Déborah Lukumuena, die aus diversen Tagebüchern, Notizheften, Zeitschriftenartikeln und Filmskizzen Firks vorliest.

Manche dieser Bilder stammen aus dem, was die Argentinier Fernando Solanas und Octavio Getino 1969 in ihrem Manifest »Hacia un tercer cine« das Dritte Kino nannten – ein Manifest, das in der Zeitschrift »Tricontinental« erschien, die aus der Trikontinentalen Konferenz von 1966 hervorgegangen war. Dieses Kino wollte weder das erste Kino Hollywoods noch das zweite des europäischen Autorenfilms sein, sondern sich als Werkzeug der Befreiung verstehen; ein Kino, das, wie der Kubaner Julio García Espinosa im selben Jahr forderte, auch »unvollkommen« sein durfte. Dass Solanas' »La hora de los hornos« in Argentinien heimlich gezeigt wurde und den Vorführungen Diskussionen folgten, macht dieses Kino zu einem, das sich erst im Gespräch vollendet – und POSITIONS, das seine Filme mit langen Gesprächen verbindet, vielleicht zu seinem späten Verwandten. Auch Leipzig war übrigens eine Bühne dieses Kinos: 1970 gewannen hier chilenische Kurzfilme gleich drei Goldene Tauben.

Die Frage, ob sich der Film der Trikontinentale oder Michèle Firk annähert, begleitet ihn und gibt darüber hinaus auch Motive für die Reihe POSITIONS und die Retrospektive »Kino und Kampf« vor: Was ist das Kino, wenn es im Kampf aufgeht? Was ist eine Filmemacherin, die keinen Film dreht, da sie sich ganz dem trikontinentalen Befreiungskampf hingibt? Firk selbst antwortet darauf in jenem Brief »für den Fall der Fälle«, der dem Film seinen Titel gibt und im Film verlesen wird: Beschämend sei es, »objektiv informiert« zu sein, also aus der Ferne, ohne je teilzunehmen. Und gerade aufgrund der Stärke von Firks Schreiben müssen wir vielleicht fragen, ob wir es nicht eher mit der Annäherung an eine Schriftstellerin, eine Poetin zu tun haben.

Für Letzteres – dafür, dass wir es mit einem Film über die Macht des geschriebenen Wortes zu tun haben – spricht neben der Stimme Firks, dass der Film mit einer Szene eröffnet, in der wir Fidel Castro untersichtig am Pult stehen sehen und er erklärt, warum er nun aus einem Gedicht vorlesen wolle. Welches Gedicht, erfahren wir nicht – es geht wohl weniger um das konkrete Gedicht als darum zu zeigen, welches Gewicht Castro der Poesie beimisst. Im letzten Drittel des Films findet diese Szene ein Echo: Das Bild ist ganz ähnlich – Castro ist eine laufende Ikone –, nun aber will er kein Gedicht, sondern einen Brief seines Freundes Che Guevara vorlesen. Che, der Kuba 1965 verlassen hatte, um im Kongo zu kämpfen, drückt darin seine Liebe und seinen Respekt für den kubanischen Freiheitskampf aus, erklärt aber zugleich seinen Rückzug von diesem. Im Voice-over hören wir Firk, die in einem Brief erklärt, mit welcher Kraft diese Worte die Herzen der Kubaner, aber auch, breiter gefasst, der interkontinentalen Freiheitskämpfer trafen. Wieder stellt sich hier die Impulsfrage von Bild und Wort, die in Cazadors Film stets parallel und diachron zueinander laufen – Impuls im physikalischen Sinne als die Frage sowohl nach der Masse als auch nach der Geschwindigkeit.

So stark durch die Montage diese Impulsfrage zwischen Bild und Schrift, aber auch zwischen Politik und Kunst fühlbar wird, so schwach ist dann doch die Art und Weise, wie Cazador sich Firk über die eigene Erzählstimme annähert. Sie übernimmt das Motiv der Rücksendung, des Antwortens auf Firk, insbesondere darin, dass sie im Voice-over ein Du (Firk) adressiert. Gerade im Kontrast zu den ausdrucksstarken Passagen Firks, die wir durch die warme, intime, aber auch starke Stimme Lukumuenas hören, wirkt Cazadors Stimme blass, weniger prägnant. Dazu kommt, dass sie, wenngleich sie Firk »schreibt«, doch über sie erzählt. Das erinnert vielleicht an Gespräche, die man mit den dementen Großeltern führt – »1960 warst du doch dort und dort«. Als Annäherung an eine kameradschaftliche oder schwesterliche andere Filmemacherin kreiert dieser Gestus aber nicht die intendierte Nähe. Ähnlich verhält es sich mit den Parallelisierungen der eigenen Biografie: Ja, die als Fotografien eingeblendeten Ausweise der beiden von Europa nach Kuba gereisten Filmemacherinnen ähneln sich, und doch bleibt diese Verbindung lose, da die Spur dieser hier und da gesetzten Verknüpfungen keine Bedeutung gewinnt – der Film weiß mit ihr nicht viel anzufangen.

Und die Trikontinentale – jene Konferenz, die im Januar 1966 in Havanna Befreiungsbewegungen aus Afrika, Asien und Lateinamerika zu einer antiimperialistischen Front vereinen sollte? Schließlich steht sie und nicht Firk im Titel. Wenngleich die Annäherung an Firk über das Du im Voice-over eher schlecht funktioniert, gelingt es Cazador doch packend, EINE Geschichte der Trikontinentale als Geschichte einer politischen Bewegung zu erzählen, die von den 50er- bis in die 90er-Jahre reicht. Dabei werden auch ihre Spaltungen sichtbar, etwa in Guatemala zwischen denen, die eher moderat, und denen, die eher revolutionär vorgingen – Firk schloss sich Letzteren an. Sehr präsent ist, gerade für die 70er- und 80er-Jahre, die CIA: In den Kontext der vielen Morde an Menschen, die mit der Trikontinentale verbunden waren, stellt der Film auch Firks Tod, den er in Bildern und Texten erzählt. EINE Geschichte ist es, da der Fokus vor allem ein kubanischer, ein lateinamerikanischer ist. Im anschließenden Q&A erklärte Cazador, dass das ICAIC, das den Film koproduziert hat, ihr sehr freizügig Zugang zu all seinem Material gewährt habe, während die europäischen Archive sehr restriktiv mit ihrem Material umgegangen seien. So verlangte ein belgisches Archiv – Belgien, die ehemalige Kolonialmacht im Kongo, in Ruanda und Burundi – 15.000 Euro für eine 30-sekündige Filmsequenz. Da diese Limitierungen im Film selbst allerdings nicht zur Sprache kommen, bleibt ein bitterer Beigeschmack. Verspricht der Titel »Tricontinental« einen multiperspektivischen Blick, so bleibt die Perspektive doch eher mono-kontinental: Wir hören lateinamerikanische Musik, sehen immer wieder Fidel Castro, und von dort aus blicken wir auf die Kämpfe in asiatischen und afrikanischen Ländern. Wir nehmen also einen Blick ein, der vielleicht dem Firks ähnelt: den einer im Lokalen situierten Internationalistin. Vielleicht gelingt die Annäherung an Firk also doch – trotz der eher blassen Du-Anreden.
Um Firk kennenzulernen oder sich einer Geschichte anzunähern, die aus der Bewegung des Dritten Kinos entstand, ist »Tricontinental« in jedem Fall ein sehr guter Film. JOEL SOUZA


»Tricontinental, Letter to Open in Case Of«

Tricontinentale, lettre à ouvrir au cas où

Laura Cazador

Positions

Dokumentarfilm

Schweiz, Kuba 2026

97 Minuten

Französisch, Spanisch

Untertitel: Englisch, Deutsch

Deutsche Premiere

28.10., 21Uhr, Cinémathèque in der naTo

​https://www.dok-leipzig.de/film/tricontinental-letter-open-case​


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