Dokblog 2026

Die Odyssee von Hund und Hurensohn

»Son of a Bitch« von Erica Maradona, Tania Anaya, Otto Guerra und Sávio Leite

  Die Odyssee von Hund und Hurensohn | »Son of a Bitch« von Erica Maradona, Tania Anaya, Otto Guerra und Sávio Leite  Foto: dok leipzig

Filmfestivals sind doch immer wieder eine Freude! So viel sei gesagt: Es ist jedes Jahr unheimlich spannend, sich durch diese Wundertüte aus kreativen Filmen zu wühlen. Besonders viel Spaß macht das, wenn man einen so frechen Rohdiamanten findet, wie den Animationsfilm »Son of a Bitch«. Ismael lebt in einer kleinen Stadt im brasilianischen Hinterland, zusammen mit seinem sprechenden, dreibeinigen Hund und seiner stadtbekannten Mutter. Ismael ist vor Ort ziemlich beliebt, denn wenn die Menschen in der Stadt etwas repariert haben müssen, kommen sie zu ihm. Dennoch grüßt ihn jeder als Son of a Bitch, oder zu gut Deutsch, als Hurensohn. Nein, Ismael hat nicht (nur) ziemlich unfreundliche Nachbarn, denn so ein bisschen haben die Leute der Stadt auch recht: Ismael ist der Sohn einer Prostituierten, die zur bekanntesten Bordellbesitzerin der Stadt geworden ist. Und sein Vater? Den kennt Ismael nicht und seine Mutter weigert sich, über ihn zu sprechen. Doch als Ismael endlich mal den einzigen Gegenstand, den er von seinem Vater besitzt, genauer anschaut, eine Ausgabe des Literatur-Klassikers Moby Dick, da fällt ihm auf, dass sein Vater ihm eine Widmung ins Buch geschrieben hat. Nun hat Ismael einen Namen und ein Ziel: das Meer und seinen Vater erreichen, auch wenn er dafür zu Fuß durch Brasilien laufen muss.

Diese Reise wird zu einer modernen Odyssee, oder vielmehr zu einem modernen Märchen. Gezeichnet wie ein anarchistischer Indie-Comic, oder die zum Leben erweckten Skizzen aus einem Collegeblock. Die Menschen, die Ismael und sein Hund auf ihrer Reise treffen, sind meist überhöhte sonderbare Figuren, die alle am Rand einer Gesellschaft existieren, die sie vergessen hat, oder lieber vergessen möchte. Es sind Prostituierte, Kriminelle, Landstreicher und Sinnsuchende. Immer wieder trifft der Film sozialkritische Töne, die sich eingliedern in eine Atmosphäre, die von viel absurdem Galgenhumor geprägt ist. »Son of a Bitch« reißt die Schicksale der Menschen, die das Beste aus dem Leben in einer vom Staat benachteiligten Gesellschaftsschicht machen müssen, oft nur an. Am meisten Profil bekommt da noch Ismaels Mutter, die sich von ihrem Image, das sie durch die vielen Jahre in der Prostitution bekommen hat, nicht unterkriegen lässt. Sie ist stolz auf das, was sie geschaffen hat, und sie ist übrigens auch eines der charmantesten Highlights des Films. Und auch wenn sich Ismael dafür schämt, wie seine Mutter Geld verdient, ihre Lektion, dass »jedes Geld dreckig ist«, nimmt er sich dann doch zu Herzen. Es sind Lektionen, die Ismael auf seiner persönlichen Heldenreise lernen, oder eben auch nicht lernen muss. Diese Reise ans Meer, die in ihrem Verlauf immer mehr fantastische Elemente bekommt, entpuppt sich auch als Reise ins Erwachsenwerden. Was Ismael dann am Meer aber wirklich erwartet, sollte man jedoch am besten selbst in einem Kinosessel erfahren. »Son of a Bitch« lohnt sich! COLIN SCHRÖDER


Son of a Bitch
Erica Maradona, Tania Anaya, Otto Guerra und Sávio Leite 
Internationaler Wettbewerb Animationsfilm
Animationsfilm
Brasilien 2026
72 Minuten
Portugisisch (Brasilien)
Untertitel: Englisch
Deutsche Premiere 


30.10.2026, 19:30 Uhr, Hauptbahnhof
29.10.2026 14:30 Uhr,  Cinestar 4

​https://www.dok-leipzig.de/film/son-bitch​


Kommentieren


0 Kommentar(e)