Dokblog 2026

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

»Mein genialer Vater« von Tete Hoffmann

  Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm | »Mein genialer Vater« von Tete Hoffmann  Foto: dok leipzig

Irgendwann, da müssen wir alle sterben. Das lernen wir spätestens, wenn die eigenen Großeltern auf einmal nicht mehr da sind, wenn ein Haustier, das uns seit Kindertagen begleitet hat, eingeschläfert werden muss. Trotzdem verdrängen wir den Tod aus unserem Alltag, vielleicht verdrängen wir den Tod gerade deshalb aus unserem Alltag. Bis er uns doch wieder einholt, manchmal schnell und unerwartet, manchmal langsam, schleppend. 
Tete Hoffmann fängt ihn in ihrem Dokumentarfilm »Mein genialer Vater« ein, den Tod, nur mit einer Kamera und außergewöhnlich viel Mitgefühl. Sie begleitet ihren Vater, den Schriftsteller Jan Christ, in seinen letzten acht Lebensjahren. Zeigt ungeschönt in wackeligen, niedrigauflösenden Aufnahmen, wie er nach seiner Demenzdiagnose zunehmend zu einem anderen, neuen Menschen wird. Wie er erst kleinere Dinge vergisst, die Lebensmittel im Kühlschrank, seine Medikamente. Wie er irgendwann mit viel zu langen Haaren inmitten eines Zimmers sitzt, in dem unzählige Papierstapel liegen. Dokumente in jeder Ecke, überall kleine Notizzettel mit Erinnerungen, Telefonnummern, Namen – der verzweifelte Versuch eines Mannes, die Kontrolle über ein Leben zu behalten, das ihm trotz allem entgleitet. 
Die Regisseurin zeigt auch, wie sie mit diesem anderen, neuen Menschen aneinandergerät. Und gibt dabei besonders viel über sich und ihre Beziehung zu ihm preis, so viel, dass es fast schon unangenehm wird, zuzuschauen. »Mein genialer Vater« wird damit zu dem vielschichtigen Porträt eines komplizierten Mannes, der sich der Kunst gewidmet und damit zugelassen hat, dass seine Tochter immer mehr zu einer Randfigur in seinem Leben wurde. Es ist ein Porträt, auf das man sich einlassen muss, in dem man in einem Moment mit Christ, dann wieder eher mit Hoffmann sympathisiert. Und dabei merkt, dass es sich bei diesen zwei Menschen um eben genau das handelt, zwei echte Menschen, zwei echte Leben. Sympathien werden nebensächlich, scheint die Regisseurin ihrem Vater doch in erster Linie ein Denkmal setzen zu wollen. Eines, das mahnt: Irgendwann, da müssen wir alle sterben. Das dürfen wir nicht verdrängen, denn diese Vergänglichkeit ist es, die das Leben so lebenswert macht. ELLEN DREYER

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»Mein genialer Vater«

Tete Hoffmann
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm
Deutschland 2026
87 Minuten
Deutsch
Untertitel: Englisch
Weltpremiere


30.10.2026 12:00 Passage Kinos Wintergarten 
31.10.2026 17:00 Schauburg ​

​https://www.dok-leipzig.de/film/mein-genialer-vater​


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