Dokblog 2026

Kosmonauten im Kopf

»The Orbit of Minor Satellites« von Chris Sullivan

  Kosmonauten im Kopf | »The Orbit of Minor Satellites« von Chris Sullivan  Foto: dok leipzig


Rosemary Hamm befindet sich nach einem traumatischen Unfall in einer Nervenheilanstalt. Hier spricht sie mit ihrem Therapeuten über ihre Gedankenwelt. Die Szenerie dieser Gespräche und das Schauspiel der Darstellenden wirken wie aus einem alten Schwarz-Weiß-Film. Doch dann kommt der Bruch: Im Laufe des Gesprächs schaltet der Therapeut einen Filmprojektor an, der so gar nicht wirklich am Set existiert. Er ist eine Zeichnung, die nachträglich in die Szene gemalt wurde, und auch der Film, der an die Wand des Therapiezimmers projiziert wird, besteht aus mehreren ganz verschiedenen Animations-Stilen. Ein bisschen Stop-Motion, ein bisschen Zeichentrick, ein wenig Rotoskopie. »The Orbit of Minor Satellites« zieht seine Zuschauenden mit diesem besonderen Stil schnell in seinen Bann. Die Mischung aus Animation und Realfilm ist jedoch kein reiner Selbstzweck. Animation wird hier als Brücke zwischen der realen Welt und der Welt der Gedanken genutzt.


Der eigentliche Plot wirkt dabei erstmal etwas überfordernd: Ja, es geht um Gespräche in der Therapie, aber es geht auch um eine Crew aus sowjetischen und amerikanischen Astronauten, die einen kleinen Himmelskörper nahe dem Saturn bevölkern wollen. Wie passt das zusammen? Im Laufe des Films entpuppt sich diese Mission als Metaphorik für die Psyche von Rosemarie. Genauso durcheinander wie der Geist der Protagonistin wirkt dann auch der Film: Beide Handlungsstränge gehen immer wieder ineinander über, manchmal schwirren die gezeichneten Astronauten und Kosmonauten während der Therapie um Rosemarie herum . Und immer wieder taucht ein gezeichneter Büffel mit menschenähnlichem Gesicht auf, der nur noch mehr Fragen aufwirft. Nicht nur in der Handlung wirkt er zunächst wie ein Fremdkörper, auch seine Dialoge, die komplett aus alten Aufnahmen des Frankenstein-Darstellers Boris Karloff zusammengeschnitten sind, irritieren. Warum wird ein Charakter durch einen Schauspieler verkörpert, der seit über 50 Jahren tot ist? Der Film liefert dafür nie eine zufriedenstellende Begründung. Zugänglich möchte »The Orbit of Minor Satellites« jedoch generell nicht sein. Vor allem im Mittelteil ist der Film leider etwas zäh und konfus. Da hilft auch der fantastische Look nicht immer. Dennoch bleibt der visuelle Stil das größte Argument für den Film: So einen Film hat man noch nie gesehen! Es gibt ja das Sprichwort, dass ein Gesamtwerk besser ist, als die Summe seiner Teile. Hier ist bedauerlicherweise das Gegenteil der Fall. Dennoch sollte man sich davon nicht abschrecken lassen. Vor allem Kinogängern, die mit Arthouse etwas anfangen können, werden »The Orbit of Minor Satellites« noch lange nach dem Kinobesuch durch den Kopf geistern. COLIN SCHRÖDER


»The Orbit of Minor Satellites«

Chris Sullivan

Internationaler Wettbewerb Animationsfilm

Animationsfilm

USA, Japan 2026

117 Minuten

Englisch, Russisch

Untertitel: Englisch

Deutsche Premiere


29.10.2026 21:00 Uhr, Cinémathèque in der naTo

31.10.2026 14:00 Uhr, Passage Kinos

​https://www.dok-leipzig.de/film/orbit-minor-satellites/programm​


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