anzeige
kreuzer plus

Ausbaufähige Erinnerungsformen

Auch die Gedenktafel für Katharina Kippenberg wird dem Anspruch der städtischen Erinnerungskultur nicht gerecht

  Ausbaufähige Erinnerungsformen | Auch die Gedenktafel für Katharina Kippenberg wird dem Anspruch der städtischen Erinnerungskultur nicht gerecht  Foto: Christiane Gundlach

»Verstärktes Interesse an Geschichte« – so bilanziert die Pressestelle im Rathaus die Umsetzung des Erinnerungskulturkonzepts der Stadt Leipzig in den letzten Jahren. Im November 2023 beschloss der Stadtrat dieses Konzept, das bewährte städtische Erinnerungsfelder – wie den gesellschaftlichen Umbruch 1989/90 – um Frauen- und Geschlechtergeschichte wie auch Migrations- und Fluchtgeschichten als Teil der Stadtgeschichte erweitert. Außerdem wurden darin die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, die kolonialen Verflechtungen der Stadt und die Transformationsgeschichte nach 1989 als neue Schwerpunkte der Leipziger Erinnerungskultur formuliert.

Nach Auswertung der (allgemeinen) Bürgerumfragen der Jahre 2021 und 2025 ist das Referat Strategische Kulturpolitik nun zu dem Ergebnis gekommen, dass perspektivisch mehr die Geschichte in den Stadtbezirken, jüdische Geschichte, Frauen- und Geschlechtergeschichte im Mittelpunkt stehen sollen. Kaum Interesse scheinen die Befragten an den für Leipzig wichtigen Themen Bergbau und Arbeiterbewegung zu haben. Insgesamt stellt die Stadt fest: Erinnerungskultur solle »vielfältig, zielgruppengerecht und niedrigschwellig sein«.

Für Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) stellen zudem die dreißig Projekte, die in den letzten Jahren realisiert wurden, einen Erfolg dar – wie etwa das Meutendenkmal am Lindenauer Markt (das allerdings gerade zerstört wurde). Jennicke kommt zu dem Schluss: »Erinnerungskultur gehört ins Zentrum einer demokratischen Stadtgesellschaft. Das große Interesse zeigt, dass die Leipzigerinnen und Leipziger ihre Geschichte gemeinsam diskutieren und unterschiedliche Perspektiven einbringen wollen. Das städtische Konzept Erinnerungskultur und die neue Bündelung des Themas sind ein Erfolg: Sie bringen Stadt, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Kultur zusammen und schaffen Raum für Vielfalt und Austausch. Diesen Weg wollen wir weitergehen.«


Die Gedenktafel für Katharina Kippenberg

Im Juni weihte Jennicke anlässlich des 150. Geburtstages von Katharina Kippenberg in der Gohliser Richterstraße eine Gedenktafel für die Literaturförderin ein. Die Tafel hängt an einer DDR-Betonprägesteinwand und wirkt eher wie eine Wandzeitung: links und rechts je eine Fotografie, dazwischen zwei unterschiedlich breite Textblöcke. Weder zur rot umrahmten Porträtfotografie von Kippenberg links noch zur blau gerahmten Aufnahme der »Villa Kippenberg« rechts (mit der Ergänzung »stand ehemals auf dem gegenüberliegenden Grundstück«) sind Quellen oder Jahreszahlen der Aufnahmen zu finden. 

Die Tafel erzählt aus dem Leben von Katharina Kippenberg, geboren am 1. Juni 1876 in Hamburg als Katharina von Düring. Sie kam 1903 zum Studium nach Leipzig und arbeitete nach der Heirat mit Anton Kippenberg ab 1905 mit ihm im Insel-Verlag. Sie »wurde Mitinhaberin und prägte das inhaltliche Profil des Verlages entscheidend mit«, ist zu lesen. Kippenberg setzte sich für moderne Lyrik ein und »wurde eine wichtige Förderin von Rainer Maria Rilke und Johannes R. Becher. In ihrer Villa führte sie einen kulturellen Salon, der zu einem geistigen Zentrum der Buchstadt Leipzig avancierte. Nach der Zerstörung der Villa verließ das Ehepaar Kippenberg Leipzig 1945 endgültig. 1946 wurde Katharina Kippenberg die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig und die der Universität Marburg verliehen.«

Im schmaleren Textblock rechts ist zu erfahren, dass sich die seit 1910 im Kippenberg-Besitz befindliche Villa zu einem »wichtigen kulturellen Treffpunkt entwickelte. Hier trafen sich bedeutende Autoren, Wissenschaftler, Verleger, Künstlerinnen und Künstler, Freunde des Hauses wie Oberbürgermeister Carl Goerdeler.« Das Haus sei weltberühmt gewesen für »die größte private Sammlung zu Johann Wolfgang von Goethe und seiner Zeit«, die Anton Kippenberg (1874–1950) anlegte. Er wiederum »revolutionierte die Buchkultur. Er legte großen Wert auf Buchgestaltung. Ein Großteil der wertvollen Sammlung wurde gerettet und zum Grundstock des Goethe-Museums Düsseldorf.«

Da steht er, der großen Wert auf Gestaltung legte, nun auf dieser Erinnerungswandzeitung. Von wem sie nicht gestaltet wurde, erfahren wir nicht. Wenige hundert Meter gen Norden ist in der Schorlemmerstraße 8 die 2019 eingeweihte Glas-Gedenktafel für den wegbereitenden Typografen und Schriftgestalter Jan Tschichold zu sehen. Der Schrift- und Grafikgestalter Maurice Göldner hat hierfür eine dezente, der Neuen Typografie verpflichtete Gestaltung gefunden, die mit einem QR-Code auf den Nachlass und die Biografie von Tschichold verweist, der 1902 in Leipzig geboren wurde und 1974 in Locarno starb. 

Die in der Richterstraße zu sehende Kippenberg-Tafel zeigt nicht einmal ansatzweise eine halbwegs logische, geschweige denn harmonische Gestaltung. Allein die Aufteilung der Texttafeln und die Überschrift vermitteln hier nicht den Eindruck, dass die Basis fürs Erinnern das gemeinsame Engagement von Katharina und Anton Kippenberg für den Insel-Verlag ist, sondern betont das Wirken von Katharina Kippenberg gegenüber ihrem Mann, was den historischen Tatsachen doch etwas widerspricht. 


Die Leerstellen

Neben dieser verweigerten Gestaltung von historischen Tatsachen fallen auch Leerstellen auf der Tafel auf. Warum verweist hier kein QR-Code auf die komplexen Zusammenhänge (s. kreuzer 4/2026 zur Kritik an der Tafel für Alfred Szendrei)? Dort wäre dann auch Platz, um die hier kaum beschriebene Zeit nach 1933 darzustellen. 

Einen weiteren Aspekt von Leerstellen bildet die Auswahl der hier zu lesenden Namen. Katharina Kippenbergs Unterstützung für Rilke und Becher werden benannt. Die Gästeliste der Salons beschränkt sich auf »Oberbürgermeister Carl Goerdeler« – ohne dessen Amtszeit 1930 bis 1937 zu thematisieren, in der auch einige Gäste der Kippenbergs mit erheblichen Repressionen kämpfen mussten, weil sie jüdische Akteure der Buchstadt Leipzig waren. Einer von ihnen war der seit 1912 etwa fünf Gehminuten entfernt in der Ehrensteinstraße 20 wohnende Literaturhistoriker Georg Witkowski, bei dem Anton Kippenberg studierte und über den und dessen Frau Petronella sich die Kippenbergs 1905 im Zug nach Weimar – natürlich auf dem Weg zu einer Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft – kennenlernten. Witkowski hat keine eigene Gedenktafel und wird auch hier nicht erwähnt.

Die von Jennicke für die Erinnerungskultur der Stadt propagierte Offenheit und Bedeutung für eine demokratische Gesellschaft kann auch diese Gedenktafel nicht erfüllen – wie schon die für den Thomaskantor Günther Ramin aus dem Jahr 2023 in der Ferdinand-Lassalle-Straße (s. www.kreuzer-leipzig.de). Jüdische Akteure werden nicht erwähnt – und damit vergessen. Wozu und in welchem Interesse verteilt man Gedenktafeln im Stadtraum, wenn bestimmte Kapitel immer wieder verschwiegen werden? 


> Sabine Knopf: Katharina Kippenberg. »Herrin der Insel«. Beucha, Markkleeberg: Sax 2010. 184 S., 18 €


> Georg Witkowski: Von Menschen und Büchern. Erinnerungen 1863–1933. Leipzig: Lehmstedt 2003. 526 S., 24,90 €


Kommentieren


0 Kommentar(e)