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Steine des Anstoßes

Eine Hausgemeinschaft initiiert Stolpersteine im Leipziger Osten

  Steine des Anstoßes | Eine Hausgemeinschaft initiiert Stolpersteine im Leipziger Osten  Foto: Christiane Gundlach

»Mama, ist das ein Grab?« – Ein vielleicht 5-jähriger Junge mit Pokémonpullover bleibt vor den vier glänzenden Stolpersteinen in der Oststraße stehen und schaut zu seiner Mutter. Sie schüttelt den Kopf und erklärt ihm im Weitergehen, dass es sich um Stolpersteine und nicht um Grabsteine handelt, auch wenn beide der Erinnerung an Menschen dienen. 

Erst eine Stunde zuvor sind die vier Stolpersteine an diesem 6. Oktober verlegt worden. Sie erinnern an Berta, Erich, Herbert und Edith Haliczer. Vor der feierlichen Veranstaltung im Leipziger Osten ist die Wahl von zwei AfD-Politikern zum Präsidenten und Vizepräsidenten des Landtags in Sachsen-Anhalt Thema Nummer 1. 

An diesem Dienstagnachmittag ist die Stolpersteinverlegung in der Oststraße die letzte des Tages, der morgens um neun in der Mahlmannstraße begonnen hat. Dort wird des damals 18-jährigen Paul Meinhardt gedacht, der 1939 u. a. wegen Homosexualität verurteilt, nach der Haft 1940 ins KZ Sachsenhausen eingewiesen und ein Jahr später in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Seine Biografie hat das Erich-Zeigner-Haus gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern des Immanuel-Kant-Gymnasiums recherchiert. Insgesamt zwanzig Stolpersteine wurden an diesem Tag in Leipzig verlegt. Mehr als 900 sind es jetzt an über 310 Orten in der Stadt. Seit dem Stadtratsbeschluss von 2005 erinnern die vom Künstler Gunter Demnig initiierten Gedenksteine an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Erinnerungsorte werden nach Vorschlägen und intensiver Recherche eingeweiht. Bei den Steinen für Berta, Erich, Herbert und Edith Haliczer hat es zwei Jahre bis zur Verlegung gedauert. Die Geschichte selbst begann allerdings früher.

Im Haus an der stark befahrenen Straße wohnt Stefanie Wiemer mit ihrer Familie. Vor mehr als zehn Jahren erfuhr sie, dass das Haus nach 1990 von der Conference on Jewish Material Claims Against Germany (kurz Claims Conference) verwaltet wurde – ein Verweis auf ehemalige jüdische Eigentümer. »Es wäre interessant herauszufinden, wer die Besitzer waren«, denkt Wiemer damals, verfolgt den Gedanken aber nicht weiter.

Im Oktober 2018 kommt sie mit den Kindern vom Kindergarten nach Hause und trifft im Treppenhaus vor ihrer Wohnung eine fremde Frau an. Ob sie ihr helfen könne, fragt Wiemer. Die Frau bittet sie auf Englisch, ihre Wohnung anschauen zu dürfen – ihre Oma habe hier einmal gewohnt. Stefanie Wiemer erinnert sich an die Claims Conference und lädt die Frau auf einen Kaffee in die Wohnung ein. Jamie Manelis, die damals in New York wohnt und auf Europareise ist, erzählt, dass ihre Oma Edith Haliczer aus Deutschland mit dem Schiff nach Australien geflüchtet sei. Auf den Jüdischen Friedhof wolle sie noch, sagt Manelis. Die beiden Frauen machen Fotos, tauschen E-Mail-Adressen. »Dann hat es in mir gearbeitet«, erzählt Wiemer dem kreuzer, »eigentlich wüsste ich sehr gern mehr. Aber kann man das fragen? Ist das nicht zu übergriffig?«, fragt sich Wiemer nach dem Treffen mit Manelis. Es dauert noch einige Zeit, aber Anfang 2019 schreibt sie Jamie Manelis eine E-Mail, in der sie vorsichtig zur Familiengeschichte fragt. Sie erhält keine Antwort. Für sie ist klar: Keine Antwort ist auch eine Antwort. »Aber es hat mich nicht losgelassen.« Sie folgt Manelis auf Twitter. Jahre vergehen. 


»Ein krasser Moment«

Während eines Nordseeurlaubs 2024 besucht Wiemer mit ihrer Familie das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven. In den Museumsräumen stehen Arbeitsplätze für Recherche zur Verfügung, um in Passagierlisten der Schifffahrtsgesellschaften nach Personen suchen zu können. Stefanie Wiemer gibt den Namen »Haliczer« ein und findet sofort drei Einträge: »Mrs. Erich Haliczer« bricht 1938 ab Antwerpen auf und kommt am »12. August 1938 in Adelaide, South Australia, Australia« an. »Miss E Haliczer« kommt am 11. Juli 1939 aus London nach Fremantle, Western Australia, und »Mrs. F Haliczer« erreicht ebenfalls aus London kommend am 25. September 1939 Fremantle im Westen Australiens. 

»Das war ein krasser Moment«, erinnert sich Stefanie Wiemer im Gespräch mit dem kreuzer. Sie recherchiert weiter, findet im Arolsen-Archiv – dem größten Archiv über Opfer und Überlebende des Nationalsozialismus – die Mitgliedskarten der Israelitischen Religionsgemeinde Leipzig von Berta (auch Feigele genannt, daher das F auf der Passagierliste), Edith und Erich Haliczer. Bei allen steht als Adresse die Lindenthaler Straße 5 notiert, bei Berta zusätzlich die Gohliser Straße 17. 

Die Familie wird Wiemer später erzählen, dass es sich bei der Gohliser Adresse um das Geschäft der Familie handelte, aber dazu später mehr. Wiemer speichert die Karten auf der Festplatte und schreibt Anfang Juni 2024 erneut an Jamie Manelis, fügt den Link zum Stolperstein-Projekt hinzu und hängt an die Mail die Karten aus dem Arolsen-Archiv. Sie fragt, ob die Familie Stolpersteine vor dem Haus als Erinnerungszeichen gut fände.

Binnen einer Stunde erhält sie eine Antwort. Es ist der Geburtstag der Großmutter – Edith Haliczer wurde am 4. Juni 1920 in Leipzig geboren. Auf die Idee mit den Stolpersteinen reagiert Manelis mit »Das machen wir!« – die weitere Kommunikation gibt sie in die Hände ihrer Mutter – Michele Manelis. Im Haus in Leipzig gründet sich nun eine kleine Arbeitsgruppe, um weiter zu recherchieren, denn so einfach scheint es nicht zu sein, wie die Einträge im Adressbuch der Stadt und die Gemeindekarteikarten vermuten lassen. Hat die Familie hier gewohnt? Von wann bis wann und wo?


Eine Arbeitsgruppe recherchiert

In den Leipziger Adressbüchern ist Berta Haliczer, Kaufmannswitwe, als Eigentümerin des Hauses in der Oststraße 78 ab 1933 zu finden. Sie wird hier mit ihrer Wohnadresse in der Lindenthaler Straße 5 genannt, wohnt dort in der ersten Etage. Bis 1939 steht sie als Eigentümerin in den Adressbüchern mit der Wohnadresse Lindenthaler Straße. Ab 1940 taucht Alfred Albrecht, Handelsvertreter, wohnhaft in der Waisenhausstr. 18, 1. Etage – heute Arno-Nitzsche-Straße – als Eigentümer des Hauses in der Oststraße 78 auf. Der Name Haliczer ist aus dem Adressbuch verschwunden. Wer im Leipziger Jüdischen Jahr- und Adressbuch 1933 nachschaut, findet den Eintrag »Haliczer, Berta Eutritzscher Str. 45«.

Stefanie Wiemer tritt in Kontakt mit der AG Stolpersteine. Auch deren Leiter Achim Beier (s. Interview auf S. 24) findet als Wohnadresse der Familie Haliczer nicht die Oststraße. Da die Stolpersteine an den letzten frei gewählten Wohnort der Menschen erinnern sollen (s. S. 23), »haben wir uns auf einen Kompromiss geeinigt: Die vier Stolpersteine erinnern an die Mitglieder der Familie Haliczer, ob sie vor ihrer Flucht in dem Haus in der Oststraße gewohnt haben, lässt sich nicht rekonstruieren. Es hat ihnen aber auf jeden Fall gehört.« 

Am Abend vor der Stolpersteinverlegung gibt es im Ariowitsch-Haus eine Veranstaltung mit allen Angehörigen, die angereist sind. Hier trifft Stefanie Wiemer zum ersten Mal Michele Manelis persönlich, die sie bisher nur aus Mails und aus einem Videocall etwas kennt. Wiemer sagt Manelis, dass sie zögerte, auf sie zuzugehen – weil es so ein großer Unterschied sei zur (Online-)Recherche in den mittlerweile vielfältigen Archiven, wobei die gelebten Erfahrungen und Geschichten über das Leben in der Stadt eben außen vor bleiben. Michele Manelis versichert ihr, dass sie und ihre Familie die Stolpersteine gut finden, weshalb auch weitere Familienmitglieder aus Australien und den USA nach Leipzig gekommen sind. 


Der Tag der Stolperstein-Verlegung

Für die Verlegung der Stolpersteine bietet eine Hausnachbarin, die beim Leipziger Demochor singt, musikalische Unterstützung an, und so beginnt am 6. Oktober kurz nach 15 Uhr der Chor mit »Zog niz Keyn Mol«. Mitglieder der Familie und Stefanie Wiemer lesen die Biografien von Berta, Erich, Herbert und Edith Haliczer auf Deutsch und Englisch vor, während die vier Stolpersteine ins Gehwegpflaster eingearbeitet werden: Die Familienbiografie beginnt allerdings mit Josef Haliczer – dem Ehemann von Berta, geboren am 2. Januar 1882 in Tarnopol – und Berta, auch Feigele genannt, geboren am 7. November 1887 in Sambor. Beide heiraten im April 1914 in Lemberg (damals Galizien, heute Ukraine), fliehen vor Antisemitismus nach Leipzig. Im Leipziger Adressbuch taucht 1916 auf: Josef Haliczer, in der Eutritzscher Straße 45 wohnend, mit dem Verweis auf das Geschäft »Messutta & Co – Wäsche & Trikotagen«, erst in Czermaks Garten, dann in der Plauener Straße (heute Höfe am Brühl) befindlich – Inhaber sind Josef Haliczer und Samuel Messutta.

Erich Haliczer, der älteste Sohn von Berta und Josef Haliczer, wird am 13. März 1915 in Leipzig geboren, er macht hier 1934 sein Abitur, studiert Sprach- und Geschichtswissenschaften an der Universität. Er verlässt Leipzig, um dem vorherrschenden Antisemitismus zu entgehen: 1937/38 ist er an der Wiener Philosophischen Fakultät eingeschrieben, muss diese 1938 aber aus »rassistischen Gründen« verlassen – sein Name steht am Denkmal Vertriebener Historiker:innen an der Uni Wien – und wandert über Antwerpen nach Australien aus, wo er ab 1954 die Germanistik an der University of Queensland leitet und 1956 stirbt.

Am 8. Juli 1916 wird Herbert Haliczer als zweiter Sohn von Berta und Josef Haliczer geboren. Ab Dezember 1933 bereitet er sich auf Gut Gremsdorf in Schlesien auf ein Leben in Palästina vor, wohin er 1934 emigriert. Später zieht auch er nach Australien. Er stirbt 1970.

Edith Haliczer, das dritte Kind der Haliczers wird am 4. Juni 1920 in Leipzig geboren und kommt 1939 über London nach Australien. Dort heiratet sie Martin Manelis (1914–2007), dessen Familie in der Leipziger Innenstadt – in der Nikolaistraße 36 – ein Restaurant besaß.

Josef Haliczer stirbt bereits am 27. August 1925, weshalb er auch keinen Stolperstein zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus hier erhält. Sein Grab befindet sich auf dem Alten Israelitischen Friedhof an der Berliner Straße. Berta Haliczer übernimmt seine Aufgaben im Geschäft, bis dieses 1935 aufgegeben wird und sie über London nach Australien auswandert, wo sie 1966 stirbt.

Nachdem die vier Steine für Berta, Edith, Erich und Herbert verlegt sind und der Demochor »All you Fascicsts bound to lose« gesungen hat, endet die offizielle Veranstaltung, an der mehr als fünfzig Menschen teilnehmen. Die Hausgemeinschaft und die Familie gehen zum Kuchenessen in den Garten. »Leipzig hat in der Familiengeschichte immer eine Rolle gespielt«, erzählt Michele Manelis vorher noch dem kreuzer. Und das wird auch so bleiben. Nach einem Besuch in der Ausstellung zum Fotostudio Mittelmann im Stadtgeschichtlichen Museum samt englischer Führung will sich die Familie ihre verbliebenen historischen Fotografien noch mal unter dem Aspekt anschauen, ob sie auch aus dem jüdischen Fotostudio stammen könnten. Eine andere Überlegung ist es, den Spuren der Familie Manelis in Leipzig nachzugehen, vielleicht auch mit Stolpersteinen an sie zu erinnern.

Achtzig Prozent der Stolpersteine werden – so Achim Beier – von Nachkommen initiiert. Den Namen in Erinnerung rufen wie auch die Geschichte, das können Stolpersteine, fern von ritualisierten Erinnerungsveranstaltungen, sondern plötzlich auf der Straße, im Alltag. Von der Idee bis zur Verlegung dauert es eine Weile, die Beschäftigung mit den Biografien der Menschen zeigt aber, wie viele Leerstellen es in den Erzählungen noch gibt. Gleichzeitig bedeutet die Verlegung auch einen Beginn – für neue Bekanntschaften und Kontakte oder neue Blicke ins Fotoalbum der Familie. 



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