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Kultur

»Das Sinnliche, das analoge Erleben«

Verwaltungsdirektorin und Neu-Intendantin Lydia Schubert über die Opernbühne, die bei allen Sparmaßnahmen Vorrang hat

  »Das Sinnliche, das analoge Erleben« | Verwaltungsdirektorin und Neu-Intendantin Lydia Schubert über die Opernbühne, die bei allen Sparmaßnahmen Vorrang hat  Foto: Kirsten Nijhof

Frösche sind keine zu entdecken in Lydia Schuberts neuem Büro. Wer einmal ihre frühere Wirkungsstätte als Verwaltungsdirektorin am Theater der Jungen Welt gesehen hat, wird sich wundern. Das Büro war voller Glubschaugen. Irgendwer hatte den Frosch in die Welt gesetzt, Schubert würde Quakendes sammeln, und so konnte sie sich vor grünen Geschenken nicht retten. Dreizehn Jahre war sie am TdJW, seit 2021 ist sie Verwaltungsdirektorin an der Oper Leipzig. Schubert, die aus einer musikalischen Familie stammt, hat nach Tobias Wolffs Abgang und vor Peter Heilkers Antritt nun auch die geschäftsführende Intendanz der Oper inne. Wie sie beide Aspekte vereinen möchte, erklärt sie im kreuzer-Gespräch.

Bedeutet Ihre Doppelrolle doppelte Arbeit und wie fühlt sie sich an?

Normal, denn die beiden Pole waren bei mir schon immer vorhanden. Ich liebe die Kunst, die Musik. Mein Anspruch war es stets, nicht nur aufs reine Zahlenwerk zu schauen. Nach dem Motto: Das ist defizitär, das muss weg. Es ist ja Grundgeschäft an jedem öffentlich geführten Kulturbetrieb, dass er bezuschusst wird. Mir geht es um den Ausgleich, beim knallharten Schauen auf die Zahlen einen Weg zu finden, wie man die Kunst ermöglicht. Dass wir in Verhandlungsprozessen gemeinsam Prioritäten setzen, das habe ich immer gemacht. Heute ist das ein bisschen einfacher in der Doppelrolle. Ich führe immer noch Verhandlungsprozesse mit dem Generalmusikdirektor und den Spartendirektoren. Aber das Bewusstsein, zum Schluss die Einzige zu sein, die verantwortlich gemacht wird, ist anders. Das halte ich aber gut aus.


Manche in der Öffentlichkeit nehmen die Situation als Notnagel wahr. Aber Sie kommen aus der Musik und haben schon als TdJW-Verwaltungsdirektorin gesagt, dass Sie einmal in die Musik zurückkehren. Damals haben Sie das Theatergeschehen auch schon künstlerisch begleitet.

Exakt, da habe ich nie einen Hehl daraus gemacht.


Singen Sie noch im Chor?

Ja, dafür Zeit zu finden, gebe ich mir Mühe. Und vor allem spiele ich noch Geige. Irgendwie muss das gehen, ich brauche das. Mindestens Weihnachten muss und möchte ich wieder singen und auch mein Konzert im Oktober mit Fauré-Requiem und Mendelssohn wird stattfinden. Fürs Üben muss ich in meinem vollen Terminkalender einfach die Zeit finden.


Sie haben im MDR erklärt, den Spielplan auf den Kopf zu stellen. Was bedeutet das?

Das habe ich mit meinem Leitungsteam getan, als klar war, dass Tobias Wolff als Intendant nach Braunschweig geht. Der Spielplan für 2026/27 stand. Aber wir haben nach Stellschrauben gesucht, wo wir durch Änderungen mehr Besucherinnen und Besucher in die Oper locken können. Welche Stücke sind repertoirefähig? So ist der »Eugen Onegin« in den Spielplan gekommen (Premiere am 10. Oktober, Anm. d. Red.). Auch zum Schluss die spartenübergreifende Inszenierung »O Fortuna«, die »Pagliacci« mit der »Carmina Burana« verschränkt, soll das leisten. Vielleicht findet hierdurch Ballettpublikum zur Oper. Oder Menschen, die den Titel »Carmina Burana« lieben, erlangen vielleicht einen Zugang zu Oper und Ballett. Wir wollen also neue Publikumsschichten aufschließen und Publikum, das wir schon haben, anders bedienen. Oder wie schaffen wir es, in den warmen Monaten interessant genug zu sein, damit Menschen nach drinnen gehen? Die Öffnung des Hauses ist ja schon lange unser Programm.


Stichwort »dritter Ort«?

Genau, wobei die Kulturhäuser da vor besonderen Aufgaben stehen. Das Opernhaus ist ein spezielles Gebäude, sehr offen, man kann schlecht Räume abriegeln. Wir brauchen da immer Personal. Oper als dritter Ort ist immer mit Kosten verbunden. Aber wir öffnen uns, wo möglich. Wir haben den Tag der offenen Tür, Balkonkonzerte und die Singbar – eine Art Kneipenchor – in der Musikalischen Komödie, wo sich Interessierte treffen können, um gemeinsam Musik zu machen. Solche Formate werden wir weiter anstoßen. Statt mit »Hänsel und Gretel« laden wir in diesem Jahr zum Adventssingen in der Oper – und alle dürfen auch mal mitsingen.


Sie haben auch einige Wiederaufnahmen in den Spielplan gehoben.

Wir haben in der Opernsparte zwölf Wieder­aufnahmen und vier Premieren, eigentlich fünf mit »Krieg. Stell dir vor, er wäre hier«, der das Publikum auf die Bühne holt und eine andere Sehweise ermöglicht. Wir wollen insgesamt schneller ins Spiel kommen, nicht so häufig jedes Wochenende das Gleiche hintereinander spielen. Da haben wir einen schnelleren Wechselrhythmus gefunden. Das ist ja eine logistische Herausforderung. Wir setzen natürlich auf unseren »Holländer« …


Richard Wagners »Fliegender Holländer« ist allein schon wegen des monumentalen Bühnenbilds eine Schau.

Das zieht die Leute, auch eine »Tosca« ist wieder da. Der »Don Giovanni« hat die Zuschauer immer sehr angezogen und wir hoffen, dass es wieder gelingt. Voraussehen kann man es aber nicht.


Sie zielen nicht nur aufs eingefleischte Opern-Publikum?

Nein, man muss die Arie nicht benennen können, die man vielleicht schon kennt, um zu kommen. Vielleicht hat man nur einen Titel im Kopf und sagt sich dann: Wenn ich den mag, dann will ich mal den ganzen »Figaro« sehen.


Opernmusik ist ja wahnsinnig populär in der Werbung, aber viele Menschen bleiben der Oper fern.

Und wir müssen einfach mehr darauf Lust machen; auch darauf, diesen tollen Bau mal zu erkunden.


Sie planen einen noch größeren Austausch mit dem Gewandhaus?

Das machen wir bereits, etwa mit dem Klassik-Match. Und auch die Spielplanumstellung hat gezeigt, wie gut das funktioniert. Wir haben außerdem noch einen Auftrag des städtischen Arbeitskreises Struktur, der mögliche Synergien der Kulturbetriebe prüft, da sind wir dran. Und ein Punkt ist ja, dass wir jetzt gemeinsame Festivals veranstalten – wie 2029 zu Tschaikowski. Das wird die Kraft am Augustusplatz bündeln.


Eigene Festivals wurden zuvor als Konkurrenz wahrgenommen?

Nein, es wurden ja alle städtisch extra gefördert. Aber wir wollen die Gelder gezielter einsetzen. Wir haben nun alle zwei Jahre Festivals und dazwischen noch ein gemeinsames. Dadurch entzerrt sich das. Für eine Oper ist es geradezu unmöglich, alle zwei Jahre ein Festival mit Schwerpunkt zu machen. Das ist keine Zeit, um dafür ein Repertoire aufzubauen, das auch noch hochkarätig besetzt ist. Auf »Wagner 22« ist jahrelang fest hingearbeitet worden. Das kann man nicht alle zwei Jahre wiederholen. Ich bin gespannt auf unser Verdi-Festival 2028 – da sehe ich uns gewappnet. Der wird sicher nicht so ziehen wie Wagner, aber vielleicht mehr als Lortzing in diesem Jahr.


Das Festival lief nicht so gut, richtig?

In der Kunst muss man Entscheidungen fällen. Und es war schon einmal interessant, die fast noch nie gespielte Oper »Regina« hier zu sehen.


Wie kann die Oper den strukturellen Defiziten entkommen?

Alle Optimierungsmaßnahmen sind gelaufen. Wir verbrauchen zum Beispiel halb so viel Energie wie vor zehn Jahren – aber die Kosten dafür bleiben die gleichen durch die Preis-Erhöhungen. Man bekommt mit Einsparmaßnahmen nur die Steigerungen ausgeglichen. Noch mehr bekommen wir unseren Energieverbrauch nicht nach unten. Auch in anderen Bereichen sind Maßnahmen endlich, etwa bei Instandhaltungsmaßnahmen der Häuser. Da brauchen wir Geld und müssen das so strecken, dass wir die Gebäude nicht so herunterwirtschaften wie in anderen Städten. Wir können froh sein, dass bei uns in den letzten Jahren baulich noch viel passiert ist, etwa die Inspizientenanlage vor zwei Jahren erneuert wurde. Das sind Maßnahmen, die stammen aus einer anderen Zeit. Eine Einnahmenerhöhung ist das Ziel, dazu wurden auch die Eintrittspreise erhöht. Auch das ist endlich und wir hatten das eigentlich nicht vorgesehen. Denn damit geht immer die Sorge einher, Publikum zu verlieren.


In welcher Höhe wurde die Erhöhung vorgenommen?

Rund zehn Prozent, aber gespreizt. In den unteren Preiskategorien weniger, nach oben hin mehr. Allein mit dem Eintritt werden wir nie das Defizit decken und wir würden auch mit einer utopischen Hundert-Prozent-Auslastung nicht kostendeckend arbeiten. Wir optimieren unser Vermietungsgeschäft. Mit Sponsoren ist es in diesen Zeiten auch schwierig, aber wir putzen Klinken. Unser Hauptgeschäft vergessen wir dabei aber nicht: Vorrang hat alles, was auf der Bühne geschieht. Wir werden nicht in der Qualität sinken. Wir erfüllen, was von einer Oper Leipzig erwartet wird. Daher ist alle Konsolidierung endlich. Wir brauchen ein starkes Ensemble in allen Sparten, gute Dirigenten ein überzeugendes Gewandhausorchester und alle Menschen, die die Theatermaschinerie am Laufen halten. Jeder Personalabbau kommt damit auch an sein Ende. Heute arbeiten nur noch 740 Menschen bei 664 Planstellen im Opernhaus, in der Muko und in den Theater- und Kostümwerkstätten. Früher gab es an der Oper Leipzig rund tausend Planstellen. Man darf nicht vergessen: Wir sind ein analoges Geschäft.


Insgesamt scheint das gesellschaftliche Interesse am Analogen wieder leise zu steigen ...

Hoffentlich haben die Leute wieder Lust auf das Sinnliche, das analoge Erleben. Dass sich Leute auf die Einmaligkeit einlassen. Das macht es für mich immer spannend. Das erzählt sich nie auf dem Bildschirm. Ich bin niemand, die sich abends im TV den Wagner aus Bayreuth reinzieht. Mich fesselt es nicht so, wie wenn ich mitten im Raum sitze. Dieses Gefühl, dabei zu sein, ist es, was die Musik für mich lebendig macht.



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