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»Mehr Stolpersteine verhindern keinen Rechtsruck«

Achim Beier, der der AG Stolpersteine in Leipzig vorsteht, über seine Arbeit und deren Wert für die Demokratie

  »Mehr Stolpersteine verhindern keinen Rechtsruck« | Achim Beier, der der AG Stolpersteine in Leipzig vorsteht, über seine Arbeit und deren Wert für die Demokratie  Foto: Christiane Gundlach

Achim Beier wurde 1964 in Riesa geboren. Nach Tätigkeiten als Maurer und Bibliothekshilfsarbeiter studierte er ab 1990 Geschichte, Kommunikations- und Medienwissenschaften an der Uni Leipzig. Seit 2006 arbeitet er am Archiv Bürgerbewegung und ist dort für die Stolpersteine in Leipzig zuständig.

Wie lange dauert es, bis ein Stolperstein verlegt wird?

Ich orientiere momentan auf eine Wartezeit von zwei Jahren, weil wir so viele Anmeldungen haben. Nichtsdestotrotz muss ich auch einen Spielraum behalten. Bei betagten Familienangehörigen oder bei einer Schulklasse muss ich eine zeitnahe Lösung finden. Ein halbes Jahr dauert es aber schon, zu recherchieren und die Inschriften mit der Stiftung von Gunter Demnig, die die Steine herstellt, zu besprechen. Die Stiftung hat so viel zu tun, dass sie einen Vorlauf von zwei bis drei Monaten braucht, bis die Steine dann fertig sind. 


Wie sind Sie zur AG Stolpersteine gekommen?

Es gab einen Stadtratsbeschluss 2005 (siehe Infokasten). Daraufhin hat das Kulturamt das Projekt ausgeschrieben und Vereine konnten sich bewerben. Da war ich noch nicht dabei. Die Vereine waren unter anderem das Haus Steinstraße, der evangelische Kirchenbezirk, das Archiv Bürgerbewegung – und die kamen zu dem Schluss, dass sie es zusammen machen wollten. Das Kulturamt brauchte jedoch einen Ansprechpartner, und das wurde das Archiv Bürgerbewegung, da es, wie im Stadtratsbeschluss vorgesehen, damals schon mit Jugendlichen und Schulklassen zusammenarbeitete. Ich bin durch einen Zufall dazugekommen, weil ich das Archiv Bürgerbewegung kannte. Ich bewarb mich und bin dann als Ein-Euro-Jobber Anfang 2006 eingestiegen.  


Was hat sich in den zwanzig Jahren seitdem geändert?

Die Arbeitsgemeinschaft gibt es bis heute. So eine Arbeitsgemeinschaft hat aber immer den Nachteil, dass sie anonym wirkt. Ich habe versucht, unsere AG auf unserer Website transparent zu machen. Seitdem das Erich-Zeigner-Haus in das Stolperstein-Projekt eingestiegen ist, kam es zu Verwechslungen. Aber wer ein Interesse an dem Projekt in der Stadt äußert und sich meldet, landet letztendlich auf meinem Schreibtisch. 


Es geht bei den Stolpersteinen um die Opfer des Holocaust. Die ersten Steine wurden in Leipzig im Kolonnadenviertel für eine jüdische Familie verlegt, die Familie Prinz in der Alexanderstraße 46. Hat sich über die Jahre der Fokus auf andere Opfergruppen verlagert? 

Nein, bei der ersten Verlegung im April 2006 ging es um jüdische Menschen, aber schon bei der zweiten Verlegung hatten wir einen Stein für einen Wehrmachtsdeserteur. Von Anfang an waren alle Opfergruppen gemeint.


​Es wurden bisher 900 Steine in der Stadt verlegt. Wann finden die Verlegungen statt?

Lange Zeit waren wir vom Terminkalender Gunter Demnigs abhängig. Mit ihm hatte ich verabredet, dass er zweimal im Jahr nach Leipzig kommt und die Steine verlegt. Damit waren wir schon relativ privilegiert. Es hatte aber den großen Nachteil, dass wir uns nie in städtische Aktionstage einbringen konnten. Da er nun nicht mehr alle Steine selber verlegt, hatten wir die Freiheit, die Termine zu bestimmen, so dass wir konstant im Sommer zur Jüdischen Woche oder zum Besuchsprogramm für ehemalige jüdische Leipziger und deren Nachfahren Steine verlegen wie auch im Frühjahr und im Herbst. Es stellt sich natürlich die Frage: Wenn ich eine lange Warteliste habe, warum mache ich da nicht mehr? Das eine ist, dass die Ressourcen zur Steinherstellung gar nicht vorhanden sind. Und um die Aufmerksamkeit in der Stadt hochzuhalten, konzentrieren wir die Verlegungen auf drei Termine im Jahr. 


Gibt oder gab es Zerstörungen von ­Stolpersteinen in Leipzig?

Ja, aber wir sind jetzt bei 900 Steinen und die Zerstörungen kann ich an zwei Händen abzählen. Wobei man zwei Sachen unterscheiden muss: Ich glaube, was schon immer mal vorgekommen ist, das sind Beschmierungen, wo ich aber der Meinung bin, dass das Vandalismus ist. Ich muss auch unbedingt sagen, dass die Stadtgesellschaft in der Hinsicht ziemlich aufmerksam ist, die die Reinigung selber in die Hand nimmt und ich manches gar nicht mitkriege. Aber eine Problemstelle hatten wir mal, wo die Zerstörung politisch motiviert war: Das waren in Wahren die beiden Steine für Mary und Max Lesser. Es fing mit Farbe an. Die Steine wurden von Passanten immer wieder saubergemacht. Ich habe dann selber ein Projekt mit einer Jugendgruppe der Diakonie organisiert, die in der Stadt rumfährt und Graffiti entfernt – ich habe versucht, Interesse an unserer Erinnerungskultur bei ihr zu wecken. Später sind die Jugendlichen dann von sich aus hingefahren. Aber irgendwann wurden die Steine mit einer Spitzhacke zerstört. Da habe ich relativ viele Meldungen erhalten, dass man die Steine doch auswechseln müsste. Ich stand diesbezüglich mit der Enkelin der Lessers in den USA in Kontakt, weil ich der Meinung war: Ich wechsele die Steine jetzt nicht einfach aus. Wir belassen es zunächst dabei, um Aufmerksamkeit zu generieren, weil etwas nicht in Ordnung ist. Unsere Intention war, dass man eine Schändung von Denkmälern nicht gleich kaschiert und wegmacht, so als wäre nichts passiert, sondern die Schändung öffentlich zu machen und dadurch zur Diskussion anzuregen. Diese Auseinandersetzung gab es. Zusammen mit Akteuren vor Ort fanden wir einen geeigneten neuen Ort. Das haben wir dieses Jahr gemacht.


Neben den Stolpersteinen gibt es auch Stolperschwellen.

In Dösen gibt es eine und vor der Uniklinik. Mir gefallen die aber nicht.


Warum?

Weil die Individualität fehlt und weil solche Schwellen an Orte der Tat kommen. Das Innovative der Stolpersteine ist ja, finde ich, dass man an die Orte geht, wo das Leben noch normal gewesen ist. Die Stolperschwellen befinden sich dort, wo Unheil passiert ist. Für mein Empfinden widerspricht sich da was. Ich habe mit Gunter Demnig darüber gesprochen, dass ich das kritisch sehe.


Wie läuft eine Stolperstein-Verlegung ab? 

Ich gebe einen gewissen Rahmen vor und bin mit Musikern vom Kranwerk Naunhof unterwegs, die machen das sehr sensibel. Im Idealfall moderiere ich das nur – stelle vor, wer hier Akteur ist und warum wir hier sind, und übergebe das Wort dann an die jeweiligen Gruppen, die dahinterstehen. Wenn Angehörige anwesend sind, ist es ein bisschen anders: Dann sage ich kurz was zur Biografie und zum Schicksal und die Angehörigen sprechen darüber, wie mit dem Schicksal im Familiengedächtnis umgegangen wurde und wird. Es ist aber immer ganz verschieden. Obwohl ich schon so viele Verlegungen gemacht habe, ist jede irgendwie immer wieder neu. Währenddessen werden die Steine von einem engagierten Mitarbeiter des Städtischen Eigenbetriebs Behindertenhilfe in das Pflaster eingebaut. Wenn dann alle Arbeiten fertig sind, alles sauber und alle Gerätschaft weg ist, kommt noch mal Musik, um einen Moment der Besinnung zu schaffen.


Wie gehen Sie mit den Schicksalen hinter den Stolpersteinen persönlich um? 

Ganz klar: So viel Grauen hält man nicht immer aus. Besonders extrem ist es, wenn ich im persönlichen Kontakt mit Familien bin. Furchtbar ist auch, was manchmal in den Akten der Täter zu lesen ist. Das geht an die Nieren und ich wende mich anderen Projekten zu und versuche sozialen Ausgleich zu finden.


Wie hat sich die Erinnerungskultur in der Stadt aus Ihrer Sicht in den letzten zwanzig Jahren verändert? Ist Leipzig gut aufgestellt? 

Ich habe keine Sorge. Es gibt engagierte Vereine, die sich mit diesem Thema beschäftigen, so wie wir oder die Gedenkstätte für Zwangsarbeit oder das Zeigner-Haus. Dann bin ich in der Initiative Riebeckstraße aktiv – dort sind viele junge Leute aktiv. Jetzt speziell für Leipzig mache ich mir keine Sorgen. Außerhalb der Großstädte haben es die wenigen Enthusiasten viel schwerer. Letztendlich sind wir von öffentlichen Geldern abhängig. Dazu braucht es ein politisches Statement, um kontinuierlich arbeiten zu können. Der politische Wille ist entscheidend, und noch ist er in Leipzig gut. Das ist natürlich eine Entwicklung, die 
offen ist. Aber prinzipiell gibt es, glaube ich, in Leipzig genug junge Leute, die, sage ich mal so, die Fackel weitertragen können.


Heidenau darf an der Stelle allerdings nicht fehlen. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein?

Die Argumentation des Heidenauer Stadtrats ist scheinheilig. Die Begründung von Heidenau ist ein Muster, das es schon sehr lange bei den Kritikern des Projekts gibt. Das finde ich wirklich bösartig verlogen, wenn man sagt: »Die Familienangehörigen wollen das nicht, dass auf den Menschen noch mal rumgetreten wird.« – Die Nazis wollten diese Namen und die Geschichte ihrer Opfer auslöschen und es ist ihnen nicht gelungen. Das übernimmt jetzt die zweite oder dritte Nachkriegsgeneration. Wovor ich große Sorge habe: Dass hier ein Präzedenzfall geschaffen wird – das ist genau das, was Höcke mit seiner 180-Grad-Wende meinte! Durch das Projekt Stolpersteine werden die unterschiedlichsten Menschen politisch aktiv. Diese Vielfalt, die Konsequenzen und die Verantwortung im Umgang mit den historischen Fakten ist denen ein Dorn im Auge. Sie reden zwar immer von Demokratie, aber praktizierte Demokratie ist nicht nur ein Wahlverhalten oder die parlamentarische Demokratie. 


Worin besteht aus Ihrer Sicht der aktuelle gesellschaftliche Wert von Stolpersteinen?

Ich bin nicht so naiv zu denken: Mehr Stolpersteine verhindern einen Rechtsruck. Die AfD und ihre Anhänger sind für das Reich der Fakten nicht zugänglich. Die AfD will uns ein geschlossenes Weltbild vorschreiben. Ich sehe das Stolperstein-Projekt als einen offenen Aktionsraum, wo Menschen mitmachen können, die sagen: So wollen wir nicht leben. Das Projekt Stolpersteine wie auch viele andere basisdemokratische Initiativen können solche Räume schaffen, in denen Menschen unabhängig von staatlichen Regularien selbst aktiv werden können. Das ist gelebte Demokratie.



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