Dokblog 2026

Blumenwiesen und Betonwüsten

»Concrete Land« von Asmahan Bkerat

  Blumenwiesen und Betonwüsten | »Concrete Land« von Asmahan Bkerat  Foto: dok leipzig

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: Einen Fernseher, ein Fahrrad, eine Schubkarre und das alte Schaf, das ich mit der Flasche selbst großgezogen habe. Mehr bleibt mir nicht mehr. Mein Zelt wurde verbrannt, mein Großvater ist tot und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, der ist zerstört. 
Es war ein einzigartiger Ort. Die Blumen, die dort inmitten der goldenen Gräser wuchsen, waren so farbenfroh, dass man bei ihrem Anblick stutzig wurde. Der Mohn blutrot, der Indigo tiefblau. Neben ihnen standen Bäume, krumm, schief und trotzdem anmutig. Sie standen dort ein ganzes Jahrhundert, bis die Bagger mit ihren Greifarmen kamen. »Concrete Land« ist Asmahan Bkerats erster Dokumentarfilm. Trotzdem führt sie die Kamera mit so viel Liebe zum Detail, so sorgfältig, dass man meinen könnte, sie macht ihr Leben lang schon nichts anderes. Natürlich trägt die jordanische Landschaft ihren Teil dazu bei, Bkerat findet aber immer wieder an überraschenden Orten atemberaubende Bilder und arbeitet mit klugen Metaphern. Die Scherbe, in deren Spiegelbild die junge Tochter der porträtierten afro-palästinensischen Beduinenfamilie Make-up aufträgt: Enthaltsamkeit macht kreativ, nicht aber weniger schön. Allerdings verliert sich die Regisseurin ein bisschen in ihren schönen Bildern. Auch der Schnitt könnte stellenweise zackiger sein. So steht die Gestaltung immer wieder der Nachricht, der Dringlichkeit ihres Films im Weg. Wir begleiten die Protagonisten eine ganze Stunde in ihrem Alltag, in der Schule, den Zelten, beim Schafehüten. Erst dann kommen sie allmählich, die Bagger, die die Bäume und die Beduinenfamilie entwurzeln. Sicherlich, zwischendrin gibt es gute Gesprächsansätze: Generationskonflikte, Rassismus, Fluchterfahrungen. Aber auch diese Impulse müssen immer wieder Bkerats Landschaftsaufnahmen weichen. Die werden leider erst wieder richtig eindrücklich, wenn sie der Neubausiedlung, die anstelle der Zelte und der Blumenwiesen im Randbezirk der jordanischen Hauptstadt Amman entstehen soll, gegenübergestellt werden. Kalt, undurchlässig und einsam. »Concrete Land« verfolgt viele kluge Fragen, mit denen wir am Ende allein gelassen werden. 
Wer ist ein Schäfer ohne seine Schafe? Wer ist ein Bauer ohne fruchtbares Land? Wer sind wir, wenn uns unsere Heimat, unsere Lebensgrundlage genommen wird? ELLEN DREYER

»Concrete Land« 
Asmahan Bkerat
Internationaler Wettbewerb Dokumentarfilm
Jordanien, Palästina
2026
101 Minuten
Arabisch
Untertitel: Englisch
Deutsche Premiere


31.10.2026 21:00 Cinémathèque in der naTo

​https://cinematheque-leipzig.de/programm/filme/concrete-land/​



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