Dokblog 2026

Gespenstisch nah dran

Der Dokumentarfilm »Strahlen« spürt einem idyllischen Sommer in der Nachwendezeit und einem Trauerfall nach.

  Gespenstisch nah dran | Der Dokumentarfilm »Strahlen« spürt einem idyllischen Sommer in der Nachwendezeit und einem Trauerfall nach.  Foto: dok leipzig

1995, ein Hof nahe Dresden. Eine Freundesgruppe verbringt einen scheinbar harmlosen und friedlichen Sommer in ländlicher Idylle. In den fünf Jahren nach dem Mauerfall haben die Mitte bis Ende Zwanzigjährigen die Welt gesehen und »kehrten [nun] zurück, um zu bleiben, da wo wir herkamen«. Eine kleine Utopie wird gezeigt: Junge Menschen sitzen am Lagerfeuer, liegen im Gras und am Strand, führen Gespräche, die Zeit scheint keine Rolle zu spielen. Der Fokus der Erzählung und der Bilder liegt ganz auf der bildenden Künstlerin Käthe Ebner. Die Protagonistin pflückt Sonnenblumen auf dem Feld, bearbeitet einen Felsblock mit Hammer und Meißel, kuratiert eine Ausstellung in der Scheune des Hauses und schmiegt sich an ihren Freund Matthias Richter. Einige Tonaufnahmen von ihr sind zu hören. Die Kamera ist dabei einige Male gespenstisch nah dran an Ebner, an ihrem Dekolleté, ihren verknautschten Gesichtszügen und ihrem Lachen. Später sieht man Ebner, wie sie grüßend hinter den sich schließenden Zugtüren verschwindet. Es ist das letzte festgehaltene Lebenszeichen von ihr.
Ihre Schwester, die Künstlerin und Filmemacherin Juliane Ebner, hat die Archivaufnahmen aus dem Sommer zusammengetragen und ergänzt sie mit einer poetischen Nacherzählung des Sommers, vermischt mit Zitaten aus der Bibel und literarischen Werken. Die Archivaufnahmen werden mit eigenen Animationen der von Juliane Ebner verschränkt, die auf Folie gezeichnet und übereinandergelegt werden. Der Film behandelt auf berührende Weise den Umgang mit Umbrüchen und dem Verschwinden. Fragen begleiten den Film: Wie verändert sich die persönliche Erinnerung in den Bildern, wenn man sie im Wissen um die späteren Geschehnisse betrachtet? Kann diese Perspektive auf ein persönliches Schicksal, überhaupt eine genuin ostdeutsche sein? JONAS FRITZSCHE

»Strahlen«
Juliane Ebner
Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm, Fokus Ost
Dokumentarfilm
Deutschland 2026
22 Minuten
Deutsch
Untertitel: Englisch
Weltpremiere


30.10.2026, 16.30 Uhr, Passage Kinos Astoria
Teil der Kompilation »Deutscher Wettbewerb Dokumentarfilm 3«
31.10.2026, 18 Uhr, Passage Kinos Astoria
Teil der Kompilation »Kunststücke«​

​https://www.dok-leipzig.de/film/strahlen/programm​



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