Dokblog 2026

»How the fuck to contain everyone's pain?«

»Fracture« von Keren Kraizer

  »How the fuck to contain everyone's pain?« | »Fracture« von Keren Kraizer  Foto: dok leipzig

Beginnen wir beim Titel von Keren Kraizers Dokumentarfilm: Was ist eine Fraktur? Als Fraktur wird im medizinischen Kontext meist ein Knochenbruch bezeichnet – eine vollständige oder teilweise Unterbrechung der Kontinuität eines Knochens. Typische Symptome sind Schmerzen, Schwellungen, Blutergüsse und eingeschränkte Beweglichkeit. Sichere Zeichen sind Fehlstellungen, ein hörbares oder spürbares Knirschen, abnorme Beweglichkeit oder ein offener Bruch.
In der ersten Einstellung sehen wir einen Stift auf weißem Papier, der langsam und in abgehackten Bewegungen eine zackige Linie zeichnet – ist das eine Fraktur? Bei einem Film, der sich mit der eigenen israelischen Identität der Regisseurin auseinandersetzt, sehen wir in dieser Linie vielleicht eine Grenze – ja, und ist bzw. kann eine Grenze eine Fraktur sein?

Doch halt, Kraizers Film beginnt nicht in Israel, und er beginnt auch nicht mit ihr als Filmemacherin. Kraizer hat in Belgien Tanz studiert, fern der Enge Israels. Dort sei sie ohne Wurzeln. »Movements eased my pain«, sagt sie mit ruhiger Stimme ganz nah am Mikrofon, während wir die belgische Stadt im Schnee sehen. Nun könnte der Film – und aus den Gesprächen mit Kraizer hört man heraus, dass er so angelegt war – zu einer klassischen, bourgeoisen Expat-Mid-20s-Nabelschau werden, in der wir eine Vertreterin der Gen Z auf der Suche nach sich selbst begleiten. Und durchaus beginnt der Film so: Sie reist zurück nach Israel, wir hören Allegorien aufs Jüdischsein. Die im Land geborenen Juden nannte man Tsabarim, nach dem lokalen Kaktus. Die »neuen Juden« hatten widerstandsfähig zu sein, außen dornig, innen weich, hören wir Kraizer im Voice-over nacherzählen, während wir ihre Mutter Hunderte Kakteen im Gewächshaus wässern sehen. Viele der Kakteen sind ganz klein, noch in Anzuchttöpfchen.


Springen wir von diesen Szenen in die zweite Hälfte des Films, sehen wir, aus dem Auto gefilmt, Mauern aus Tsabar, und eine Beifahrerin erzählt, der Kaktus sei den Palästinenser_innen sehr wichtig: »This cactus is an important Palestinian symbol. They used to plant it to mark and protect their land … it's local, strong, thorny, not easy to uproot … a sign of dispossession.« Ein Zeichen der Enteignung. Auf Hebräisch heißt der Kaktus Tsabar, auf Arabisch Sabr – und Sabr heißt auch Geduld. Die Pflanze, die übrigens selbst einst aus Mexiko eingewandert ist, ist hier weniger Fraktur als Doppelbelichtung: dasselbe Bild für zwei Geschichten der Verwurzelung. Danach sehen wir, die Kamera ist beinahe senkrecht auf den Boden gerichtet, schwarze, verkohlte Erde. Da sind verbrannte Tsabar. Kraizer ist mit anderen Aktivist_innen im Westjordanland – ihre Anwesenheit, man spricht von Schutzpräsenz, soll die Siedler von größeren Gewaltakten abhalten. Kraizers Großmutter, die nur einmal zu Wort kommt, vergleicht die Pogrome der Siedler an den Palästinenser_innen mit jenen, die ihre eigenen Vorfahren in der Ukraine erlitten haben.
Wenngleich der Film auch weiterhin nicht vom Motiv des Selbstfindungs-Roadmovies loskommt – was durch den Handycam-Vlog-Stil bestärkt wird –, folgt Kraizer, je weiter sich der Film unserer Gegenwart nähert, immer weniger dem Selbstfindungspfad in Richtung Vergangenheit, zugunsten einer Annäherung an die Gegenwart sowie eines Eingenommen-Werdens von der Gegenwart. Ihr Weg führt von Brüssel zur Familie, von dort zu den Massendemonstrationen in Tel Aviv – und weil die Demonstrierenden zwar für die Demokratie, nicht aber gegen die Besatzung auf die Straße gehen, weiter ins Westjordanland.
Wie zeigt sich das ästhetisch? Wo wir zu Beginn noch einen Abstand zwischen ihren Reflexionen im Voice-over und dem Reflektierten haben und die Bilder dieser Geruhsamkeit der Reflexion einen Hintergrund bieten, scheinen in Israel/Palästina die Abstände zwischen Reflexion und Reflektiertem immer kürzer zu werden – wodurch die Reflexionen im Voice-over an Direktheit gewinnen. So sehen wir schnell geschnittene Sequenzen aus der Mitte der Massendemonstrationen 2023, die sich gegen den Abbau demokratischer Freiheitsrechte durch die Netanjahu-Regierung richteten. Wir sehen die gleichen Proteste, wie sie die Fernsehsender zeigen. Die Farben Rot und Blau – Bengalos, Rettungs- und Polizeifahrzeuge, Feuer – beginnen den Film mehr und mehr zu prägen. Der Zoom ins Fernsehbild intensiviert die Farben, und die von den TV-Kameras bereits in Nahaufnahme gezeigten Demonstranten werden nochmals vergrößert: Wie viel Abstand braucht eine Annäherung? Und welche Rolle spielt dabei der Screen? Ja, auf seltsame Weise scheint ein abgefilmter Screen seine Abschirmungsfunktion häufig nicht zu verdoppeln, sondern geradezu abzubauen.


Die Veränderungen, die die Präsenz dieser Bilder und die Begegnungen Kraizers mit sich bringen, lassen im Verlauf des Films ein Motiv, begleitet von einer Frage, immer stärker hervortreten: die Hand, die Handhabe, das »freie Hand haben«. Was bedeutet es noch, eine Hand frei zu haben? Keren Kraizers »Fracture« zeigt Hände, die protestieren, Hände, die einander halten, Hände mit Waffen, Hände, die einem den Kaffee reichen, Hände wie die ihrer Freundin Hannah, die einhändig in ein Chatfenster in aller Klarheit und Schönheit Gedichte schreibt, in denen sie die Gegenwart bezeugt. Wir sehen auch Hände, israelische und palästinensische, die Kakteen pflegen – im ruhigen Gewächshaus ihrer Mutter einerseits und, auf einem Handyvideo, das Kraizer sich ansieht, in den Aschebergen Gazas andererseits. Und wir sehen immer wieder Kerens linke Hand: Als würde sie der Landschaft liebevoll über die Wange streichen, zeigt sie uns die Geografie des Jordantals in der Ferne, dann ein Kameraschwenk auf die eingeschlagene Windschutzscheibe eines Autos neben ihr. Das Auto gehört Ahmed. Er erklärt, Siedler hätten es demoliert. Die Aufnahmen sind schon älter. Im ersten DOK-Q&A erzählt Kraizer, dass Ahmed tags zuvor beinahe in seinem Bett verbrannt sei. Siedler hätten das Stroh angezündet, das neben seinem Zelt für seine Ziegen lagerte. Ein Einzelfall ist das nicht: Die Vereinten Nationen haben 2026 bereits über 2.000 Siedlerangriffe mit Verletzten oder Sachschaden gezählt, so viele wie nie zuvor, im Jordantal sind es im Schnitt mehr als zwanzig im Monat. Für die militanten Siedler – und die übrigen machen sich zu ihren Kollaborateuren – bedeutet »freie Hand zu haben«, den Ziegen zunächst das Weideland zu nehmen und dann mehr als nur ihr Heu anzuzünden.
We are the ones from whom
everything was stolen,
and we remain giving
and even longing
– Hannah
Neben Hannah lernen wir auch Shir kennen, einen Israeli mit iranischem Hintergrund, linken Aktivisten und Kraizers Partner. Nach seinen roten Linien gefragt, antwortet er: »I don't want to live in a place where there's no way to fix harm.«
Im Foreshadowing auf die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 ff. hängen mir hier die politischen Theoretiker_innen und Philosoph_innen Hannah Arendt und Judith Butler im Ohr: Erstere, die zwischen dem Unrecht unterscheidet, das wiedergutgemacht werden kann und das zu allen Kriegen dazugehört, und jenem, das so außerordentlich ist, dass diese Möglichkeit versperrt bleibt, und von dem sie sagte, dass es nicht hätte passieren dürfen. Durchaus u. a. an Arendt, aber auch an den Philosophen Emmanuel Lévinas anschließend, hat Butler in den 2000er-Jahren den Begriff der Betrauerbarkeit entwickelt (ganz unabhängig von Butlers politischen Einlassungen der letzten Jahre, um die es hier nicht gehen soll): Betrauerbarkeit als zentrale Bedingung dafür, dass so etwas nicht passiert. Erst dort, wo man anderen abspricht, dass ihr Leid und Sterben betrauert werden kann und betrauert wird, ist dem massenhaften Morden nicht mehr Einhalt zu gebieten.
Wieder ändert sich das Rot im Film: vom anfänglichen Abendrot über das Rot der Bengalos der Demonstrierenden und das Rot der Feuer und der Fahrzeuge zum warmen Rot unter der Bettdecke, unter die sich Kraizer zurückgezogen hat. Der Camcorder berührt beinahe den Handybildschirm, auf dem wir Aufnahmen aus Gaza sehen. Was wir nicht sehen, sind die Aufnahmen, die Kraizer mehrfach beschreibt und die sie gesehen hat: Videos, in denen die Hamas ihre grausamen Verbrechen selbst gefilmt hat. Deren Grausamkeit – die Grausamkeit ihres Inhalts wie die Grausamkeit ihrer Herstellung durch die Täter – reproduziert sie nicht. Wer weiß, dass schon Kraizers erste Arbeit, »no image«, nach der Macht der Kamera fragte, ahnt, dass dieses Nicht-Zeigen eine Entscheidung ist: eine Entscheidung ihrer Hand.
Hier nun, im letzten Viertel des Films, ist keine Zeit mehr. Keine Zeit mehr zwischen Reflexion und Reflektiertem. Das Gegenteil: Die Gegenwart überflutet jedes Dazwischen. Oder mit dem im März verstorbenen Alexander Kluge, dessen Essayfilm von 1985 über die beschleunigte Zeit so heißt: Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit. Oder mit Kraizer selbst: »How the fuck to contain everyone's pain?« Wenn Kraizer später in einem langen Monolog nach Worten sucht, ist das nicht schonungslos, wie es in der Festivalbeschreibung heißt, sondern einfach ehrlich – wie der ganze Film weniger schonungslos als sensibel ist.
Und hier bricht der Film ab – die Fraktur, die der Titel verspricht, wird zur Form. Was bedeutet es, nicht ausreichend Hände frei zu haben, um die Wunden der anderen zu umsorgen, sie festzuhalten, sie zu bezeugen? Und was passiert, wenn die Sprache, in der man dieses Leid umsorgt, festhält und bezeugt, selbst tollwütig zu werden scheint?
Kraizers Film, Shirs politische Arbeit, Hannahs Gedichte: Sie tragen das Ihre dazu bei, die Taktilität der Sprache, der Hände und der Bilder vor ihrer Verrohung zu bewahren. Damit reiht sich »Fracture« ein in eine Reihe israelisch-palästinensischer Filme der letzten Jahre, die sich kritisch und doch mit höchster Sensibilität der Gewalt in Israel/Palästina annähern – ein Film, den man allen empfehlen möchte. Wo der Krieg sich dem Tod verschrieben hat, vermag sich die Kunst dem Leben und der Achtung des Lebens zu verschreiben. So jedenfalls könnte man Hannahs Verse lesen: »We did not create war / but we created poems from its ruins«. JOEL SOUZA CARBRERA


»Fracture«
Keren Kraizer
Positions
Dokumentarfilm
Belgien 2026
83 Minuten
Hebräisch, Englisch
Untertitel: Englisch, deutsche Untertitel
Deutsche Premiere

​https://www.dok-leipzig.de/film/fracture/programm​


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