Dokblog 2026

Was bleibt nach dem Verschwinden?

Ein Einblick in DOK-Neuland - eine mixed Media Ausstellung

  Was bleibt nach dem Verschwinden? | Ein Einblick in DOK-Neuland - eine mixed Media Ausstellung  Foto: dok leipzig

Dass es beim DOK-Festival um Dokumentar- und Animationsfilme geht, weiß wohl jede Person, die im Oktober in Leipzig war und auf einem der markanten roten Plakate gesehen hat und sich die Zeit genommen hat, auch den Text zu lesen. Wovon man auf den Plakaten nichts liest, sind die Projekte, die auf dem DOK vorgestellt werden, und die das Medium Film verlassen. Unter dem Banner DOK‑Neuland werden jährlich Arbeiten vorgestellt, die in den Bereich der »Mixed Reality« fallen. Der Begriff klingt nicht zufällig ähnlich zu Virtual Reality, bei der man Medien durch ein zugehöriges Virtual-Reality-Headset in 360 Grad erleben kann, denn diese Geräte kommen bei den meisten der Werke, die man bei DOK-Neuland erleben kann, zum Einsatz. Mixed Reality stellt hier eine Verbindung zwischen der physischen und der digitalen Welt dar. Im Gegensatz zur virtuellen Realität findet keine Abschottung von der Realität statt, sondern die digitalen Elemente interagieren mit der Realität. Wie genau das umgesetzt wird, ist sehr unterschiedlich. Generell gleicht kein Projekt der Ausstellung, welche im Kellergewölbe des Kohlrabizirkus zu finden ist, dem anderen. Verbunden sind sie trotzdem, durch das diesjährige Thema der Ausstellung »Landslide«. Dana Melaver, die Kuratorin der DOK‑Neuland-Ausstellung, erklärt das Thema folgendermaßen: »Landslide beschäftigt sich mit Strömungen, sowohl natürlichen als auch menschengemachten, und basiert auf Werken, die sich mit langsamen Veränderungen ebenso wie abrupten Umbrüchen auseinandersetzen.« Vor allem Vertreibung und der Zusammenbruch eines vorher angenommenen Status quo ziehen sich thematisch durch die Ausstellung. Es folgt ein Überblick über die einzelnen Werke.


»Becoming River« von Adrian Schwartz, Daniel Fetzner und Ephraim Wegner 
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»Becoming River« ist eigentlich eine Ausstellung in der Ausstellung. Es handelt sich um ein transmediales dokumentarisch-künstlerisches Forschungsprojekt des Labors für Medienökologie der Hochschule Offenburg, bei dem Veränderungen im Flusslauf der Murg im Nordschwarzwald über mehrere Jahre untersucht und aufgearbeitet wurden. In der Ausstellung finden sich Videoinstallationen und Projektionsflächen, auf denen eine Auswahl von Dokumentarfilmen, Spielfilmen und Performances gezeigt werden. Außerdem ist die Klanginstallation »Schwemmland« zu hören, die auf Live-Daten einer Sonde in der Murg basiert. Verteilt auf mehrere Räume zieht sich »Becoming River« durch die Ausstellung wie ein Fluss durch die Landschaft.


»We Shall Return« von Keren Manor und Faiz Abu Rmeleh 

Der VR-Film »We Shall Return« wurde in der DOK-Woche noch aktueller, als er es eh schon ist. Während Israel das Westjordanland militärisch abgeriegelt und die Ein- und Ausreise von Palästinern unmöglich macht, zeigt dieser Film Szenen, wie palästinensische Hirtenfamilien vertrieben werden und ihre Behausungen zerstört werden. Bestehend aus 360‑Grad-Aufnahmen und privaten Aufnahmen von Einheimischen vor Ort entsteht eine bedrückende Erfahrung, die hautnah  Momente der Gewalt, aber auch der Widerstandsfähigkeit der Menschen vor Ort auffängt. Kuratorin Dana Melaver erklärt auf der DOK-Website, dass »sich »We Shall Return« zudem kritisch mit der Zuschauer*innen-Perspektive auseinandersetzt. Das Publikum ist eingeladen, das Thema hautnah zu erleben. Gleichzeitig werden bewusste Entscheidungen darüber getroffen, was in der immersiven Darstellung gezeigt wird und was nicht«. Diese Erfahrung geht unter die Haut und bietet einen unglaublich intimen und teils auch bedrückenden dokumentarischen Einblick, dem man sich trotzdem schwer entziehen kann und der grade deshalb auch erlebt werden sollte. Ergänzt wird der VR-Film sowohl durch eine kleine Fotoausstellung, als auch durch Gespräche mit Freiwilligen aus dem DOK‑Team.

»Living in Water« von Ana P. Santos 


Mit der VR-Brille werden Besuchende in die Häuser und Straßen der philippinischen Küstensiedlung Ilsa Tibaguin transportiert. Hier sind die Menschen schon jetzt direkt vom Klimawandel betroffen. Fast täglich steigt das Wasser und es dauert Stunden, bis der Wasserstand wieder sinkt. Der VR-Film gibt intime Einblicke in die Lebensrealität der Menschen, die versuchen, ihren Alltag trotz des Wassers zu überstehen, und außerdem wird über durch Korruption veruntreute Gelder gesprochen, die eigentlich für die Krisenbekämpfung gedacht waren. Das hautnahe Erleben in VR gibt der Klimakatastrophe ein explizites Bild und untermauert die Dringlichkeit, zu handeln.

»The Room of a Thousand Voices« von  Pavel Méndez 


Mit einer VR-Brille geht es in einen abgedunkelten Raum. In der Brille erscheint ein kleines Apartmentzimmer, mitten auf Kuba der 1980er Jahre, das man in seinem eigenen Tempo erkunden soll. Bilder von Familien hängen an der Wand, ein Bett steht im Raum, in der Ecke steht ein vollgestellter Schreibtisch mit einem Radio, aus dem spanische Stimmen erklingen. Das Besondere ist, dass im Raum tatsächlich Möbel stehen, die angefasst werden können: Man kann sich ins Bett legen, an den Schreibtisch setzen, das Geschirr in die Hand nehmen. Nach und nach beginnt sich der Raum zu verändern. Nicht nur die Tageszeit im Raum schreitet voran, sondern auch die Jahrzehnte auf Kuba. Möbel und Gegenstände anderer Menschen erscheinen im Raum. Intime Einblicke fremder Menschen und die Besuchenden mittendrin. »The Room of a Thousand Voices« fühlt sich an, als würde man den voyeuristischen Blick durchs Fenster hinter sich lassen und gänzlich von den intimen Erlebnissen fremder Menschen umgeben sein, die man nie treffen wird. Wann man den Raum verlässt, ist einem selbst überlassen, doch egal wann es so weit ist, diese einzigartige Erfahrung wird wohl allen Besuchenden auf ihre eigene Art im Kopf bleiben. 

»Permanence of Decay« von Pranav Chaparala


Irgendwann wird alles verschwinden, auch wenn wir hart dagegen ankämpfen. Um unsere Medien unsterblich zu machen, digitalisieren wir sie. Doch sind sie so sicher vor dem Verfall? Und ist Verfall wirklich so schlimm? Die Installation »Permanence of Decay« möchte hierbei zum Nachdenken anregen. Besuchende können vor Ort ihre privaten Fotos über einen QR-Code einschicken und zusehen, wie der Zerfall der digitalen Bilder stetig voranschreitet. Ein erschreckendes Omen für die Zukunft? Oder doch ein visuelles Spektakel? Das müssen sie wohl für sich selbst herausfinden. 


»The World Came Flooding In« von Isobel Knowles und Van Sowerwine


Mit der VR-Brille geht es in die Erinnerungen von Menschen, deren Leben durch Überschwemmungen im Osten Australiens im Jahr 2022 auf den Kopf gestellt wurde. Frei kann man sich durch die Nachbildungen dreier Wohnungen bewegen. Die Zimmer und Möbel bestehen dabei aus 3D-Scans von kleinen gebastelten Objekten, welche die Betroffenen der Flut in einem Workshop zur Aufarbeitung des Erlebnisses anfertigen konnten. Zunächst beginnt es nur zu regnen, doch der Regen hört nicht auf und man spürt den Kipppunkt, an dem aus Alltag ein Ausnahmezustand wurde. All das gipfelt in einem klaustrophobischen Moment, bei dem in der virtuellen Wohnung das Wasser immer weiter steigt und steigt und alle vorher getroffenen Maßnahmen versagen. Ergänzt wird die Erfahrung in der virtuellen Welt durch eine Ausstellung der originalen gebastelten Objekte. So wird aus »The World Came Flooding In« ein beispielhaftes Archiv dafür, wie die katastrophalen Gefahren der Klimakrise jetzt schon das Leben einzelner Menschen auf ewig verändert haben.


Neben all diesen Exponaten im Kohlrabizirkus wird DOK-Neuland durch die VR-Installation »Nothing to see here«, die von 11 bis 18 Uhr im Hauptbahnhof zu sehen ist, sowie durch die Performance »What if Hildegard von Bingen Was a Wellness Influencer«, bei der eine AI am Sonntag von 19 bis 22 Uhr in der Heilandskirche Westkreuz auf zwei Kirchenorgeln musiziert, ergänzt. »DOK Neuland Landslide« ist ein Teil des Festivals, den sie zwischen ihren Kinobesuchen nicht verpassen sollten! COLIN SCHRÖDER


»DOK Neuland Landslide« 

Dienstag bis Sonntag von 11:00 bis 18:00 Uhr, Kohlrabizirkus, An den Tierkliniken 38, 04103 Leipzig

Eintritt frei


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