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Umgewälzte Leben

»Xiangzidian Village: The Stage« von Hu Sanshou

  Umgewälzte Leben | »Xiangzidian Village: The Stage« von Hu Sanshou  Foto: dok leipzig

Bagger fahren nach vorne, nehmen Gestein auf, kippen ab; im Schnee wie unter gedämpftem Himmelblau. Lange Totale verlangen dem Publikum Geduld ab. Eine Geduld, die auch die vierjährigen Bauarbeiten den Bewohner*innen in Xiangzidian abzufordern scheinen. Für eine Autobahn durch ihr Dorf in der nordwestlichen chinesischen Provinz Shaanxi wird Gestein zu einer Plattform aufgeschüttet und verdichtet. Damit geht die Zerstörung von Häusern und Gräbern einher. Fragen um Landbesitz und Entschädigungen häufen sich, darunter bröckeln Familienbindungen.
Der Regisseur Hu Sanshou, der selbst im Dorf geboren und aufgewachsen ist und wegen der Coronapandemie dort festsitzt, begleitet den Prozess mit ruhiger Kamera und Stimme. »Xiangzidian Village: The Stage« richtet das Scheinwerferlicht auf Einzelschicksale hinter großen Infrastrukturprojekten. Ein kleines unbekanntes Bergdorf wird auf einmal zur Bühne. 
Doch es bleibt eine Bühne auf Distanz. Eine dramatische Erzählung bleibt aus. Stattdessen wirken die Einblicke in das Dorfleben fetzenhaft: zwei Männer, die vor einer Baustelle darüber diskutieren, wie wenig Entschädigung Nachbarn für Grundstücke bekommen haben, und ob das Leben nach der Pandemie wohl besser werden würde. Ein alter Herr, der sich sein Leben lang dem Aufbau seines Gartens gewidmet hatte und dessen Heim nun abgerissen wurde. Auch Geschichten seiner eigenen Familienmitglieder flechtet Hu mit ein: seine Großeltern, die sich über Landverkaufsfragen mit seinem Onkel und seiner Tante zerstritten. Seine Mutter, die als junge Frau versucht hatte, dem Dorf zu entkommen. Die nach einem schlecht bezahlten Gastrojob außerhalb zurückkehrte und jung heiratete. Sein Vater, der für verschiedene Arbeiten weit reiste, und dem die Mutter immer packungsweise Medikamente gegen seinen Bluthochdruck einpackte. Und schließlich er selbst, der als erster in der Familie studieren ging, und ihr gleichzeitig am fernsten wurde. 
Insgesamt ergibt sich ein mosaikartiges Porträt einer Dorfgemeinschaft, die ökonomisch ums Durchkommen bangt. Zwischendurch verliest Hu den Entwicklungsplan 2014 für das Dorf. Dieser sah ökonomisches Wachstum für das Dorf vor, etwa durch die Bereitstellung seiner Landschaften für den Tourismus und den Bau eines Industrieparks. Enttäuscht habe ein Bekannter diesen Plan kommentiert mit: »Alles für nichts«, erinnert sich Hu. Der versprochene Wohlstand für das Dorf und die Realisation des »Chinesischen Traumes« sind ausgeblieben.
Die Dokumentation trägt vor allem Hus Kommentare aus dem Off, die durch ihren verträumten Ton viel Raum zum Abschweifen lassen. Auch die Szenerien – rauchende Schornsteine, im Wind trocknende Kleidung, Landschaften aus aufgehäuftem Gestein vor satt bewachsenen Bergen, ein von Baustaub gräulich eingefärbter Himmel und gegen Ende die weiße, ausgedehnte Plattform aus Kies – laden auf irritierende Weise zum Träumen ein. Doch ihre unaufgeregte Schönheit geht mit einer tiefen Trauer einher, die sich durch den Film zieht, über mögliche Leben, die unter den verdichteten Gesteinsschichten begraben liegen. YI LING PAN


»Xiangzidian Village: The Stage« 
Hu Sanshou 
Dokumentarfilm
China 2026
150 Minuten
Chinesisch
Untertitel:   Englisch

​https://www.dok-leipzig.de/film/xiangzidian-village-stage/programm​


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