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Mehr als nur Worte

»Hope Is a Word« von Maria Galliani Dyrvik

  Mehr als nur Worte | »Hope Is a Word« von Maria Galliani Dyrvik  Foto: Maria Galliani Dyrvik


Dunkle Rauchschwaden am Horizont. Schwarze Kiemen eines toten Fisches. Und schwarzes Öl, das aus dem Boden sickert. Dazwischen Szenen einer Gruppe von jungen Männern vor Palmen. Einer von ihnen trägt ein Gedicht vor: Nnimmo Bassey. Die wiederkehrende Zeile »We thought it was oil, but it was blood« wird von der ganzen Gruppe im Chor beantwortet. Sie ist eine der Zeilen, die sich wie ein roter Faden durch den sonst eher anekdotisch aufgebauten Dokumentarfilm »Hope is A Word« ziehen. Maria Galliani Dyrviks Debüt porträtiert den in der Anfangsszene noch jungen und heute bald 70-jährigen Schriftsteller und Aktivisten, der sich sein Leben lang gegen die seit den 1950ern betriebene Ölförderung im Nigerdelta und ihre verheerenden Folgen gewehrt hat. Und offenbar nicht damit aufhören will.
Die Kamera begleitet einen Rastlosen vom Feilen an Wörtern im Wohnzimmer bis zu Klimaprotesten in Europa, wo er sie laut verliest. Auf Dialogveranstaltungen fragt er fragt er die Menschen in den Gemeinden des Nigerdeltas nach ihrer Meinung, um sie Entscheidungsträgern vorzulegen, und stößt auf Frust über ausbleibendes politisches Handeln. In K-Dere, einem Gebiet der ethnischen Minderheit der Ogoni, hebelt er mit seinem Begleiter Eraks Erde auf. »Wenn ich daran rieche, werde ich high?«, fragt Nnimmo sarkastisch, »Das ist doch keine Erde, das ist Benzin!« Hier habe Shell mitten durch ein Wohngebiet eine Ölpipeline gebaut, die später in Flammen aufgegangen sei, erzählt Eraks. Vor dem Brand sei hier Wald gewesen, die Bewohner:innen hätten Palmwein gewonnen und gefischt. All das gehe jetzt nicht mehr. Als Eraks von seinem Vater und seinem Bruder erzählt, die beide an Asthma starben, atmet er tief aus. Seine Frau verstarb an Krebs, fährt er fort. Durch das Studium der Umweltwissenschaften habe er gelernt, dass es riskant ist, nah an Ölkonzernen zu wohnen. Nnimmo kommentiert: »We thought it was oil, but it was blood«.
Das Herzstück des Filmes bildet seine Hauptwaffe: das Schreiben. Vor allem jenes in Gemeinschaft. Junge Männer und Frauen, die mit ihm im Kreis sitzen, lächeln bei seinen eröffnenden Worten eines Poesieworkshops: alle sollen ihre Meinungen und Gefühle frei äußern, und er wolle alle lesen hören. Ausschnitte aus den Gedichten, die sich als Text mitlesen lassen, ziehen das Publikum unmittelbar in die Erfahrungen von Gewalt. So liest die junge Barinedum Mbee »Mastermind«: »What is mouth / without the ability to feed?« und »Of what use is food / if we cannot eat? Good food I no longer know / as my stomach has been forced / to stay drunk on garbage.« 
Nach dem Lesen diskutieren die Teilnehmenden weniger die Auswahl der Worte als vielmehr die Möglichkeiten, sie zur Realität zu machen. Dieses Porträt von Poesie als Widerstand statt Selbstzweck ringt aber auch immer wieder mit sich selbst: Reichen Worte aus, um eine unlebbare Realität zu ändern? Schon seit Jahren demonstrieren sie friedlich, aber ohne Ergebnisse, stellen zwei junge Dichterinnen in einer Diskussion fest. Die Frage nach Gewalt im Protest verkörpert im Film auch die Widerstandsfigur Ken Saro-Wiwa als große Inspiration für die Dichter:innen. Er führte in den 1990ern die Ogoni-Bewegung an und rief dabei stets zu friedlichem Protest auf, wurde aber dafür von der nigerianischen Militärregierung hingerichtet. Die Protestbewegung verlor an Kraft.
Auch Barinedum sieht in der Poesie Grenzen. Sie könne zwar Empathie auslösen, aber niemals den Schmerz fühlen lassen, den sie fühlt, sagt sie, und holt damit auch die Zuschauenden in ihre Reflexion. Aber sie würde nicht sagen, dass Poesie gar nichts bewirkt. Poesie könne sie wieder klar denken lassen.
Es ist die Kraft von Poesie selbst, die den lose erzählten Film maßgeblich trägt. Dazu gehört neben der Lyrik auch der Rap. Nnimmos Sohn Ukpono sagt, er sei nicht so begabt im Schreiben wie sein Vater, aber mit Musik könne er etwas zum Widerstand beitragen. Zum Film-Soundtrack trägt er kraftvolle Beats und Remixes von Ken Saro-Wiwas Gedichtzeilen bei, die vielen Szenen etwas Widerständiges einhauchen. Am Ende sieht man, wie Ukpono seinerseits einen Rapworkshop gibt, in dem alle den Refrain mitsingen: »We rise, we fight, unbreakable«. Einige Gesichter erkennt man aus den Schreibworkshops wieder. YI LING PAN


»Hope Is a Word« 
Maria Galliani Dyrvik 
Dokumentarfilm
Norwegen, Nigeria, Italien 2026
82 Minuten
Englisch
Untertitel: Englisch
​https://www.dok-leipzig.de/film/hope-word/programm​


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