Christian Kunert: Ringelbeats. 335 S.
Nicht jeder Musiker kann auch schreiben, Christian Kunert aber hat es drauf. Bekannt ist er einem größeren Publikum als Teil der Renft-Combo. »Ringelbeats« hat überhaupt nichts mit Renft zu tun, und der Roman ist richtig gut. Die Geschichte um Protagonist Jacobus Kubisch erhält eine Wendung nach der nächsten. Der solcherart ausgelieferte Leser gibt sich fast schon hilflos der Lust an der Story hin. Geschickt werden die verschiedenen Ebenen, die unweigerlich bei all den Drehungen entstehen, ineinander verwoben. Die Übergänge sind ohne jedes krampfhafte Bemühen gestaltet, wirken wie natürlich gewachsen. Stets im rechten Moment wird noch mal kurz – und zwar sprachlich wie erzählerisch geschickt – daran erinnert, dass von diesem Ereignis, von jener Stadt oder von dieser Person bereits die Rede war. Der Erzähler begibt sich immer wieder effektvoll in den Diskursraum des Lesers, ohne rumzukumpeln. Neben der Lust an der Geschichte (und ihrer Auflösung) wird der Roman noch von einer zweiten getrieben, nämlich der an der Sprache. Die hat Beat, ohne schnoddrig zu sein, ist lakonisch und poetisch zugleich und hält hinter mancher Ecke einen Witz versteckt. So sollen die Kinder in der Nachkriegszeit nicht in den Ruinen spielen, die seien gefährlich, weil kaputt. Da sagen die Kinder: »Kaputt? Wir spielen doch nicht in ’ner kaputten Ruine!« Längst ist der sich erinnernde Jacobus Kubisch kein Kind mehr, sondern Kabarettist im Ruhestand. In der Lebenszeit, die dazwischen verstrichen ist, saß er einige Zeit lang im Stasi-Knast, obwohl ihn die Staatsmacht eigentlich weitgehend gewähren ließ, weil er protegiert war – was er allerdings erst viel später erfährt, als er seine Zeit bereits damit totschlägt, biertrinkend auf der Terrasse zu sitzen. Da tauchen eine »Magnetbandabschrift eines provokatorischen negativen Auftritts« des »OV Witzbold« und amtliche Protokolle auf. Kunert springt zwischen diesen verschiedenen Textsorten hin und her, als hätte er nie etwas anderes gemacht, als Kabarett-Humor zielsicher zu imitieren oder Sachen wie das »Zuführungsprotokoll des Bürgers Kubisch, Jacobus« in die Maschine zu tippen. Nebenbei denkt er sich noch ein abgedrehtes Abenteuer samt Schatz aus, gießt es in Romanform, garniert es hier und da mit ein bisschen Sächsisch und mit einem Geheimdienst im Hintergrund, der irgendwie auch im wiedervereinigten Deutschland noch die Fäden zu bewegen imstande ist: und das alles zum großen Vergnügen der Leser.