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Lorenz Just: Der böse Mensch

Lorenz Just: Der böse Mensch

Berauschende Vielfalt der Stimmen

Lorenz Just: Der böse Mensch. 173 S.

In seinem Debüt-Erzählungsband versammelt Lorenz Just 16 Geschichten, überspannt vom Begriff des Bösen, einmal lose, einmal eng verwobene Szenen, Episoden, die bisweilen einander aufgreifen, später fallen lassen, Biografien, die sich überschneiden oder mögliche Überschneidungen sichtbar machen. Die Figuren sind Grenzgänger, immer in Bewegung, auch wenn sie in Badewannen liegen oder in Bibliotheken sitzen. Motive der Stille und Alltäglichkeit werden bei Just zu Drohgebärden, um die herum er mit detaillierter, dichter, aber schnörkelloser Sprache seine Geschichten erzählt. Es gibt unscheinbare Nachbarn, die offenbaren, was sie im Krieg verbrochen haben. Es werden Kampfschauplätze und Szenen im Park geschildert, eine Familienchronik ausgebreitet, die mit dem Tod der Eltern ein jähes Ende findet, Überlegungen eines Vagabunden und eines Künstlers wiedergegeben. Ein Vater wendet sich an sein ungeborenes Kind, eine ausgewanderte Deutsche erzählt von ihrem Leben im Lakota-Reservat, zwei Brüder entsorgen nachts im Wald ihre Vergangenheit. Es werden Briefe geschrieben, Tagebucheinträge verfasst, Interviews geführt und Reisen beschrieben, ohne vor Abgründen und Surrealem zurückzuschrecken. Diese berauschende Vielfalt der Stimmen erzeugt ein überwältigendes Panorama einfühlsamer und authentischer Begebenheiten. Am Ende scheint es, all die Schrecken, die Just beschreibt, seien nicht Teil eines Bösen, sondern einfach Teil des Lebens. Das Prinzip Mensch wird grausam und schonungslos präsentiert wie eine frische Verletzung. In Justs Geschichten sind die Menschen längst tödlich verwundet, »doch das Leben dauert und dauert und findet kein Ende«. Linn Penelope Micklitz


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