F/E/P 2024, R: Alain Guiraudie, D: Félix Kysyl, Catherine Frot, Jean-Baptiste Durand, 103 min
Die ersten fünf Minuten sieht man durch die Windschutzscheibe. Das Auto folgt einer kurvigen Bergstraße im Südosten Frankreichs. Vor einer Bäckerei kommt es abrupt zum Stehen. Die Tür öffnet sich und heraus steigt Jérémie. Zehn Jahre war er nicht mehr im Dorf. Nun ist er nach Saint Martial zurückgekehrt, um der Beerdigung des Bäckers beizuwohnen, für den er als Jugendlicher gearbeitet hat. Im Haus von dessen Frau macht er es sich schnell bequem. Blättert nachts durch die Familienalben. Tagsüber streift er durch den umliegenden Wald. Das Rauschen der Bäume im Wind bildet den Soundtrack, für das, was folgt. Zunächst einladend, wird er bald zu einem Ort des Zwielichts. Als eine Kriminalkomödie wird »Misericordia« vermarktet. Das ergibt aber höchstens Sinn, wenn man damit das Lachen angesichts des Abgründigen meint. Ein Lachen irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Selbstschutz. Eher gleicht der Film von Regisseur Alain Guiraudie einem Trip in die menschliche Psyche. Nah am Traum inszeniert er Gewalt und menschliches Begehren. In schlichten Dialogen werfen sich die Figuren Extremes an den Kopf. Passend dazu spielt Hauptdarsteller Félix Kysyl seine Figur als moderne Tom-Ripley-Version. Im einen Moment freundlich, lässt er einem im nächsten das Blut in den Adern gefrieren. Das alles ist wunderbar stilsicher umgesetzt und bei aller Ruhe voller überraschender Wendungen. Deren größte allerdings hebt sich Guiraudie bis ganz zum Schluss auf.