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Rezensionen

Schatten der Nacht

Schatten der Nacht

D/TRK 2024, R: Türker Süer, D: Ahmet Rıfat Sungar, Berk Hakman, Eda Akalın, 85 min

Sinan ist Offizier in der türkischen Armee und bekommt einen Routineauftrag: Er soll einen anderen Offizier, der wegen eines körperlichen Angriffs auf einen Vorgesetzten angeklagt wird, in ein Militärgefängnis überführen. Der andere Offizier ist allerdings sein Bruder Kenan, mit dem er seit dem Tod ihres Vaters nicht mehr gesprochen hat. Zu allem Überfluss kommt es in der Nacht noch zu einem Militärputsch gegen die türkische Regierung. Der politische Hintergrund spielt aber nur eine Nebenrolle, vielmehr werden in dem Film moralische Fragen verhandelt: Wem gilt die Loyalität eines Soldaten mehr: seiner Familie, seiner Truppe oder seinem Heimatland? Die erste Hälfte des Films ist dabei fast ein Roadmovie und erinnert mit dem dunklen Setting und den oft rot ausgeleuchteten Gesichtern optisch an »Only God Forgives« von Niclas Winding Refn und sogar Hauptdarsteller Ahmet Rıfat Şungar strahlt eine Ryan-Gosling-mäßige Coolness aus. Leider fällt die zweite Hälfte deutlich ab, etwas mehr Laufzeit als die nur 85 Minuten hätten nicht geschadet, um die Figurenkonstellation weiter zu erkunden. So erzählt die Story kaum Neues, ist bis zu ihrer Auflösung aber einigermaßen spannend und unterhaltsam inszeniert. Die Moralfrage, die anfangs im Zentrum steht, wird dann leider ohne Überraschungen beantwortet und so verpasst der Film die Chance, nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben. Alexander Böhle

Misericordia

Misericordia

F/E/P 2024, R: Alain Guiraudie, D: Félix Kysyl, Catherine Frot, Jean-Baptiste Durand, 103 min

Die ersten fünf Minuten sieht man durch die Windschutzscheibe. Das Auto folgt einer kurvigen Bergstraße im Südosten Frankreichs. Vor einer Bäckerei kommt es abrupt zum Stehen. Die Tür öffnet sich und heraus steigt Jérémie. Zehn Jahre war er nicht mehr im Dorf. Nun ist er nach Saint Martial zurückgekehrt, um der Beerdigung des Bäckers beizuwohnen, für den er als Jugendlicher gearbeitet hat. Im Haus von dessen Frau macht er es sich schnell bequem. Blättert nachts durch die Familienalben. Tagsüber streift er durch den umliegenden Wald. Das Rauschen der Bäume im Wind bildet den Soundtrack, für das, was folgt. Zunächst einladend, wird er bald zu einem Ort des Zwielichts. Als eine Kriminalkomödie wird »Misericordia« vermarktet. Das ergibt aber höchstens Sinn, wenn man damit das Lachen angesichts des Abgründigen meint. Ein Lachen irgendwo zwischen Fassungslosigkeit und Selbstschutz. Eher gleicht der Film von Regisseur Alain Guiraudie einem Trip in die menschliche Psyche. Nah am Traum inszeniert er Gewalt und menschliches Begehren. In schlichten Dialogen werfen sich die Figuren Extremes an den Kopf. Passend dazu spielt Hauptdarsteller Félix Kysyl seine Figur als moderne Tom-Ripley-Version. Im einen Moment freundlich, lässt er einem im nächsten das Blut in den Adern gefrieren. Das alles ist wunderbar stilsicher umgesetzt und bei aller Ruhe voller überraschender Wendungen. Deren größte allerdings hebt sich Guiraudie bis ganz zum Schluss auf. Josef Braun

Oslo Stories: Liebe

Oslo Stories: Liebe

N/S 2024, R: Dag Johan Haugerud, D: Andrea Braein Hovig, Tayo Cittadella Jacobsen, Marte Engebrigtsen, 119 min

Marianne ist schon lange Single und soll nun von ihrer besten Freundin mit Ole Harald verkuppelt werden. Der ist allerdings zweifacher Familienvater, und seine geschiedene Frau wohnt nur einen Katzensprung entfernt, damit es für die Kinder einfacher ist. Mariannes Kollege Tor ist schwul und bändelt gerne auf einer Fähre mit Hilfe einer Dating-App mit Gleichgesinnten an – für schnellen, unverbindlichen Sex. Aber als er auf diese Weise die Bekanntschaft mit Bjørn macht, ist alles anders als sonst, denn die beiden reden nur miteinander. Und Tor kann den deutlich älteren Bjørn danach einfach nicht vergessen. Mit »Liebe«, »Sehnsucht« (OT: »Sex«) und »Träume« hat Dag Johan Haugerud eine Trilogie realisiert, die in Berlin und Venedig ihre Weltpremieren feierte und jetzt vom Verleih als »Oslo-Stories« in die deutschen Kinos gebracht wird. Inhaltlich sind die Filme unabhängig voneinander, lediglich der Handlungsort Oslo und die thematische Klammer um zwischenmenschliche Beziehungen hält sie zusammen. In »Liebe« geht es nicht etwa um langjährige Zweisamkeit, sondern um den Neuanfang einer hetero- und einer homosexuellen Bindung. Haugerud wollte dabei keine umfassende oder allgemeingültige Gefühls- oder Beziehungsanalyse abliefern, sondern erzählt zwei ganz individuelle Geschichten über die Wege der Liebe, was ihm kurzweilig und unterhaltsam gelungen ist. Frank Brenner

Julie bleibt still

Julie bleibt still

B/SWE 2024, R: Leonardo Van Dijl, D: Tessa Van den Broeck, Ruth Becquart, Koen De Bouw, 97 min

Sich als Mädchen durch die Pubertät zu navigieren, ist nicht leicht. All die neuen Eindrücke und Erlebnisse, die zum Erwachsenwerden dazugehören, können einen ganz schön verwirren. Vor allem, weil es noch keine Erfahrungswerte gibt, um Erlebtes einzuordnen. Für Julie gibt es in diesem Chaos zwei feste Anker: Die Schule und das Tennisspielen. Hier wie da ist sie überdurchschnittlich gut. Doch als sich eine junge Spielerin aus dem Tennisverein das Leben nimmt, gerät Julies Konzentration ins Wanken. Denn plötzlich steht der Trainer des Mädchens im Mittelpunkt einer internen Ermittlung. Der Trainer, der auch Julie unterrichtet hat, und von dem alle wissen, dass er sie immer bevorzugt behandelte. In dieser Situation nimmt die Kamera die Perspektive von Julies Umfeld ein: beobachtend, aufmerksam für die Stimmungen der jungen Frau. Aber auch abwartend, ohne die Frage jemals direkt zu stellen, die im Raum steht. Und Julie hat beschlossen, sich nicht weiter zu äußern. »Julie bleibt still« ist ein langsam erzählter Film, der sich behutsam mit den möglichen Auswirkungen von psychischer und physischer Gewalt auseinandersetzt, ohne sie unmittelbar in den Fokus zu nehmen. Das gelingt eindrücklich, aber genauso wie auf ein Zeichen von Julie zu warten, ist es auch zermürbend. Denn manchmal muss man erst die Gedanken sortieren, bis man die richtigen Worte für Unaussprechliches findet. Hanne Biermann

Eden

Eden

USA/CDN 2025, R: Ron Howard, D: Jude Law, Ana de Armas, Daniel Brühl, 129 min

In den Filmen von Ron Howard (»Apollo 13«, »Rush«) verfolgen die Figuren stets einen Traum. In »Eden« entwickelt der sich nun allerdings schnell zum Albtraum. Es ist das Jahr 1932. Während in der Heimat der Faschismus auf dem Vormarsch ist, hat sich der deutsche Arzt und Philosoph Dr. Friedrich Ritter von der Gesellschaft abgewandt. Er lebt mit seiner Partnerin Dore Strauch auf der menschenleeren Galapagos-Insel Floreana, wo das Überleben äußerst mühsam ist. Hier will er ungestört an seinem philosophischen Manifest arbeiten, das die Menschheit evolutionieren soll. Mit der Ruhe ist es allerdings bald vorbei, denn Kunde von Ritters vermeintlichem Paradies hat den Westen erreicht und so ziehen zunächst das Ehepaar Wittmer und dann auch noch eine Baronin mit ihrer Gefolgschaft auf die Insel. Es beginnt ein intrigenreicher Kampf ums Überleben, den Ron Howard recht spannend und visuell reizvoll, aber ziemlich vordergründig inszeniert. »Eden« basiert auf historisch überlieferten Figuren, der Sehnsucht nach dem »Exotischen«, geprägt durch die deutsche Kolonialzeit. Howard und sein Co-Autor Noah Pink (»Tetris«) bastelten daraus den Stoff für einen Groschenroman. Das illustre Ensemble, zu dem neben Jude Law als Dr. Ritter auch Vanessa Kirby, Daniel Brühl, Sydney Sweeney und Ana de Armas zählen, müht sich redlich, den Stoff mit Überzeugung darzubieten. »Eden« unterhält für seine Lauflänge, ist danach aber genauso schnell wieder vergessen. Lars Tunçay

Parthenope

Parthenope

F/I 2025, R: Paolo Sorrentino, D: Celeste Dalla Porta, Stefania Sandrelli, Gary Oldman, 137 min

Parthenope – diesen Namen gaben die Schriftsteller in der Antike einst einer der schönen Sirenen aus Homers »Odyssee«, deren verführerischer Gesang Seeleute regelmäßig ins Verderben lockte. Später wurde Neapel dichterisch so bezeichnet, wo die Sagengestalt irgendwann tot angespült wurde. Ob dieser Name für ein Mädchen, das 1950 bei einer Wassergeburt vor der Stadt zur Welt kommt, allzu glücklich ist, sei dahingestellt. Der Titelheldin des neuen Films von Paolo Sorrentino schadet er zumindest nicht: Diese Parthenope ist mit guten Genen gesegnet, die aus ihr eine ebenso intelligente wie attraktive junge Frau machen, der die Herzen nur so zufliegen – darunter die ihres älteren Bruders Raimondo und ihres Kindheitsfreunds Sandrino. Deren Zuneigung genießt Parthenope zwar, ihre Begierden erfüllt sie jedoch nie wirklich – bis zu jenem zunächst wundervollen gemeinsamen Sommer auf Capri, der jäh endet. Dieses erste Filmdrittel zieht optisch stilvollendet noch in den Bann. Doch das meiste, was danach kommt, zerfasert inhaltlich, vermag nur gelegentlich zu berühren, irgendwann können auch die prachtvollen Bilder und Celeste Dalla Porta nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass Sorrentino, 2014 für »La Grande Bellezza – Die große Schönheit« mit dem Oscar gekrönt, zu seinen Lieblingsthemen Schönheit, Vergänglichkeit und Liebe nur noch bedingt Spannendes zu sagen hat. Peter Hoch

Mit der Faust in die Welt schlagen

Mit der Faust in die Welt schlagen

D 2025, R: Constanze Klaue, D: Anton Franke, Camille Loup Moltzen, Anja Schneider, 110 min

»Frei nach dem Roman von Lukas Rietzschel«, steht im Abspann, aber die Verfilmung ändert nur ein paar Details. Das Wichtigste behält sie bei: Die intensive Stimmung, die das Buch von 2018 ausmacht. Tobias und sein großer Bruder Philipp sind zwei durchschnittliche Jungs in einem durchschnittlichen Ort in der sächsischen Provinz Anfang der 2000er Jahre. Vor allem Tobias leidet unter den Eheproblemen der Eltern, dem Alkoholproblem des Vaters und der Abwesenheit der Mutter, die als Krankenschwester viele Nachtschichten schiebt. Nachdem ihre Schule mit einem Hakenkreuz beschmiert wird, gerät Philipp auch noch in Kontakt mit den örtlichen Neonazis – Tobias ist von da an ganz allein mit seinen Sorgen. »Mit der Faust in die Welt schlagen« handelt nicht von Springerstiefeln und Baseballschlägern, sondern macht deutlich, dass tief verwurzelter Rassismus viele Bevölkerungsschichten durchzieht. Das Schauspiel ist großartig, vor allem das Leid der Kinder nimmt einen mit. Der Film zeigt keine Boshaftigkeit, sondern Verzweiflung und Perspektivlosigkeit. Gleichzeitig wird nichts verharmlost. Ganz ohne plumpe Gewalt entsteht trotzdem immer wieder Brutalität, die Figuren und das Publikum gleichermaßen belastet. Das Ende wirkt etwas abrupt, an diesem Punkt wurden die 300 Seiten des Romans der Zeitspanne von 15 Jahren besser gerecht. Schockierend und sehenswert bleibt der Film aber trotzdem. Alexander Böhle

Die Akademie

Die Akademie

D 2024, R: Camilla Guttner, D: Maja Bons, Luise Aschenbrenner, Jean-Marc Barr

Wer die HGB- und Spinnerei-Rundgänge kennt, weiß: Dort tummeln sich – zumindest äußerlich – einige freaky Typen, und: Kunst und deren Verständnis ist immer subjektiv. Verhaltens- und phänotypisch auffällig sind auch viele Akteurinnen und Akteure in Camilla Guttners neuem Film, der ihre eigene Zeit an der Akademie der Bildenden Künste in München spiegelt. Dabei ist die Hauptfigur Jojo in der Hinsicht noch eher harmlos, sie folgt nur leidenschaftlich ihrem Traum, zuerst die Klasse von Professor Copley und dann die Kunsthochschule zu bestehen. Dafür pinselt und jobbt sie auch nachts, liefert sich verbale Scharmützel mit Dozenten und muss sich gegen skurrile Stalker und falsche Freundinnen behaupten. Das alles in einer Atmosphäre zwischen Selbst-Darstellung und -Findung sowie Karriere- und Macht-Kämpfen. Widerlich-übergriffige Profs, suizidale Einsiedler, Galeriekapitalisten und bei allen stete Selbstzweifel – die Regisseurin wirft einen unverhohlen kritischen Blick in die Kunstwelt, die sich viel um sich selbst und dann doch um die Anerkennung der Anderen dreht. Ob die hoch- oder tieftrabenden kunstphilosophischen Einlassungen authentisch oder ironisch gemeint sind, kann jede und jeder selbst entscheiden. Trotz der vielen Ansätze, der Masse an Eindrücken und Ideen lässt einen die Geschichte seltsam kalt, kommen weder Spannung noch tiefere Erkenntnisse auf. Es ist wie manche Kunst-Rundgänge: Interessant sind eher die Menschen als die Werke. Markus Gärtner

Die Unerwünschten

Die Unerwünschten

F 2023, R: Ladj Ly, D: Anta Diaw, Alexis Manenti, Aristote Luyindula, 105 min

Für sein Spielfilmdebüt »Les Misérables« erhielt der in Mali geborene Ladj Ly zunächst den Jurypreis in Cannes und schließlich eine Oscarnominierung. Mit dem Nachfolger »Les Indésirables« (»Die Unerwünschten«) bleibt er seiner Linie treu. Auch hier wirft er das Licht auf marginalisierte Gruppen, die Bewohnerinnen und Bewohner eines sozialen Wohnungsbaus in den Banlieues von Paris. Ein Umfeld, das dem Regisseur nur allzu vertraut ist. Wenn am Anfang der Sarg mit Habys Großmutter minutenlang durch das enge Treppenhaus des baufälligen Hochhauses manövriert wird, erlebt man gleich, wie mühsam selbst das Sterben für die Bewohnerinnen und Bewohner ist. Viele von ihnen wohnen mit viel zu vielen in den winzigen Appartements. Überall zeigen sich Risse im Bau, weshalb der designierte Bürgermeister Pierre beschließt, das Haus zu räumen. Aber wohin mit den Menschen? Eine Lösung gibt es nicht. Deshalb beschließt die junge Haby, für das Schicksal der Menschen zu kämpfen und tritt als Gegenkandidatin an. Autor und Regisseur Ly legt seinen Film zunächst aus beiden Perspektiven an, zeigt auch, wie schwer der Amtsantritt für Pierre ist. Im weiteren Verlauf verkauft der allerdings zunehmend seine Ideale und die Sympathie des Films liegt klar beim Kampf der Unterprivilegierten. Ein kraftvoller, wütender Film, der vielleicht nicht die erzählerische Stärke des Vorgängers erreicht, aber dennoch schmerzhaft nachhallt. LARS TUNÇAY

Niki de Saint Phalle

Niki de Saint Phalle

F 2025, R: Céline Sallette, D: Charlotte Le Bon, John Robinson, Damien Bonnard, 98 min

Niki de Saint Phalle (1930–2002) ist vielen vor allem durch ihre überdimensionierten, bunten und lebensfrohen Skulpturen ein Begriff, den »Nanas«. Doch ihre lebensbejahenden Werke haben einen ernsten Hintergrund, wie Céline Sallette eindrucksvoll in ihrem Biopic über die frühen Jahre der französisch-amerikanischen Künstlerin zeigt. Niki verdient ihr Geld zunächst als Model, heiratet jung und zieht mit ihrem ersten Mann, dem Schriftsteller Harry Mathews, in den fünfziger Jahren aus den USA nach Europa. Gemeinsam bekommt das Paar zwei Kinder und lebt ein fast bürgerliches Leben. Doch als ihr Mann eine Sammlung an Messern, Heckenscheren und anderen spitzen Gegenständen unter der Matratze entdeckt, ist Niki gezwungen, sich ihren Traumata aus einer von Missbrauch gezeichneten Kindheit zu stellen. Erst die Kunst bietet ihr einen Ausweg – aus der Vergangenheit, aus der Enge ihrer Ehe, aus toxischen Affären mit anderen Künstlern. Diese Kunstwerke bleiben dem Kinopublikum allerdings verwehrt. Kein einziges Bild von Niki de Saint Phalle ist im Film zu sehen. Die Leinwände, auf die Niki mit Dartpfeilen und Gewehren zielt, sieht man nicht; auch keine Nana. Da die Rechteinhaber ihre Kunst bisher nicht für Spielfilme freigegeben haben, musste Regisseurin Sallette kreativ werden. Das irritiert zunächst, zeugt aber auch von großem Mut, der mit einer Premiere bei den Filmfestspielen in Cannes belohnt wurde. Hanne Biermann

Mickey 17

Mickey 17

USA 2024, R: Bong Joon Ho, D: Robert Pattinson, Steven Yeun, Michael Monroe, 139 min

Nach einem geplatzten Geschäft muss Mickey die Stadt verlassen. Er sucht sich den am weitesten entfernten Ort aus, den er finden konnte: Niflheim. Der mediengeile Senator Kenneth Marshall sucht Kandidaten für eine Kolonie auf dem fernen Planeten. Der Andrang ist groß und Mickeys einzige Chance, an Bord zu kommen, ist, sich als »Expendable« zu melden. Sein Gehirn wird in eine Datenbank übertragen und sein Körper zum entbehrlichen Werkzeug. So wird Mickey schon bald als Versuchskaninchen für allerlei wissenschaftliche Experimente genutzt und nach seinem Ableben einfach neu gedruckt. Als Mickey Nummer 17 von einer Erkundungsmission nicht zurückkehrt, wird er für tot erklärt und neu gedruckt. Allerdings schafft er es zurück zur Basis und steht unvermittelt seinem Klon gegenüber. Oscarpreisträger Bong Joon Ho (»Parasite«) ist ein Meister darin, Gesellschaftskritik in Genrefilme zu verpacken. Wie die Comic-Adaption »Snowpiercer« ist auch »Mickey 17«, der auf einem Roman von Edward Ashton basiert, ein herrlich ätzender Kommentar auf politische Machtstrukturen im Gewand eines Science-Fiction-Films mit viel schwarzem Humor und absurden Ideen. Robert Pattinson gibt als 18-facher Hauptdarsteller absolut alles und ein glänzend aufgelegter Mark Ruffalo bietet eine herrliche Politikerparodie, irgendwo zwischen seinem Jammerlappen Duncan Wedderburn in »Poor Things« und Donald Trump. LARS TUNÇAY

Das Licht

Das Licht

D/GB/F 2025, R: Tom Tykwer, D: Tala Al Deen, Lars Eidinger, Nicolette Krebitz, 162 min

Seinen jungen Mitarbeitenden gegenüber gibt Tim Engels sich gern als liberaler Freigeist. Der Berliner Werbetexter inszeniert sich als Teamleader, der selbstbewusster wirkt, als er es eigentlich ist. Seine Frau Milena kümmert sich derweil in Kenia um ein Entwicklungsprojekt in den Townships, dem allerdings die Fördermittel des Ministeriums wegbrechen, weshalb sie im Dauerstress ist. Die Paartherapie treibt Tim und Milena eher auseinander, als sie einander näherzubringen. Unterdessen haben ihre beiden 17-jährigen Zwillinge Frieda und Jon daheim ihre ganz eigenen Probleme. In diese Familie kommt nun Farrah als Haushälterin. Die gelernte Psychologin floh aus Syrien und sucht sich explizit die Familie Engels aus, um bei ihnen zu putzen. Farrah wird zur Schulter, an die sich die Kinder anlehnen können, zum offenen Ohr für die Probleme der Eltern. Und verfolgt ihre ganz eigene Agenda. Welche das ist, offenbart Tom Tykwer erst im finalen Akt seines fast dreistündigen neuen Werks. Bis dahin sind wir mit den Figuren bereits durch alle Höhen und Tiefen einer familiären Beziehung gegangen. Tykwer, der hier auch wieder das Drehbuch verfasste, projiziert gesellschaftliche Verwerfungen auf den familiären Mikrokosmos und spiegelt sie zurück. Das gelingt dank eines hervorragenden Ensembles und dem Mut zum Stilbruch. »Das Licht« verlangt viel vom Publikum, ist aber eine Bereicherung, gibt man sich ihm vollends hin. LARS TUNÇAY

Sing Sing

Sing Sing

USA 2024, R: Greg Kwedar, D: Colman Domingo, Clarence Maclin, Sean San Jose, 107 min

Die Haftanstalt Sing Sing liegt auf einer Insel, rund 50 Kilometer außerhalb von New York. Durch die Gitter können die Inhaftierten das pulsierende Leben im Big Apple am anderen Ufer beobachten. Auf der Theaterbühne entfliehen sie dem Knastalltag, schlüpfen in andere Rollen und müssen sich nicht mit der eigenen, deprimierenden Realität auseinandersetzen. Kunst bedeutet Freiheit für die Insassen. John »Divine G« Whitfield leitet die Theatergruppe, die gerade ein neues Stück einstudiert. Er selbst sitzt seit vielen Jahren hier hinter Gittern. Unschuldig, wie er sagt, verurteilt wegen Mordes, hilft er seinen Mitinsassen dabei, sich auf die Bewährungsgespräche vorzubereiten. Die Zeit in der Theatergruppe erlaubt den Männern, Gefühle zuzulassen und Rivalitäten zu vergessen. Doch die brutale Realität und Hoffnungslosigkeit innerhalb der Mauern dringt auch in den Theaterraum. Seinen zweiten Langfilm drehte Regisseur Greg Kwedar mit ehemaligen Häftlingen in einer echten Haftanstalt. Die wahren Biografien, der realistische Haftalltag, eingefangen von der Handkamera, verleihen seinem berührenden Film etwas Dokumentarisches. Trotz der düsteren Umgebung ist »Sing Sing« ein heller Film, der Hoffnung verbreiten will und sich abhebt von den klischeehaften Knastgeschichten. Im Herzen steht der oscarnominierte Colman Domingo. Er verleiht seiner Figur eine Wärme, aber auch menschliche Schwächen. Das alles macht Kwedars Film so wahrhaftig. LARS TUNÇAY

Heldin

Heldin

D/CH 2025, R: Petra Biondina Volpe, D: Leonie Benesch, Sonja Riesen, Selma Adin, 92 min

Der Ärzte- und Pflegekräftenotstand ist nicht nur in Deutschland ein gravierendes Problem, sondern mittlerweile fast überall auf der Welt anzutreffen. Petra Volpe (»Die göttliche Ordnung«) hat in ihrem neuen Film »Heldin« einen fast schon dokumentarisch anmutenden Blick auf den Arbeitsalltag einer Krankenschwester in einem Schweizer Krankenhaus während einer exemplarischen Spätschicht geworfen. Diese wird hier von Leonie Benesch verkörpert, die ihre Rolle ähnlich perfektionistisch anlegt wie die als Lehrerin im oscarnominierten »Das Lehrerzimmer« von Ilker Çatak. Die dynamische Kamera von Ausnahmebildgestalterin Judith Kaufmann folgt Krankenschwester Floria Lind auf ihren Arbeitswegen, hält Medikamenten-Verabreichungen, Visiten, Fahrten in den OP-Saal und Auseinandersetzungen mit nörgeligen Privatpatienten detailliert fest. Immer wieder kommt es dabei zu Hektik, Stress und schließlich auch Fehlern, weil die Station chronisch unterbesetzt ist. Dadurch, dass Petra Volpe ihre »Heldin« so musterbildlich angelegt hat, entsteht im weiteren Verlauf der Geschichte eine viel größere Fallhöhe, die das Publikum auch emotional sehr mitnimmt. Selten zuvor hat ein Spielfilm einen dermaßen hohen Authentizitätsgrad erreicht, während er in den beschwerlichen alltäglichen Wahnsinn eines Krankenhauses eintaucht. Ein Film, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt. Frank Brenner

Für immer hier

Für immer hier

BR/F 2024, R: Walter Salles, D: Fernanda Torres, Fernanda Montenegro, Selton Mello, 137 min

Die ersten Szenen sind trügerisch schön. Die Mädchen spielen am Strand, die Jungen rennen Hunden nach. Auf den Plattentellern liegt Tanzmusik und an den Nachmittagen ist das Haus voller Freunde. Brasilien als Sehnsuchtsland, es war selten so schön wie in diesen Aufnahmen von Regisseur Walter Salles. Doch die Zeit ist eine andere. Im Land herrscht seit 1964 eine Militärdiktatur und Rubens Paivas, Pater familias und Ingenieur, war einst Teil der beim Regime verhassten Kommunisten. Eines Tages wird er verhaftet und taucht nicht wieder auf. Von da an kippt der Film und es ist, als würden Farbe, Leben und Musik zunehmend aus den Bildern gesaugt. Nach Rubens’ Verschwinden muss seine Frau Eunice alles zusammenhalten. Für sie beginnt ein wahrer Spießrutenlauf. Die verunsicherten Kinder, Geldprobleme, Geheimdienstspitzel, dazu die ewige Unsicherheit darüber, was mit dem Ehemann geschehen ist. Schauspielerin Fernanda Torres hat für ihr Porträt von Eunice bereits einen völlig verdienten Golden Globe einheimsen können. »Für immer hier« basiert auf einer wahren Familiengeschichte. Eine aus der langen und blutigen Geschichte der brasilianischen Militärdiktatur. Es ist wohl ein Zeichen der Qualität des Films, dass man das zwischendurch vollkommen vergisst. Dies ist kein Biopic von der Stange, sondern ein Werk, dessen Welt so echt wird, dass einen jede Wendung noch ein Stück erschütterter zurücklässt. Und so leidet man mit und hofft bis ganz zum Ende. Josef Braun

Flow

Flow

LV/F/B 2024, R: Gints Zilbalodis, 85 min

Der Animationsfilmer Gints Zilbalodis schuf vor sechs Jahren mit »Away« einen visuell einzigartigen Film mehr oder weniger allein an seinem Computer. Die Reise eines Jungen durch eine mysteriöse, menschenleere Welt war so etwas wie die Blaupause zu »Flow«. Auch im nun größer produzierten Nachfolger steht eine Reise im Mittelpunkt. Allerdings sind es hier Tiere, die ihre naturgegebene Feindschaft überwinden und über sich hinauswachsen müssen, um zu überleben. Als eine plötzliche Flutwelle fast alles Leben unter sich begräbt, rettet sich eine schwarze Katze auf einen Kahn. Der einzelgängerische Fellball bleibt allerdings nicht lang allein. Nach und nach stoßen ein Golden Retriever, ein phlegmatisches Capybara, ein diebischer Lemur und ein großer weißer Vogel zur Crew. Dabei werden die liebevoll gestalteten Tiere nicht vermenschlicht und fangen an zu sprechen, wie es im Animationsfilm üblich ist. Trotzdem versteht man ihre Absichten und Eigenheiten auch ohne Worte. Die menschenleere Welt, durch die sich die tierischen Helden bewegen, bleibt derweil rätselhaft, faszinierend und betörend schön. Die Liebe, die in »Flow« steckt, überzeugt ohne den Realismus, dem sich die computeranimierten Filme von Dreamworks oder Pixar verschrieben haben. Vielmehr besticht das kleine, feine Werk durch eine eigene, einzigartige künstlerische Note. Kein Wunder, dass der lettische Film nach dem Europäischen Filmpreis und dem Golden Globe nun auch Chancen auf einen Oscar als bester Animationsfilm hat. LARS TUNÇAY

Pfau − Bin ich echt

Pfau − Bin ich echt

D/AT 2024, R: Bernhard Wenger, D: Albrecht Schuch, Julia Franz Richter, Anton Noori, 102 min

Matthias ist der perfekte Begleiter. Er kann gestochen über experimentelle Musik daherreden, Geschäftspartner beeindrucken oder so tun, als wäre er der perfekte Sohn oder ein Papa, der als Pilot arbeitet. So tun, als ob – das ist Matthias’ Beruf. Er arbeitet in einer hippen Agentur, die ihn rent-a-friend-like verleiht. Problem dabei: Matthias ist so darauf aus, den Vorstellungen seiner vielen Gegenübers zu entsprechen, dass ihm nicht mehr klar ist, wer er selber ist, wenn er denn mal er selber ist. Als ihn seine Freundin deswegen verlässt, ist er allein und kommt nicht klar. »Pfau – Bin ich echt« wäre schon allein deswegen ein sehenswerter Film, weil Hauptdarsteller Albrecht Schuch es schafft, diesen Matthias aalglatt und gefühllos, aber dennoch emotional überzeugend zu verkörpern. Hinzu kommt eine kunstvoll komponierte Ästhetik, die die pseudo-schicke Welt, in der sich Menschen andere Menschen ausleihen, um sie zu präsentieren, passend bebildert. Und nicht zuletzt ist es ein feiner, subtiler Humor, der sich durch das Langspielfilmdebüt des Österreichers Bernhard Wenger zieht. Eine tragikomische Gesellschaftssatire, die amüsant aufzeigt, wie kaputt zwischenmenschliche Beziehungen im Spätkapitalismus sein können, ohne dass es jemanden stört. Juliane Streich

Hundschuldig

Hundschuldig

F 2024, R: Laetitia Dosch, D: Laetitia Dosch, François Damiens, Pierre Deladonchamps, 85 min

Dariuch ist verzweifelt: Sein Hund Cosmos hat mehrere Menschen gebissen, und es scheint kein Weg an einer Einschläferung des Tieres vorbeizuführen. Avril Lucciani ist die letzte Hoffnung der beiden. Die Anwältin ist bekannt dafür, besonders absurde und wenig prestigeträchtige Fälle zu übernehmen, und tatsächlich kann sie den traurigen Hundeaugen keine Absage erteilen. Mit all seinen Absurditäten zieht der darauffolgende Prozess ein riesiges Medienecho nach sich, denn die Fragen, die er aufwirft, sind grundlegend: Darf ein Hund vor Gericht als »Sache« gelten, oder muss er nicht vielmehr als eigenständiges Lebewesen behandelt werden? Und warum hat er überhaupt zugebissen? Abseits dieser Prämisse verliert sich »Hundschuldig« aber leider immer wieder in sexistischen Plattitüden, die einen großen Teil des derben Humors ausmachen. Auch die Geschichte des vernachlässigten Nachbarsjungen, um den sich Avril ab und an kümmert, kommt zu kurz. Besonders Hauptdarstellerin Lætitia Dosch, die mit dem Film auch ihr Regiedebut feiert, ist es aber zu verdanken, dass »Hundschuldig« am Ende zwar nicht als großes Plädoyer für Tier- und Frauenrechte, aber zumindest als kurzweilige Komödie im Gedächtnis bleibt. Und der Film kann zudem mit einer besonderen Auszeichnung aufwarten: Für seine Darstellung des Cosmos wurde Hund Kodi in Cannes mit dem »Palm Dog Award« als bester Filmhund 2024 geehrt. Hanne Biermann

Der Lehrer, der uns das Meer versprach

Der Lehrer, der uns das Meer versprach

E 2024, R: Patricia Font, D: Enric Auquer, Laia Costa, Luisa Gavasa, 105 min

Verschiedene spanische Filme haben es sich in den letzten Jahren zur Aufgabe gemacht, die Gräueltaten der Falangisten während und nach dem Spanischen Bürgerkrieg aufzuarbeiten, am prominentesten 2022 Pedro Almodóvars »Parallele Mütter«. Patricia Font hat sich nun der wahren Geschichte des Lehrers Antoni Benaiges angenommen, der 1936 als Gewerkschaftsmitglied von den Franco-Faschisten verschleppt und ermordet wurde, seine sterblichen Überreste wurden nie gefunden. Dennoch beginnt ihr Film mit der Exhumierung eines Massengrabs im Jahr 2010. Am Rande steht Ariadna, deren Urgroßvater damals ebenfalls verschwand. Ihr an Demenz erkrankter Großvater wurde von Benaiges unterrichtet. Diesen Handlungsstrang verknüpft die Regisseurin mit der Geschichte des idealistischen jungen Lehrers. Der wird 1934 an eine nordspanische Dorfschule versetzt und bringt mit seinen freigeistigen Methoden gleich den strengen Pfarrer gegen sich auf. Die Kinder begeistert er jedoch und vermittelt ihnen unter anderem durch das Erstellen von Klassenzeitungen Freude am Lesen und Schreiben. Benaiges’ Wirken und Fonts Film erzählen vom Wert von Freundlichkeit und guter Pädagogik, von der Bedeutung des Sich-Erinnerns und des Nicht-Verschweigens und nicht zuletzt auch davon, wie die Schrecken der Vergangenheit Effekte aufs Hier und Jetzt haben – und dass sie sich, wenn wir nicht aufpassen, nur allzu leicht wiederholen. Peter Hoch

Bird

Bird

F/GB/USA/D 2024, R: Andrea Arnold, D: Barry Keoghan, Franz Rogowski, Nykiya Adams, 118 min

Andrea Arnold gelingt es immer wieder, Geschichten über Heranwachsende auf Augenhöhe zu inszenieren. Sie erzählt die großen Dramen im Kleinen. Damit steht sie in der Tradition des britischen Sozialdramas von Regisseuren wie Ken Loach und Mike Leigh. Ihr Blick und der ihres Stammkameramanns Robbie Ryan (»Poor Things«) für die Schönheit in einer grausamen Welt ist beispiellos. Acht Jahre nach ihrem Ausflug in die USA mit »American Honey« kehrt die Filmemacherin zurück zum Ansatz ihres BAFTA-gekrönten »Fish Tank«. Sie inszenierte »Bird« mit Nachwuchsdarstellerinnen und -darstellern in einer sozial verarmten Siedlung im Norden von Kent. Ihre Protagonistin ist die 12-jährige Bailey. Mit ihrem älteren Bruder Hunter wächst sie in verwahrlosten Verhältnissen bei ihrem Vater Bug auf, ein zwischen liebenswert und aggressiv pendelnder Drogendealer. Bailey schlingert durch ihr schwieriges soziales Umfeld, in dem sie gelernt hat, sich zu behaupten, und versteckt ihre Schwäche und Unsicherheit unter einer harten Schale. Als sie den seltsamen Vogel Bird trifft, wird er für sie zu einem Anker. Arnold versieht ihren Realismus dabei immer wieder mit surrealen Momenten und einem handverlesenen Britpop-Soundtrack, zu dem Burial den Score beisteuerte. Franz Rogowski verleiht Bird mit seinem tänzerischen Spiel eine liebenswerte Weirdness. Barry Keoghan verkörpert den überforderten Vater mit Verve. Eine echte Wucht ist Nykiya Adams, die hier ihr Schauspieldebüt gibt und die feinen Nuancen ihrer Figur bravourös meistert. LARS TUNÇAY