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Rezensionen

Hope

Hope

KOR 2026, R: Na Hong-jin, D: Hwang Jung-min, Zo In-sung, Jung Ho-yeon, 156 min

Als Polizeichef Ko Bum-seok, der nahe der Grenze zu Nordkorea ein eher beschauliches Leben führt, von seinem Cousin Sung-ki zu einer brutal getöteten Kuh gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass wenig später in seinem Heimatdorf Hope die Hölle losbrechen wird. Denn: Dort treibt ein Alien sein blutiges Unwesen und zerfetzt Einwohnerinnen und Einwohner ebenso mühelos wie Zäune und Häuser. Zusammen mit einer jungen Polizistin und einem Ex-Colonel versuchen die Kos, das Wesen zu stoppen. Mit »Hope« bringt der südkoreanische Regisseur Na Hong-jin nach den Thrillern »The Chaser« und »The Yellow Sea« sowie dem Dämonenhorror »The Wailing« und zehn Jahren Pause seinen erst vierten Spielfilm in die Kinos. Für Monsterfilmfans hat sich die lange Wartezeit gelohnt, punktet »Hope« doch mit einigen intensiv und rasant inszenierten Verfolgungsjagden, und auch das Kreaturendesign weiß zu überraschen – wobei der Film in der ersten Stunde, in der man das Ungeheuer noch nicht zu Gesicht bekommt, trotzdem am besten ist. Mit zweieinhalb Stunden etwas zu lang und repetitiv ist die generische Handlung geraten und auch an dem im asiatischen Genrekino üblichen hektischen Chargieren der Figuren vom Reißbrett sollte man seinen Spaß haben, um Nas jüngstes Werk wirklich ins Herz zu schließen. Dessen offenes Ende teasert zudem ein geplantes, aber noch nicht in Stein gemeißeltes Sequel an. Peter Hoch

London

London

AT 2026, R: Sebastian Brameshuber, D: Clifford Agu, Lana Prerad, Bobby Sommer, 122 min

Wer jemals länger mit einer Mitfahrgelegenheit gefahren ist, kennt das Szenario: Man sitzt zwangsweise mit einem oder mehreren Fremden gefangen, entweder herrscht Stille – oder bei Sympathie rankt eben ein zartes Gespräch, das viele bunte Blüten treiben kann. Das ist auch der Kern von »London«, in dem der österreichische Rentner Bobby regelmäßig zwischen Wien und Salzburg pendelt, um dort seinen langjährigen im Koma liegenden Freund zu besuchen. Dabei öffnen sich seine Türen – für Mitfahrer und jede Menge Themen, von Wurst bis Orson Welles. Der Wehrdienstleistende mit Schlaftrauma, der an seiner Eignung zweifelt, die aus der Ukraine stammende Frau, die vom analogen Kennenlernen schwärmt, und der albanische Student, der den Film »Avatar« als marxistisches Meisterwerk adelt. Auch Bobbys Kofferraum des Lebens gibt dabei natürlich einiges preis. Big Talk im Pkw: Dieser gefühlte Hybrid aus Spielfilm und Doku gleitet sanft wie auf einer Autobahn dahin, ohne große Spannungskurven oder dramaturgische Überholmanöver. Man lauscht allen kurzzeitig wechselnden Figuren gern bei ihrer situativen Seelenöffnung – auch wenn man beim österreichischen Slang manchmal die Ohren spitzen muss. Die formale Klarheit des Films bremst ihn aber zwangsweise auch in Sachen Bildsprache und Narration aus – als Auto wäre er quasi ein verlässlicher, aber PS-armer Mittelklassekombi mit viel Stauraum für kurze Storys. Markus Gärtner

Alte Liebe

Alte Liebe

D 2026, R: Andreas Dresen, D: Dagmar Manzel, Joachim Król, 110 min

Lore und Harry sind seit 40 Jahren verheiratet. Ein altes Ehepaar, wie es im Buche steht. Er meckert gern, sie kritisiert ihn häufig. Aber eigentlich lieben sie sich und halten die gegenseitigen Marotten aus. Der Pensionär kümmert sich am liebsten um seinen Rittersporn im Garten, während die Bibliothekarin vergeblich versucht, ihren Gatten mal zu einer Lesung zu bewegen. Als eine Einladung zur Hochzeit ihrer Tochter im Briefkasten liegt, hat er nur Abfälliges für den zukünftigen Schwiegersohn übrig. Obwohl Lore zieht und zerrt, lässt er sich nicht dazu bewegen, zur Feier nach Leipzig zu reisen. Aber die ist ja auch erst im Herbst, und es ist Frühling. Der Film begleitet das Paar mit wundervoll lakonischem Humor durch die Jahreszeiten. Mit klugen, lebensnahen Dialogen ist die Adaption des Romans von Elke Heidenreich und Bernd Schroeder ein Zweipersonenstück, das sich fast ausschließlich im schönen Ostberliner Häuschen (mit Garten) abspielt. Die Szenen und Dialoge erzählen beiläufig auch viel über die DDR und das Heute. Dagmar Manzel und Joachim Król spielen das wundervoll, ehrlich und ohne Eitelkeit. Eine »Alte Liebe« verbindet unterdessen auch Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautorin Laila Stieler. Seit mehr als 20 Jahren schreiben sie zusammen. Ihre künstlerische Harmonie sorgt auch hier für jene Handschrift, für die das Publikum ihre Filme schätzt und liebt und auch diesen in ihr Herz schließen wird. LARS TUNÇAY

Barbara Forever

Barbara Forever

USA 2026, Dok, R: Brydie O'Connor, 101 min

Barbara Hammer (1939–2019) gilt als die wichtigste Vertreterin für experimentelle lesbische Filmkunst. Ihr Kurzfilm »Dyketactics« aus dem Jahr 1974 war international der erste explizit lesbische Film der Kinogeschichte, es folgten bis zu ihrem Tod mehr als 90 weitere, zumeist experimentell-avantgardistische Werke. Brydie O’Connor hat es sich mit »Barbara Forever« zur Aufgabe gemacht, das umfangreiche Schaffen Hammers zu bündeln und über die Jahrzehnte hinweg die Schwerpunkte in ihrer Arbeit deutlich zu machen. Herausgekommen ist dabei ein faszinierendes Porträt, das größtenteils autobiografisch wirkt, weil Bilder und Worte fast ausschließlich von Barbara Hammer selbst stammen. Die Dokumentation macht anschaulich deutlich, wie wichtig es der Filmemacherin zeitlebens war, ihr eigenes Leben, jede ihrer Beziehungen und weitere sehr private Dinge mit der Kamera festzuhalten. Die anfängliche Ablehnung durch das Museum of Modern Art wird dabei genauso thematisiert wie die noch zu Lebzeiten erfolgte Überführung ihres umfangreichen Archivs an die Yale University. Im Mittelpunkt stehen dabei stets die originellen und kunstvollen Bilder Barbara Hammers, für die Fühlen und Sehen eng miteinander verknüpft waren. Selbst dem Tod konnte sie noch etwas aufregend Neues abgewinnen, indem sie auch ihr eigenes Sterben mit der Kamera begleitete und darin Poetisches und Schönes entdeckte. Frank Brenner

Die andere Seite

Die andere Seite

D/AT 2026, R: Mariko Minoguch, D: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch, 106 min

Wie ein scheues Tier steht Hanna im Wald, häutet einen Hasen und hält dabei immer wieder inne, um nach Geräuschen zu lauschen. Als sie Schüsse hört und Hundegebell, packt sie hastig alles zusammen und flieht. Durch den Wald, den Hang hinauf, doch der Hund ist ihr auf den Spuren und erst, als sie sich ihrer Beute entledigt, lässt er von ihr ab. Der schmerzhafte Verlust ist spürbar, noch schmerzhafter allerdings der Stock, der sich in ihren Unterschenkel gerammt hat, den sie unter Tränen entfernt, die Wunde desinfiziert und näht. Es geht um alles – das wird auch ohne Worte schnell klar in Mariko Minoguchis (»Mein Ende. Dein Anfang.«) zweitem Spielfilm. Das existenzialistische Drama entfaltet sich langsam. Es gibt einen hochansteckenden Virus, der die Menschheit dezimiert. Die Gesellschaft ist überfordert und reagiert radikal. Hanna war Ärztin und ist jetzt Ausgestoßene, da sie den Erreger in sich trägt. Über rund zwei Stunden entspinnt sich ein Kampf ums Überleben in der Wildnis der Alpenregion. Die traurigen Augen von Nina Hoss zeugen vom Leid, das sie gesehen haben. Endzeitdramen rund um tödliche Viren hat es schon viele im Kino gegeben, aber selten wurde das Szenario so trostlos geschildert. Zumal die eindrücklichen Bilder im Post-Corona-Zeitalter eine zusätzlich bedrückende Realität erfahren. LARS TUNÇAY

Eine Krankheit wie ein Gedicht

Eine Krankheit wie ein Gedicht

D 2026, Dok, R: Jelena Ilić, 84 min

Es ist tatsächlich poetisch, was die Regisseurin, Autorin und Fotografin Jelena Ilić mit ihrem Dokumentarfilm erschaffen hat. Ein schmerzhaftes Gedicht, das die Beziehung zu ihrem Vater nicht nur in Verse, sondern vor allem in Bilder packt. Jelena Ilićs Vater hat eine »drogeninduzierte, chronifizierte schizoaffektive Psychose des manischen Formenkreises, Typ polytox, kein Morphintyp« und sitzt deswegen in der Forensik. Die Filmemacherin wünschte, er würde für immer dort bleiben und keine Gefahr für sich und andere darstellen – besonders nicht für sie. Denn da ist eine Angst in ihr, der sie sich in diesem Film stellt. Die Kamera hilft ihr, einen gewissen Abstand zum Geschehen zu entwickeln. Am Anfang geht es ums reine Dokumentieren, nicht ums Filmemachen. Es entwickelt sich nach und nach aber ein Film in Zusammenarbeit mit Ilićs Vater, nicht über ihn. Vater und Tochter tauschen ein Skizzenbuch aus, füllen Seite für Seite. Ilić überträgt diese Formensprache auf den Film und lässt damit tief blicken, ohne etwas sagen zu müssen. So mischen sich Angst, Überforderung und Wut alsbald mit Nähe und Akzeptanz, nehmen einen immer größeren Raum ein und spiegeln die Ambivalenz in der Vater-Tochter-Beziehung – inner- und außerhalb der forensischen Psychiatrie. Ilić sagt, sie habe keinen Weg gefunden, mit der Krankheit des Vaters umzugehen. »Ich habe nur gelernt, neben ihr herzulaufen, anstatt vor ihr wegzurennen.« Berührend und preisgekrönt. NADINE FAUST

Call me Queen

Call me Queen

D/F/GB/KEN 2026, R: Emily Atef, D: Eliane Umuhire, Denise Gough, Dominic West, 105 min

Kenia in den späten neunziger Jahren. Die alleinerziehende Mutter Queen Achungo lässt sich von nichts und niemandem einschüchtern. Erst recht nicht von der irischen Journalistin Anna, bei der sie sich kurzerhand selbst einstellt, um ihre Familie zu versorgen. Doch in ihrem Umfeld fordert die AIDS-Epidemie immer mehr Tote. Nicht, weil es keine Medikamente gäbe, sondern weil diese für die meisten Menschen viel zu teuer sind. Als sich auch bei Queen immer mehr Krankheitssymptome zeigen, kann sie nur dank der finanziellen Unterstützung von Anna behandelt werden, während die Patientinnen und Patienten um sie herum sterben. Wie kann das gerecht sein? Eine Bewegung muss her, die sich den Pharmakonzernen und der untätigen Politik entgegenstellt, mit Queen an der Spitze. Große Themen, die nahbar werden durch das exzellente Schauspiel von Eliane Umuhire (»Planet B«) als Queen und Denise Gough (»Star Wars – Andor«) als Anna – trotz und weniger wegen des Drehbuchs. Viel zu oft dürfen die Figuren nur darüber sprechen, was passiert oder was sie tun werden, statt dass der Film das ausführlich zeigt. So entwickelt sich auch die Freundschaft zwischen Queen und Anna bedauerlicherweise wenig nachvollziehbar. Das ist besonders schade, da in »Call me Queen« ein kompetenter Film über eine zu wenig besprochene humanitäre Krise steckt, der sein volles Potenzial aber nie ganz ausschöpfen kann. Colin Schröder

Heimsuchung

Heimsuchung

D/F 2026, R: Volker Schlöndorff, D: Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, 118 min

In ihrem 2007 erschienenen Roman »Heimsuchung« rollt Jenny Erpenbeck die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf – anhand eines Grundstücks am Scharmützelsee. Dort lebt zunächst ein jüdischer Tuchfabrikant mit seiner Familie. Als die Nazis an die Macht kommen, muss er das Grundstück verkaufen. Ein Architekt errichtet dort ein Haus für seine zweite Ehefrau. Das Haus überdauert den Krieg, doch das Ehepaar setzt sich ab, als die Mauer kommt. Eine Schriftstellerin und überzeugte Kommunistin zieht ein mit ihrer Familie und erlebt, wie die großen Visionen eines sozialistischen Staates zerfallen. Die Enkelin der Schriftstellerin ist Erpenbeck, die in ihrem Roman als Erzählerin ihre Kindheitserinnerungen bei ihren Großeltern verarbeitet. In rund zwei Stunden Film hat Regisseur Volker Schlöndorff den Stoff nun gegossen. Er konzentriert sich komplett auf den Ort und spart einige Nebenstränge wie den der jüdischen Familie im Warschauer Ghetto und in Auschwitz aus, behält aber die Erzählerinnenstimme bei. Nicht das einzige Element, das dem Film etwas altmodisch Lehrbuchhaftes gibt. Mascha Schilinski war da mit ihrem ähnlich gelagerten Cannes-Gewinner »In die Sonne schauen« wesentlich eindringlicher. Was bleibt, sind ein hervorragendes Ensemble u. a. mit Martina Gedeck, Lars Eidinger und Susanne Wolf, hübsche Naturpanoramen und die Chronik des Übergangs vom Nationalsozialismus zum Sozialismus, die im deutschen Kino immer noch untererzählt ist. LARS TUNÇAY

Ein Nobody gegen Putin

Ein Nobody gegen Putin

DK/CZ 2025, Dok, R: David Borenstein, Pawel Talankin, 90 min

Es gibt Auszeichnungen, die sind zweifelhaft. Die UNESCO verlieh der 10.000-Einwohner-Stadt Karabasch im russischen Uralgebirge mal den Titel als »giftigsten Ort der Welt«. In der Region wird Kupfer abgebaut. Die Gebäude sind grau, die Winter kalt. Und trotzdem möchte der Lehrer Pawel Talankin nirgendwo anders leben. Seine Schüler sind wie Familie für ihn. Seine Mutter repariert Bücher in der örtlichen Bibliothek. Alles könnte so einfach sein. Ist es auch, bis Putins Invasion in die Ukraine das Leben auf den Kopf stellt. Talankin, der sonst die Abschlussfeiern und Schulaufführungen filmt, muss plötzlich Dinge drehen, die ihm weit weniger behagen. Für die Behörden in Moskau dokumentiert er inszenierte Unterrichtsstunden, Flaggenmärsche und andere Propaganda. »Ein Nobody gegen Putin« bietet einen seltenen Blick ins heutige Russland. Über zwei Jahre hat Talankin neben den offiziellen Aufträgen, heimlich aufgenommen. Soldatenbeerdigungen oder Schießübungen mit Kindern hat er online dem US-amerikanischen Regisseur David Borenstein geschickt. Dann wurde es zu gefährlich. 2024 verließ Talankin Russland, seine Dokumentation stellte er in Dänemark fertig. Mit viel Wärme führt er im Off durch die Szenen. Erinnert sich an die Schüler. Da sitzen sie in einem Garten, rasieren sich und machen Witze über ihre Zukunft als Soldaten. Talankins Film wurde in diesem Jahr mit dem Oscar ausgezeichnet. Ein würdiger Gewinner, der verrückterweise sogar Mut macht. Josef Braun

Kalter Hund

Kalter Hund

D 2026, R: Pauline Roenneberg, D: Corinna Harfouch, Lea Drinda, Karoline Eichhorn, 144 min

Hermann Mann, der großzügige Stiftungsgründer und Gnadenhof-Unterstützer, wird hundert Jahre alt. Das ist natürlich ein Grund zum Feiern, und neben einigen offiziellen Gratulanten ist selbstverständlich auch die gesamte Familie erschienen, um dem Jubilar ihre Aufwartung zu machen. Allerdings gibt es ein kleines Problem, das Hermanns Ehefrau Marianne zunächst gar nicht bemerkt, als sie sein Zimmer betritt und distanziert um ihn herumwuselt: Der Patriarch liegt tot und fahl in seinem Bett, ein Barbiturat in einer Hand und ein Testament in der Schublade, das Haushälterin Joy flugs unbemerkt verschwinden lässt. Eine Weile wird das Ableben des Geburtstagskindes zwar noch vertuscht, doch irgendwann fliegt die Scharade auf und zwischen den Familienmitgliedern offenbaren sich Dynamiken, die man so nicht unbedingt vermutet hätte. Regisseurin Pauline Roenneberg ist mit ihrem Spielfilmdebüt eine schwarzhumorige Tragikomödie geglückt, deren Dialoge während des Drehs improvisiert wurden – eine ungewöhnliche und mutige Herangehensweise, die sich dank des starken Schauspielensembles mehr als auszahlt. Zuzuschauen, wie diese vollkommen dysfunktionale, herrlich überzeichnete Sippschaft sich verbal oder mit Blicken zerfleischt, ohne eine gewisse Ernsthaftigkeit aufzugeben, das ist ein großer Satirespaß, wie man ihn im oft betulichen deutschen Kino viel zu selten genießen darf. Peter Hoch

Vaterland

Vaterland

D/PL/I/F/GB 2026, R: Paweł Pawlikowski, D: Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl, 82 min

Deutschland, 1949: Ein Volk zwischen Schockzustand und Verdrängung. Das Leben geht weiter und doch ist nichts so wie davor. Nach Jahren im Exil kehrt der Schriftsteller Thomas Mann ins Land der Täter zurück. Überall wird er beklatscht und geehrt. In West und Ost singen sie ihm Lieder. Selbst russische Offiziere suchen den Austausch über die Kunst. Aber der Autor hat nur Verachtung für sie übrig, jene Speichellecker, die eben noch den Arm hoben und nun alle Schuld von sich weisen. An seiner Seite: seine Tochter Erika, die übersetzt und organisiert. Als sie die Nachricht des Suizids ihres Bruders Klaus erreicht, mischt sich die persönliche Tragödie in die Trauer um den Verlust der Heimat. Gemeinsam mit dem Drehbuchautor Henk Handloegten (»Babylon Berlin«) rekonstruiert der vielfach ausgezeichnete polnische Regisseur Pawel Pawlikowski (»Ida«) diese Reise, die Mann eigentlich mit seiner Ehefrau Katia machte. Ausdrucksstarke Schwarz-Weiß-Bilder zeigen ein Land, das in Trümmern liegt, architektonisch und moralisch. Gleichermaßen keimt im Osten die Hoffnung auf einen Neuanfang. In Cannes für die beste Regie ausgezeichnet, ist »Vaterland« ein kraftvolles und konzentriertes Zeitdokument mit glänzender Besetzung, allen voran Hanns Zischler und Sandra Hüller als ungleiches Vater-Tochter-Gespann. LARS TUNÇAY

That's Why the Lady is a Champ

That's Why the Lady is a Champ

USA 2026, R: David Michôd, D: Sydney Sweeney, Coleman Pedigo, Merritt Wever, 135 min

Hollywoodfilme über Kampfsport bedienen sich meist derselben Blaupause: Entlang der einzelnen Stationen einer Karriere erzählen sie vom Kampf des Underdogs ins Rampenlicht; Abstieg, Drogen und der Kampf zurück in den Ring sind obligatorisch. Auch David Michôd (»War Machine«) bedient sich in seiner Nacherzählung der Geschichte von Christy Martin, die in den 1990er Jahren zur erfolgreichsten Profiboxerin der USA aufstieg, dieses Schemas. In ihrer Autobiografie beschreibt sie die gewalttätige Ehe mit ihrem Manager Jim Martin, ihr Coming-Out und die Diskriminierung von Homosexualität im Boxsport. Diese Aspekte rückt das Biopic in den Mittelpunkt, erzählt aber auch recht konventionell das Drumherum: Christys Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie in einer Kleinstadt in West Virginia, ihre Begeisterung fürs Boxen, die von ihren Eltern ebensowenig akzeptiert wird wie ihre Beziehung zu Rosie. Der erfolgreiche Trainer Jim Martin scheint ihr Ticket aus der Enge des Elternhauses zu sein. Allerdings gibt der sich von Anfang an als Arschloch. Er ändert sich über die kommenden Jahrzehnte nicht, in denen er ihr Manager und Ehemann wird und Christy einen Erfolg nach dem anderen einfährt. Insofern ist es schwierig nachzuvollziehen, warum sie nicht früher das Weite gesucht hat. Trotzdem hält man als Zuschauer zu ihr. Die Kampfszenen sind dynamisch fotografiert, Sydney Sweeney spielt Martin mit Hingabe und Ben Foster überzeugt als furchteinflößender Lappen. LARS TUNÇAY

Strange River

Strange River

E/D 2026, R: Jaume Claret Muxart, D: Jan Monter Palau, Nausicaa Bonnín, Francesco Wenz, 105 min

Fünf Katalanen radeln durch Deutschland. Mutter Mónica ist dieselbe Strecke schon vor 25 Jahren einmal gefahren. Vater Albert nutzt die Tour, um möglichst viele architektonisch sehenswerte Orte aufzusuchen und seine Familie mit nerdigen Details zu nerven. Die drei halbwüchsigen Söhne des Paares haben sich mehr oder weniger ihrem Schicksal zwischen Radeln in brütender Hitze und Zeltaufbau im strömenden Regen ergeben. Der älteste von ihnen, der 16-jährige Dídac, hat an seinem ersten Liebeskummer zu knabbern, denn sein Freund Gerard scheint ihn nur küssen zu wollen, wenn er betrunken ist. Bei einem Zwischenstopp trifft er auf Alexander und die beiden Jungs düsen gemeinsam auf einem kleinen Motorboot davon, um allein zu sein. Die Vorkommnisse in Jaume Claret Muxarts Langfilmdebüt sind größtenteils recht unspektakulär und scheinen eher dem wahren Leben abgeschaut, als den haltlosen Fantasien eines Drehbuchautors entsprungen zu sein. Als Zuschauer sollte man sich auf ein gemächliches Erzähltempo einstellen können. Claret Muxart hat aber ein Talent dafür, seine Kamera als stillen Beobachter einzusetzen und somit dicht an seine Figuren heranzukommen. Da er dabei das erste Liebesabenteuer eines Teenagers in den Vordergrund stellt, erinnert der Film an André Téchinés »Wilde Herzen« und den darin behandelten Sommer des Begehrens und der Selbsterkenntnis. Frank Brenner

Staatsschutz

Staatsschutz

D 2026, R: Faraz Shariat, D: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, 113 min

Staatsanwältin Seyo Kim wird nicht als Heldin eingeführt, aber das ungute Gefühl der Bedrohung bringt uns ihr schnell näher. Und schnell wird das Gefühl bestätigt: Sie überlebt einen Anschlag. Seyo lässt Ermittlungen einleiten, doch die Staatsanwaltschaft mauert. Sie solle sich raushalten aus den Untersuchungen. Seyo engagiert aber eine Anwältin, will das System von innen heraus aufbrechen. Ein System, das auf dem rechten Auge blind ist – wie mitunter im realen Leben. Man denke nur an die InRa-Studie über Rassismus in staatlichen Institutionen, die im Februar 2026 veröffentlicht wurde. Dem neuen Film von Faraz Shariat gingen lange Recherchen durch die Autorinnen Claudia Schaefer, Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim voraus. Der NSU, der Fall Oury Jalloh, die Anschläge von Halle und Hanau, der Neukölln-Komplex und die damit verbundenen Untersuchungen waren nur ein Teil der realen Fälle, auf die sich »Staatsschutz« bezieht. Dabei ging es den Autorinnen um die Frage, warum antifaschistisch eingestellte Menschen staatliche Institutionen meiden und das Feld dem rechten Spektrum überlassen. Schon der jüdische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der die Auschwitz-Prozesse vorantrieb, soll gesagt haben: »Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland.« Er beschrieb so die Isolation, in der er arbeitete. Seyo sucht sich Verbündete, um für eine wehrhafte Demokratie zu kämpfen. Ein spannendes Plädoyer für Gemeinschaft und Widerstand auch im ländlichen Raum. NADINE FAUST

Gentle Monster

Gentle Monster

AT/F/D/S 2026, R: Marie Kreutzer, D: Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase, 115 min

Als die erfolgreiche Pianistin Lucy eines Morgens erwacht, steht die Kriminalpolizei in der Wohnung und verhaftet ihren Mann Philip. Das Paar war gerade erst mit ihrem neunjährigen Sohn aus der Stadt aufs Land gezogen, wollte einen Neustart wagen. Lucy versteht nicht, was vor sich geht, bis sie bei der zuständigen Beamtin Elsa vorstellig wird – in der Ermittlungsabteilung gegen Kinderpornografie. Lucy weiß nicht mehr, was oder wem sie glauben soll. Ihrem Mann, der jede Schuld von sich weist, oder den erdrückenden Beweisen? War sie blind all die gemeinsamen Jahre lang? Marie Kreutzer (»Corsage«) schildert die Ereignisse konsequent aus Lucys Perspektive. Ähnlich wie Justine Triet ihre Hauptdarstellerin Sandra Hüller im Cannes-Gewinner »Anatomie eines Falls« lässt die Regisseurin auch Léa Seydoux durch einen Albtraum aus Ungewissheiten und Gesetzen irren. Die Realität des Betrachters hängt dabei immer von Lucys Erkenntnissen und Zweifeln ab. Zweifel schleichen sich ein und zersetzen die gemeinsamen Erinnerungen. Über zwei Stunden entwickelt sich ein geschickt geschriebener Spannungsbogen, der voll und ganz auf Seydoux’ Präsenz setzt. Die französische Charakterdarstellerin trägt das packende und bis in die Nebenrollen glänzend besetzte Beziehungsdrama auch durch einige inszenatorische Schlenker, die vom eigentlichen Kern eher ablenken. LARS TUNÇAY

Der Heimatlose

Der Heimatlose

D 2026, R: Kai Stänicke, D: Paul Boche, Philip Froissant, Emilia Schüle, 122 min

Bereits mit den ersten Bildern seines Spielfilmdebüts macht Kai Stänicke klar: Die Ereignisse der folgenden zwei Stunden sind inszenierte Realität. Die Häuser nur Fassade, dahinter offene, eingerichtete Räume vor den grünen Hügeln der Insel Norderney. Ein Ensemble von Dorfbewohnern tummelt sich davor, als Hein nach 14 Jahren in seine Heimat zurückkehrt. Damals zog er aufs Festland, um der Enge des Insellebens zu entfliehen und sein Glück zu suchen. Er fand aber schließlich nur die Sehnsucht nach der Heimat, die er gleichermaßen verabscheut. Nun ist er also wieder da, trifft auf seine erwachsene Schwester, die demente Mutter, seinen Freund Friedemann und die ihm Angetraute Greta. Nur scheinen sie ihn alle nicht zu erkennen. Jeder und jede im Dorf zeigen Zweifel an seinen Aussagen. Seine Erinnerungen sind lückenhaft und doch weiß er Dinge, die nur der echte Hein wissen kann. Ein Dorftribunal soll klären, ob er die Wahrheit spricht und wieder in die Gemeinschaft aufgenommen oder aus ihr verbannt wird. Ob der Fremde wirklich der ist, der er vorgibt zu sein, bleibt auch für den Zuschauer lange im Dunkeln. Wie Stänickes Drehbuch das Rätsel auflöst, ist bemerkenswert und verleiht der Geschichte Aktualität. Das Spiel mit den Kulissen funktioniert wie schon bei Lars von Triers »Dogville« erstaunlich gut. Die überzeugenden Hauptdarsteller im Ensemble sorgen dafür, dass die Geschichte über die Lauflänge von zwei Stunden glaubwürdig und fesselnd bleibt. LARS TUNÇAY

Sunny Dancer

Sunny Dancer

GB 2026, R: George Jaques, D: Bella Ramsey, Neil Patrick Harris, Daniel Quinn-Toye, 106 min

Die 17-jährige Ivy hat gerade eine schwere Krebserkrankung überstanden. Seit zehn Monaten befindet sie sich in Remission, will jedoch keinesfalls auf ihre Krankheitsgeschichte reduziert werden. Ihre Eltern halten es für eine gute Idee, sie in ein spezielles Sommerlager in den schottischen Highlands zu schicken, eins für Teenager mit ähnlichem Schicksal. Ivy reist mit der Erwartung ins »Chemo-Camp«, die schlimmste Zeit ihres Lebens zu haben. Dort trifft sie allerdings auf neue Freunde, die dem Schicksal ins Gesicht lachen. »Sunny Dancer« ist klassisch warmherziges Coming-of-Age-Sommerkino, mit einem Twist: Wo Filme wie »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« auf die Tränendrüse zielen, werden hier die Lachmuskeln anvisiert. Mit Erfolg: Der Humor ist sehr britisch, geradeaus und ziemlich finster. In der Umarmung mit dem Tod werden die Wochen für die Jugendlichen zur Feier des Lebens. Im Mittelpunkt eines glänzenden Ensembles frischer Gesichter steht Bella Ramsey (»The Last of Us«) als Ivy. Als völlig überforderter Camp-Leiter Patrick ist Neil Patrick Harris (»How I Met Your Mother«) an Bord. »Sunny Dancer« glänzt außerdem mit einem wunderbaren Sommer-Soundtrack mit Songs von Jamie xx, Fred again und den Cranberries. Zudem hat der britische Singer-Songwriter James Blunt einen herrlich selbstironischen Gastauftritt im Camp. LARS TUNÇAY

Hiddensee

Hiddensee

D 2025, Dok, R: Annekatrin Hendel, 119 min

In atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern fährt die Kamera an der Küste Hiddensees entlang. Die dabei rezitierte Liste an prominenten Besucherinnen und Besuchern sowie Bewohnerinnen und Bewohnern scheint kein Ende zu nehmen, galt die Insel doch vielen schon immer als nostalgischer Sehnsuchtsort. Aber Regisseurin Annekatrin Hendel schaut in ihrem neuen Dokumentarfilm über das Urlaubsidyll hinaus, war Hiddensee – in den vergangenen 100 Jahren ebenso wie heute – doch auch immer Sinnbild für die Geschehnisse auf dem Festland. Von Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann und Filmstar Asta Nielsen bis hin zum Konflikt zwischen Hochkultur und Ballermann – anhand ehemaliger und aktueller Bewohnerinnen und Bewohner wird die Entwicklung der Insel von den zwanziger Jahren über den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Teilung und Wiedervereinigung bis hin zu aktuellen politischen Debatten erzählt. Die Schwarz-Weiß-Bilder lassen die Zeiten miteinander interagieren und teilweise verschwimmen, mit dem deutlichen Hinweis, dass Geschichte sich auch immer wiederholen kann. Einzig die Stimme der jüngeren Generationen wirkt seltsam abwesend, was den Ausblick in die Zukunft etwas unscharf macht. Insgesamt ist Annekatrin Hendel aber ein poetischer Blick auf Land und Leute gelungen, bei dem sich definitiv das Schauen auf der großen Leinwand lohnt. Für den Soundtrack zeichnet dabei Rammstein-Keyboarder Flake verantwortlich. Hanne Biermann

Everytime

Everytime

AT/D 2026, R: Sandra Wollner, D: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, 124 min

Eine quadratische Sonne über dem azurblauen Meer. Ein Titel, der alles und nichts sagt. »Everytime« ist ein Rätsel. Der dritte Spielfilm der österreichischen Filmemacherin Sandra Wollner (»The Trouble with Being Born«) ist ein Raum, den man beim Betrachten mit den eigenen Gedanken füllen kann. Zunächst einmal ist da der ganz normale Alltag einer dreiköpfigen Familie, den Gregory Oke (»Aftersun«) wunderbar beiläufig filmt, als säße man mit auf dem Sofa. Ella kümmert sich allein um ihre beiden Kinder, Teenagerin Jessie und ihre kleine Schwester Melli. Durch einen plötzlichen Todesfall kommt Jessies Freund Lux in dieses Gefüge und die Verarbeitung von Verlust wird zum Grundthema des Films. Eine surreal überhöhte Perspektive nimmt den Raum ein. Die Atmosphäre verdichtet sich und bleibt gleichermaßen schwebend. Wer sich an der Handlung festhält, verliert bald das Gleichgewicht. Darauf muss man sich einstellen. Ob man dem Film bis zur konsequenten Auflösung, die mehr Fragen aufwirft als Antworten zu liefern, folgt, ist eine Frage der Offenheit. Ist man bereit, wird man mit einem großartigen, natürlich spielenden Ensemble belohnt, aus dem Birgit Minichmayr als Mutter heraussticht. In Cannes wurde »Everytime« mit dem Hauptpreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet. Eine spirituell wie auch formal bereichernde Kinoerfahrung, ein frischer Ansatz, Film neu zu denken, und ein unvergessliches Erlebnis. LARS TUNÇAY

Bitteres Fest

Bitteres Fest

E 2026, R: Pedro Almodóvar, D: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, 111 min

Das Casting verläuft ungewöhnlich. In einem Stripclub trifft die Werberegisseurin Elsa den jungen Feuerwehrmann Bonifacio, der als Tänzer sein Gehalt aufbessert. Die beiden verbringen eine Nacht zusammen. Bald sind sie ein Paar und Bonifacio ist das Gesicht von Elsas neuer Kampagne. Anderswo in Madrid steckt Filmemacher Raúl Durán in einer schweren Krise. Die großen Filme hat er alle schon gedreht. Durán weiß nicht, wohin mit sich – bis jemand in seinem Umfeld einen Schicksalsschlag erleidet. Kann er vielleicht Kapital daraus schlagen? Pedro Almodóvars »Bitteres Fest« ist eine Art inoffizielle Fortsetzung von »Leid und Herrlichkeit«. Wieder widmet sich der Spanier im Film dem Filmemachen. Und wieder ist er am besten in den ganz intimen Momenten. Unaufdringlich fängt die Kamera noch die kleinsten Regungen ein: einen Kuss, einen Augenaufschlag, eine flüchtige Berührung. Statt Hollywoodstars spielen diesmal Größen des spanischen Kinos. Der Rest ist vertraut. Es geht um Kunstwerke, Drehbücher und Zusammenbrüche. Fiktionale Szenen mischen sich mit dem realen Leben: Assistenten wollen nicht als Stoff benutzt werden. Die Kreativen verstecken sich hinter ihren Sonnenbrillen. Man könnte so viel Selbstbespiegelung ermüdend finden. Doch wer erzählt sonst so schön von der Schwermut? Wer bietet diese Farben und im tiefsten Schmerz so heitere Erkenntnisse? »Bitteres Fest« überzeugt – bis ins berührende Finale. Josef Braun