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Rüdiger Safranski

Rüdiger Safranski

Kafk a. Um sein Leben schreiben. München: Hanser 2024. 256 S., 26 €

Rüdiger Safranski.

Kürzlich erst sinnierte Alexandra Moe in The Atlantic darüber, dass wir alle falsch lesen würden. Um den Kern eines Werkes zu erkennen, sollten wir laut (vor)lesen. Das meinte auch Sven Regener im österreichischen Standard, als er über Kafka sprach (dessen Werke er eingelesen hat). Erst beim lauten Lesen erschließe sich der mehrdimensionale Kafka und dies bestärke »den Eigensinn« des Lesers. Ganz still und leise rezipiert hingegen der Germanist Rüdiger Safranski den Prager Autor. Eingangs steht hier Kafkas Diktum: »Ich […] bestehe aus Litteratur, ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.« Der Satz wird zum Kanon des Buches, in dem Safranski versucht, dem Autor beim Schreiben zuzuschauen. Kafka erlaubte dies aber nur während seiner Jugend und auf dem Totenbett. Die Zeit dazwischen ist der Deutungshoheit wie Überzeugungsarbeit des Deuters überlassen. Safranski scheint angesteckt zu sein von der Ekstase, die Kafka beim Schreiben empfand, und versucht, dessen Leben poetologisch zu ergründen. Seine Gegner sind die vielen Lesarten, unter denen Kafka »fast zu verschwinden« drohe. Im Ergebnis schaltet Safranski in den ihm vertrauten Modus des Biografen und gräbt bekannte Geschichten aus der Perspektive der literarischen Existenz seines Studiensubjekts aus – eine Perspektive, aus der Kafka eher zu einem von Roland Barthes’ »Papierwesen« wird. Als solches ist er dann Katalysator für wiederholte Auslegungen des literarischen Vermächtnisses. So kann Safranski den Kafka-Biografen Reiner Stach oder Klaus Wagenbach nur in seiner leicht zugänglichen wie stark gerafften Schreibweise etwas entgegensetzen. Die hier erschlossenen Lebenssituationen passen sich am Ende in die von Kafka einmal selbst gezogene Bilanz ein: »Ich habe nicht gelebt, ich habe nur geschrieben.« Marcel Hartwig


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