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Die wichsende Witwe von London

Fulminantes Comeback: In „Irina Palm“ bietet Regisseur Sam Gabarski der großen Rocksängerin Marianne Faithfull eine Paraderolle

Ein Euphemismus ist laut Duden ein Wort mit mildernder oder beschönigender Umschreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort. Maggie, treue Witwe aus der mittelständischen Vorstadt Londons, hört dieses Wort das erste Mal in ihrem Leben. Sie sucht dringend Arbeit – ihr über alles geliebter Enkel ist schwer krank, die rettende medizinische Versorgung kostet ein Vermögen, das Haus ist schon verkauft und die letzten Reserven aufgebraucht. Auf der Suche nach einem Job stolpert ebendiese Maggie in den Sexclub „Sexy World“. Angelockt vom

Ein Euphemismus ist laut Duden ein Wort mit mildernder oder beschönigender Umschreibung für ein anstößiges oder unangenehmes Wort. Maggie, treue Witwe aus der mittelständischen Vorstadt Londons, hört dieses Wort das erste Mal in ihrem Leben. Sie sucht dringend Arbeit – ihr über alles geliebter Enkel ist schwer krank, die rettende medizinische Versorgung kostet ein Vermögen, das Haus ist schon verkauft und die letzten Reserven aufgebraucht. Auf der Suche nach einem Job stolpert ebendiese Maggie in den Sexclub „Sexy World“. Angelockt vom Schild „Hostess gesucht“ sitzt sie dem Clubbesitzer Miki gegenüber und glaubt, als Hostess koche man Kaffee und würde ein bisschen putzen. Aber das Wort Hostess ist natürlich der Euphemismus. Miki sucht keine Putzfrau, sondern eine Hure – genauer gesagt eine Frau, die geschickt mit ihren Händen ist und Männern einen runterholt.
Geschockt lehnt Maggie ab, doch der Duft des großen Geldes lässt sie über ihren eigenen, naiv-normalen Schatten springen. Denn die Arbeit im ältesten Gewerbe der Welt ist doch eigentlich nur ein verdammt normaler Job. Und so fährt Maggie, die sich schon bald Irina Palm nennt, jeden Morgen mit dem Vorstadtzug nach London, sitzt in einer Kabine und wichst Männer.

Was ihr am Anfang noch schwerfällt – der Ekel und die Abneigung gegen die zu verrichtende Arbeit stehen ihr förmlich ins Gesicht geschrieben –, wird schon bald zum Alltag. Die Wichs-Kabine wird zu ihrem Wohnzimmer. Mit geblümter Kittelschürze sitzt sie an einem kleinen Tischchen, die Vaseline steht akkurat auf einer kleinen Spitzentischdecke, daneben die Tupperdose gefüllt mit Stullen, die Thermoskanne mit frischem Kaffee und ein kleiner Strauß Blumen. Das Stillleben, das eben noch über dem Sofa hing, kommt als Zierde an die kahle graue Wand mit dem Loch in der Mitte. Durch dieses Loch stecken die Herren ihr Gemächt, und Maggie/Irina greift zur Vaseline und wichst. Mit durchschlagendem Erfolg. In gewissen Kreisen gilt sie schon bald als beste rechte Hand von London.
Marianne Faithfull, britische Pop-Ikone der 60er Jahre und ehemalige Dauerfreundin von Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger, blüht in ihrer Rolle förmlich auf. Aufgequollen, mit einigen Pfunden zu viel auf den Rippen quält sie sich anfangs als Maggie durchs Leben. Einzig die Liebe zu Sohn und Enkel gibt ihr Halt. Doch nach und nach findet sie Selbstvertrauen. Ihr schlurfender Gang in viel zu großen Kreppsohlenstiefeln wird aufrichtiger, fast würdevoll.
Faithfull, die eigentlich meist mehr durch ihre Liebesbeziehung zu Jagger und ihre anhaltende Drogensucht auf sich aufmerksam gemacht hat, erlebt nach ihrer Krebserkrankung ein furioses Comeback. Nach kleinen Gastauftritten in Patrice Chéreaus „Intimacy“ und Sofia Coppolas „Marie Antoinette“ kann Faithfull endlich wieder in einer Hauptrolle beweisen, dass sie schon immer eine große Schauspielerin war.

Ihre Körpersprache und ihre Gesichtsausdrücke sind so exakt und feinfühlig, dass es eines überflüssig macht: das Zeigen von Penissen. Denn wer glaubt, Irina Palm sei ein billiger, schlecht fotografierter Softporno, der irrt. Es ist kein einziger Penis zu sehen, keine einzige Masturbation. Nur die geschmeidigen, magischen Hände von Maggie füllen in Großaufnahme die Kinoleinwand aus. Ebendieser Verzicht ist der große Gewinn des Films. Allein die Andeutung der sich auf und ab bewegenden Hand von Maggie, die „lustvollen“ Geräusche der Männer und das Schmatzen der Vaseline reichen aus, um das anzudeuten, was nicht gezeigt werden muss.
In seinem zweiten Spiefilm nach „Der Tango der Rashevskis“ verzichtet Regisseur Sam Garbarski bewusst auf Vulgarität und Obszönität, getreu dem Motto: Weniger ist mehr. Garbarski klagt das Handeln von Maggie nicht an, trotz ihrer Naivität und Einfachheit wird sie in keiner Sekunde bloßgestellt. Vielmehr schafft er mit entsättigten Farben und weichen Kontrasten ein poetisch komponiertes Zusammenspiel zwischen Kamera und Schauspielern. Die Kamera ist immer ganz dicht dabei, folgt Maggie, zeigt behutsam, wie sie zum Beispiel vor dem Spiegel im Badezimmer steht und ihre Armmuskeln spielen lässt.
Nicht nur die Bildästhetik ist angemessen, reserviert britisch, auch auf der Ebene des Humors beweist Regisseur Garbarski Geschick. Spitzzüngige Dialoge zwischen Clubbesitzer Mik und Maggie und ihre lakonischen Selbsteinschätzungen wechseln sich unterhaltsam ab. Die schmerzhafte Entzündung der Sehnenansätze im rechten Arm, im Volksmund auch als Tennisarm bekannt, wird von ihr als Penisarm deklariert. Aber zum Glück hat sie ja noch eine linke Hand.

„Irina Palm“ ist eine herzzerreißende, humorvolle und zugleich bittere britische Sozialkomödie über eine Frau in den besten Jahren, die nicht nur das erste Mal in ihrem Leben von anderen Anerkennung und ein bisschen Liebe erntet, sondern auch von sich selbst. Beim Kaffeekränzchen mit den (ehemals) besten Freundinnen outet sie sich selbstbewusst: „Ich bin Irina Palm. Ich bin die Beste.“ Und diesmal ist es kein Euphemismus.

ab 14.6., Passage Kinos
Film

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