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Singende Kleiderständer

Riccardo Chaillys »Maskenball« entpuppt sich als teurer Langweiler – die KREUZER-Kritik aus dem Dezemberheft 2005

»Du kannst ganz ruhig sein, Riccardo. Unsere Liebe beschützt dich.« Mit diesem Text eröffnet der Opernchor den lange erwarteten »Maskenball« – die erste Musiktheaterproduktion unter der Leitung von Riccardo Chailly. Die Worte sind nicht an den Maestro im Orchestergraben gerichtet, gelten vielmehr, Liebe hin, Liebe her, der drei Stunden später ermordeten, gleichnamigen Hauptfigur. Doch auch der Gewandhauskapellmeister übersteht diese im Vorfeld hochgepuschte Verdi-Oper nicht ohne Blessuren, eine solch desaströse Inszenierung hat die Oper seit Wolfgang Engels »Aida« (2004) nicht mehr gesehen.

»Du kannst ganz ruhig sein, Riccardo. Unsere Liebe beschützt dich.« Mit diesem Text eröffnet der Opernchor den lange erwarteten »Maskenball« – die erste Musiktheaterproduktion unter der Leitung von Riccardo Chailly. Die Worte sind nicht an den Maestro im Orchestergraben gerichtet, gelten vielmehr, Liebe hin, Liebe her, der drei Stunden später ermordeten, gleichnamigen Hauptfigur. Doch auch der Gewandhauskapellmeister übersteht diese im Vorfeld hochgepuschte Verdi-Oper nicht ohne Blessuren – eine solch desaströse Inszenierung hat die Oper seit Wolfgang Engels »Aida« (2004) nicht mehr gesehen.

Riccardo Chailly hat sich den »Maskenball« als Antrittswerk an der Oper ausgesucht, mit Ermanno Olmi den Regisseur bestimmt, die Solisten durchgesetzt. Das Ergebnis lässt nur den Schluss zu, dass der Stardirigent neben seinem Faible für italienische Musik auch die auf traditionsbewussten Bühnen seiner Heimat oft anzutreffende Bewegungsstarre für theatertauglich hält.

Augen zu und durch: Wer sich drei Meter vom Souffleurkasten entfernt, steht nicht mehr im Licht. Drei Sekunden vor dem Einsatz muss der Solist nur noch zum Dirigenten blicken – und dann als singender Kleiderständer brillieren. Chöre, die gelegentlich wie Möbel über die Szene geschoben werden, keinerlei schauspielerische Ansätze – ein kostümiertes Konzert eben.

Bis zur Uraufführung 1859 hatten Verdi und sein Librettist allerlei Ärger mit Zensurbehörden, mussten das Werk aufgrund befürchteter politischer Anspielungen umschreiben. Diese Brisanz ist heute nicht mehr zu verarbeiten: Mann liebt Frau seines Freundes und wird von diesem getötet, obwohl er die Frau (Amelia) gerade wegen dieses Männerbundes nie berührt hat. Mehr ist nicht.

Für die kostspielig mit zahlreichen Gästen gespickte Produktion wurde überregional mit teuren ganzseitigen Anzeigen geworben, der Anbruch einer neuen musikalischen Ära versprochen. Doch auch wenn Chailly noch zum Gott ausgerufen wird, er muss mit Wasser kochen. Sein Orchester spielt präzise, liebt die satten Ausbrüche, überdeckt dabei aber gelegentlich die Sänger. Grandios die Überleitung zu der als Igel kostümierten Wahrsagerin (Anna-Maria Chiuri). Die gastierenden Solisten bleiben erdverbunden: Massimiliano Pisapia hat anfangs stimmliche Probleme, in seine Partie zu finden. Szenisches Spiel ist offenkundig nicht seine Stärke. Franco Vassallo gibt einen erstklassigen Renato, Chiara Taigi die umbuhlte Amelia. Wenn sich beim Zuschauer zum tragischen Finale hin aber überhaupt kein emotionales Musikerlebnis herstellt, klemmt es mit der Interpretation, auf der Bühne und im Orchestergraben.

Dabei muss erwähnt werden, dass ausgerechnet Ensemblemitglied Eun Yee You (als Page Oscar) mit dem Gastensemble nicht nur mithalten kann – sie spielt die Italiener schlicht an die Wand. Zum eigentlichen Maskenball erscheint die Gesellschaft gekleidet wie zum Ball der Star-Wars-Konföderation (Ausstattung: Arnaldo Pomodoro), dafür gibt es Szenenapplaus. Am Ende in den animierten Jubel hinein (OBM Tiefensee und Intendant Maier erhoben sich schon demonstrativ, als nur der Chor auf der Bühne stand) zahlreiche Buhrufe.


Musiktheater

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