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Zürichblog – Die erste Woche

Von heute an immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 1: Mein Vermieter und ich.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 1: Mein Vermieter und ich

Es fiel mir nicht leicht, meinem Vermieter zuzuhören. Ich sah ihm beim Sprechen zu, mehr ging nicht. Er sprach so langsam, dass ich ständig seine Sätze vervollständigen wollte und ging mit Wörtern so sparsam um, als seien sie aus Gold, aber das war gar nicht der Grund. Es waren diese sieben langen Haare vorn an seinem Hals. Ich habe sie gezählt, während wir uns unterhielten. Sie waren dunkel und kräuselten sich und lagen wie hingeworfen auf der blassen Haut, als könne man sie wegwischen. Ich überlegte, ob es die ersten Brusthaare waren oder die letzten Barthaare. Und ich überlegte, was er sich dabei dachte. Sie waren genau mittig, im gleichen Abstand zwischen Kragen und Kinn. Rasierte er sich im Dunkeln? War es Absicht? Irgendwas Religiöses? Zwischendrin unterschrieb ich irgendetwas und dachte darüber nach, dass nichts einfacher ist, als mich aufs Kreuz zu legen. Jedes Kind könnte das. Vielleicht rufe ich mal demnächst bei 9Live an, dachte ich. Da muss ich nicht mal mehr das Haus verlassen, um aus mir einen Idioten zu machen. Was hatte ich hier eigentlich gerade unterschrieben? Egal, weg damit, sehe ich bestimmt nie wieder. Diese Haare. Sieben Stück. Hatten sie etwas zu bedeuten? Vielleicht war es eine Art chiffrierter Hilferuf.

Züricher Wege

Mein Vermieter war mir eine Sekunde, nachdem ich seinen Vorgarten betreten hatte, sportlich federnden Schrittes entgegen gekommen. Die Schlüssel trug er vor sich her und nestelte daran herum, als zähle er sie zum zehnten Mal. Im Übrigen war es wirklich höchstens ein Sekunde. Ich hatte das Gartentor noch nicht einmal geschlossen, als er bereits um die Hausecke flitzte und die Schlüssel sortierte. Mein Vermieter bot mir das Du an, bevor ich überhaupt etwas gesagt hatte: „Grüezi, wir sagen Du, oder?“, sagte er auf. Er versuchte, offen zu sein, aber alles an ihm erzählte, dass das gänzlich gegen seine Natur ist. Es funktionierte auch nur kurz, nach wenigen Sätzen siezten wir uns wieder. Wir waren uns einfach zu fremd. Es klappte nicht. Wir versuchten Du zueinander zu sagen, aber es klappte einfach nicht.

Auf dem Weg in mein Zimmer erklärte er mir, wie eine Schweizer Tür funktioniert. Den Schlüssel stecke man hier rein und drehe ihn dann, sehen Sie, und dann könne man anhand der Klinke die Tür öffnen. Wahrscheinlich lenkt er sich nur selbst ab, dachte ich, in Wirklichkeit kontrolliert er die Schlösser. Er hat jedes Schloss dreimal geöffnet und geschlossen und an der verriegelten Tür gerüttelt und mir erklärt, wie das hier funktioniert und dabei immer seine Brille wieder auf die Nase geschoben. Zwischen der Straße und meinem Bett gibt es nicht weniger als fünf verschließbare Türen. Ich habe den Verdacht, dass mein Vermieter ein wenig wahnsinnig ist. Das hier ist Zürich-Stadtrand, nicht Kandahar. Außerdem ist es ein reines Holzhaus und die Türen sind so morsch, dass man die Schlösser auch einfach ignorieren kann, falls man hier tatsächlich eindringen wollte. Man kann die Türen einfach eindrücken. Das ist wirklich kein Problem, ein größerer Hund würde in das Haus fallen, wenn er sich gegen die Tür lehnt. Ich habe zehn Minuten mit meinem Vermieter gesprochen und alles, was ich über ihn weiß, ist, dass er neurotisch und paranoid ist, im Erdgeschoss wohnt und einen eigenen Eingang hat.

Uniterrasse mit Ausblick über die Stadt

Ich wohne hier in einem kleinen, niedrigen Zimmer ohne Heizung, aber „wenn man die Tür zum Flur offen lässt, dann geht das“, hat mein Vermieter gesagt. Das Zimmer kostet nur etwa 100 Euro mehr als mein Leipziger Zimmer und damit habe ich einen guten Fang gemacht. Zürich hat ein Verhältnis zu Geld, das ich noch nicht ganz durchschaut habe. Man merkt das immer nur als Kleinigkeiten. Ich habe zum Beispiel in einem Multiplexkino einen extrem gewöhnlichen Werbespot für irgendein Mobilfunkdingens gesehen. Das 16-jährige Mädchen, das da in dem Spot in irgendeiner blinkenden Szenebar das Mobilfunkerlebnis visualisiert hat, hatte allerdings ein Telefon von Prada in der Hand. Es war nur ganz kurz zu sehen, denn darum ging es nicht. Aber es war eben kein Sony oder Nokia oder ein anderes Kleine-Leute-Massenmist. Prada wars.

Oder noch so etwas: Am Tag meiner Ankunft hat die „Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“ über ein Mädchen namens Anja Dällenbach berichtet, dass 2005 einen Schweizer Model-Wettbewerb gewonnen hatte und seitdem auf der ganzen Welt unterwegs war und überall „Schauen gelaufen ist“, wie man, glaube ich, sagt. Nach ein paar Monaten hat sie allerdings entdeckt, dass das Modebusiness total „oberflächlich“ ist und dass es da „nur ums Aussehen“ geht. Sie ist also erschrocken aus dem Geschäft ausgestiegen und hat dann der „NZZ am Sonntag“ etwas sehr Interessantes gesagt: „Es mag wie ein Plattitüde klingen, aber wissen Sie, warum wir Schweizer so selten erfolgreich sind als Model? Wir Schweizerinnen haben es nicht nötig, wir können auch mit weniger harten, aber befriedigenderen Jobs Geld verdienen und gut davon leben.“ Darüber sei sie sehr froh. Sie könne jetzt wieder mehr Volleyball spielen.

Ich habe mir die Zeitung gleich am Bahnhof gekauft und sie noch in der Vorhalle gelesen, während ich noch auf meinen Koffern saß. Über mir hingen verschiedene EM-2008-Skulpturen an der Decke und die meisten Leute hatten an diesem Sonntagmorgen ein Snowboard unterm Arm. Ich war 15 Minuten in der Schweiz und wusste noch überhaupt nichts, aber ich hatte das Gefühl, dass Anja Dällenbach mir einiges über dieses Land hier erzählt hat. Mir ist noch nicht klar, was genau, aber es kam mir wichtig vor.

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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