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Zürichblog – Die sechste Woche

Immer donnerstags – der »Zürichblog« von Felix Stephan. Teil 6: Golfgespräche

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unterwegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Eigentlich studiert Felix Stephan Journalistik und Germanistik in Leipzig. Er ist aber auch literarisch gut unter- wegs, sein erster Roman schlummert noch in den Schubladen diverser Verlage. Seit Mitte Februar verbringt Felix ein Erasmus-Semester in Zürich. Von dort berichtet er von nun an jeden Donnerstag im »Zürichblog« auf kreuzerONLINE aus seinem neuen Leben.

Teil 6: Golfgespräche

Mein Golflehrer heißt Marco mit »c«. Marko mit »k« klingt nach Hoyerswerda, Marco mit »c« nach Portobello. Er spricht seinen Vornamen aber auch so aus, dass er nicht klingt wie in »Marko Rehmer«, sondern wie in »San Marco«. Er wohnt im Tessin, in der Nähe des Lago Maggiore, in einem Dorf, dessen Namen ich mir nicht merken kann. Locarno ist es nicht. Sein Landsitz sei gleichzeitig seine erste Adresse, normalerweise sei das andersrum. In dem Dorf sei er geboren und aufgewachsen und wenn er sich über die Touristen beschwert, dann über die in Locarno, nicht die in Zürich. Hier besitzt er nur eine kleine Wohnung, weil er hier arbeitet.

Vor dem Unterricht spricht Marco immer auf italienisch mit einer attraktiven Frau seines Alters und lehnt sich dabei zurück und seine Augenbraue tut, als gehöre sie Sky Dumont. Die Stunde selbst eröffnet er dann immer mit einer relativierenden Bemerkung, wie: »Sie möchte mir nur etwas verkaufen, das ist wirklich deprimierend. Ich kaufe nichts. Es ermüdet mich so.« Er macht einen sehr gelassenen Eindruck, spricht fast nur in Witzen und beherrscht es meisterlich, sich nicht zu viel und nicht zu wenig für einen zu interessieren. Er hat zu allem etwas zu sagen, tut das aber nicht über Gebühr und wenn er etwas nicht weiß, hat man in ihm einen gierigen Zuhörer. Das einzige Mal, dass ich seine millionärshafte Entspanntheit für eine halbe Sekunde habe zittern sehen, war der Moment, in dem ich ihm gesagt habe, dass ich erst 24 bin. Das hat ihn ziemlich gestört, glaube ich. Er ließ in der Folge keine Gelegenheit aus, zu bemerken, wie alt, gebrechlich und übergewichtig er sei, wobei nur Letzteres wahr ist. Er erfand sogar Gelegenheiten und machte mir Komplimente über meine Schlankheit. Er stellte sich neben mich vor den Spiegel, in dem man seine Körperhaltung beim Schwung analysiert, verglich unsere Körperumfänge und sagte »Madonna«. Fast hätte ich ein schlechtes Gewissen bekommen, aber es legte sich, als er erfuhr, dass ich ein Ossi bin. Ich selbst würde das nie so ausdrücken. Ich sage, ich komme aus Berlin, dem Ostteil der Stadt, und gehöre dem ersten Jahrgang an, der nicht mehr in der DDR eingeschult wurde und deshalb nie ein Pioniertuch bekommen hat. Für Marco war ich sofort »aha, ein so genannter Ossi«.
»Naja, Marco, das sagt man jetzt nicht unbedingt so.«
»Wenn du mich einen alten Fettsack nennst.«
Wenn man erzählt, dass man Golf lernt, ist das immer erklärungsbedürftig, weil man in den Verdacht gerät, seinen Kragen hochzustellen, wenn keiner hinguckt, und den Scheitel nochmal nachzuziehen. Ein Freund von mir hat deswegen immer gesagt, dass er Cross-Golf spielt, was ein geschickter Zug ist, denn alles mit der Vorsilbe »Cross« ist sofort rechtfertigungsbefreit und duftet nach Freiheit. Cross-Biking, Cross-Skiing usw. Dieselbe Funktion als Wildheits-Indikator hat die Vorsilbe »Street«, wie in Streetball oder Streetdance. Am aufregendsten müsste daher im Grunde »Streetcrossing« sein, ist es aber gar nicht.

Der Züricher See

Fünfzig Prozent des Golfunterrichts bestehen übrigens aus Übungen im Golfsprech. Marco und mein einziger Mitschüler, der promovierende Althistoriker Michael, führen Dialoge, die genau so sind, wie ich mir Golf-Dialoge immer vorgestellt habe:
»Das ist aber auch unschön, dass man jetzt bei der UBS von »verospeln« spricht.«
»Ah, tut man das? Wegen Marcel Ospel?«
»Ja, das habe ich gehört.«
»Das ist aber schade, er ist der Onkel meiner besten Freundin.«
»Das muss er aushalten, hat ja auch dreißig Millionen verdient.«
»Na, jetzt nicht mehr.«
»Nein, jetzt nur noch zwei.«
»Kann die UBS eigentlich bankrott gehen?«
»Nein, das ist nicht möglich. Sie ist der größte Vermögensverwalter der Welt. Eher geht die citi ein.«

Es sind Gespräche über allgemeine Wirtschaftsthemen, die eine besondere Nähe zum Geschehen suggerieren, ohne darauf zu bestehen. Ich durchschaue das noch nicht. Ich weiß nicht, wieviel die beiden tatsächlich wissen und gucke mir deshalb währenddessen lieber im Spiegel meine Taille an. Die Erwachsenen-Gespräche, die ich kenne, handeln von Jahresurlaub, Schlamperei beim Garantieservice und Ärzten. Bis jetzt hangele ich mich allerdings noch ganz gut durch mit meinem SpiegelOnline-Wissen über Wirtschaft, dafür ist alles unverbindlich genug: »Die Deutsche Bank musste ja jetzt auch gerade – heute, um genau zu sein – bekannt geben, dass sie ihre eigene Gewinnprognose bezweifelt«, habe ich gestern zum Beispiel gesagt.

»Ja, aber der Joe Ackermann, das ist ein Guter«, wandte Marco dann ein und zwar so nachdrücklich, als hätte ich es bezweifelt. Sein Vater habe mit ihm schon in einer Bank in Lugano gearbeitet, da war der Joe noch ein junger Mann. Und sein Vater habe schon damals gesagt, der Joe, das ist einer, der ist überdurchschnittlich.
So klein kann doch dieses Land gar nicht sein, denke ich auf dem Heimweg von meiner ersten Stunde, dass hier jeder mit einem Wirtschaftsboss verwandt oder bekannt ist, der zwischen 15 und 25 Millionen Euro im Jahr verdient. Wieso erwähnt eigentlich niemand seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu DJ Bobo? Der ist schließlich auch Schweizer, aber den scheint überhaupt niemand zu kennen.

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Felix Stephan? zuerich@kreuzer-leipzig.de
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