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»Rampengesang ist asozial«

Peter Konwitschny, designierter Chefregisseur der Oper, über geistloses Musiktheater, die mögliche Zusammen- arbeit mit Riccardo Chailly und einen Leipziger »Ring«

Im Dezember 2007 fragte Interimsintendant Alexander von Maravic bei Peter Konwitschny an, ob dieser nicht Lust habe, Opernintendant in Leipzig zu werden. Der Regisseur verneinte, weil er sich für ungeeignet halte, mit Politikern umzugehen, dies aber zum Job des Intendanten gehöre. Doch Maravic gab nicht auf. Einen Monat später modifizierte er sein Angebot, bot einen bis dato nicht existenten Posten als Chefregisseur an.

Im Dezember 2007 fragte Interimsintendant Alexander von Maravic bei Peter Konwitschny an, ob dieser nicht Lust habe, Opernintendant in Leipzig zu werden. Der Regisseur verneinte, weil er sich für ungeeignet halte, mit Politikern umzugehen, dies aber zum Job des Intendanten gehöre. Doch Maravic gab nicht auf. Einen Monat später modifizierte er sein Angebot, bot einen bis dato nicht existenten Posten als Chefregisseur an. Nach kurzer Bedenkzeit sagte Konwitschny zu – vorausgesetzt, Maravic würde den Intendantenposten fest übernehmen. Im März, während Konwitschny die Wiederaufnahmeproben zu seiner »La Bohème« leitete, wurde der Chefregisseursvertrag beim Oberbürgermeister unterzeichnet. Der Berufung Maravics auf den Intendantenstuhl muss der Stadtrat noch zustimmen.

Konwitschny soll in den nächsten sechs Jahren jeweils zwei Inszenierungen in Leipzig verantworten. Der geringere Teil davon sind aber Neuproduktionen. In der Mehrheit handelt es sich nach derzeitigem Stand um Übernahmen von Inszenierungen, die der Regisseur bereits an anderen Bühnen produziert hat – bei ihm eine gängige Arbeitsmethode. Im kreuzer spricht der Starregisseur über seine Leipziger Pläne.

kreuzer: Peter Konwitschny und die Leipziger Oper – wie soll das zusammengehen?

PETER KONWITSCHNY: Ich habe bislang noch nichts gesehen, höre nur ganz schlimme Sachen. Es ist die Meinung vieler hier am Haus, dass manche Werke sofort aus dem Spielplan rausmüssen, weil es auf der Bühne so schlechtes Theater ist. Das glaube ich den Leuten hier – und da müssen wir halt sehen, dass wir manches schnell durch Besseres ersetzen können. Darum geht es erst mal.

kreuzer: Sie wollen mit zwei Inszenierungen pro Spielzeit das Haus prägen, daneben wählen Sie Sänger und Regisseure aus. Demnach kommt jetzt die völlige Umkehr vom Stil der Intendanz Henri Maiers?

KONWITSCHNY: Ich kann diese Aufführungen noch nicht bewerten, dazu fehlte die Zeit. Meine Auffassung von Musiktheater aber ist klar: Man kann Oper nicht wie ein Auto behandeln – was wollen die Leute haben, und das liefern wir dann. Das ist beim Auto vernünftig, nicht bei der Oper. Wir geben Millionen aus – und wenn dafür nichts auf der Bühne stattfindet, nur Rampengesang, nichts von Bedeutung, dann ist das asozial. Das ist rausgeschmissenes, schmutziges Geld. Schmutz gehört zum Leben, aber das ist Schmutz im negativen Sinn. Solches Nicht-Theater verdirbt Geist und Geschmack.

kreuzer: Solche Aufführungen gibt es nicht nur in Leipzig, aber hier waren viele dieser Aufführungen gut besucht …

KONWITSCHNY: Ich wundere mich, warum Leute da sogar mehrfach hingehen, wenn sie so was Geistloses gesehen haben – die sind verbildet. Da müssen wir viel leisten, um den Leuten zu zeigen, wie toll Oper sein kann. Wir müssen die holen, die geistig noch nicht tot sind. Die müssen begreifen: Wir können da wieder hingehen! Es wird eine Durststrecke kommen, auch Publikum wegbleiben …

kreuzer: … in der Ära Zimmermann führte ambitioniertes Theater zu einem leeren Haus.

KONWITSCHNY: Wir müssen mit den Leuten arbeiten. Ich werde Interessenten zu Proben einladen, Einführungen werden stattfinden. In meiner Hamburger Zeit – mit elf Inszenierungen – haben wir das geschafft.

kreuzer: Dort hatten Sie mit Ingo Metzmacher aber auch einen Dirigenten, der mit Ihrem Theaterstil mitgegangen ist. Bei Riccardo Chailly scheinen da zumindest Zweifel angebracht.

KONWITSCHNY: Ich konnte noch nicht mit ihm sprechen. Wenn er wenig hier vor Ort ist, ist es schwierig, die GMD-Funktion auszufüllen. Aber wenn er Freude bekommt an dem, wie ich Theater mache, dann kann dies eine enorme Schubkraft geben – er ist ja ein guter Dirigent. Demnächst werden wir beide in Leipzig sein, und da treffen wir uns dann, und dann gibt es ein Gespräch darüber, ob wir miteinander arbeiten wollen. Ich bin offen dafür.

kreuzer: Aber dass der GMD vorab nicht einmal von Ihrer Verpflichtung informiert wurde, scheint merkwürdig …

KONWITSCHNY: Na ja, das ist weder mein Verschulden noch von irgendjemand anderem an der Oper. Das ist eine Angelegenheit der Stadt. OBM Jung hat erzählt, er habe danach eine Stunde mit Chailly gesprochen, um die Situation auszubessern. Ich setze darauf, dass Chailly nicht eingeschnappt ist. Er kann ja verstimmt sein, aber irgendwann muss das vorbei sein. Was soll er dazu auch sagen? Konwitschny will ich nicht? Burkhard Jung hat angedeutet, dass er in der Sache einverstanden sei, aber nicht damit, wie es gelaufen ist.

kreuzer: Welche Rolle hat der Dirigent, hat die Musik überhaupt für Ihr Verständnis von Musiktheater?

KONWITSCHNY: Perfekte Töne reichen nicht aus, da findet keine Oper statt, Musiktheater muss auf der Bühne zu erleben sein. Natürlich sollte beim Sänger ein bestimmtes Leistungsvermögen vorhanden sein. Wenn einer 90 Prozent beim Singen bringt und dafür gut spielt, dann würde ich den lieber nehmen als einen, der 100 Prozent Gesang bringt und nur rumsteht auf der Bühne. Wir prüfen genau, wer hier inszeniert, denn der Regisseur ist wichtiger als Sänger und Dirigenten. Er ist der zentrale Mann, und ich hoffe, wir greifen da nicht zu oft bei Verpflichtungen daneben.

kreuzer: Die Institution Oper haben Sie oft als hinderlich für die Musiktheaterproduktion gesehen. Wie ist die Situation jetzt in Leipzig?

KONWITSCHNY: Das Leitungsteam zieht begeistert mit. Ich habe ja auch nur zugesagt, weil der Rahmen stimmt. Natürlich ist der Opernbetrieb eher schwerfällig, aber daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Und es gibt in jedem Chor ein paar, die langsamer sind, die träumen. Aber man kann aus blinden Hühnern wertvolle Mitarbeiter machen, wenn man sie motiviert, ihnen Aufgaben gibt. In Leipzig fühle ich mich wohl.

kreuzer: Wie geht es überhaupt, einen Regisseur, von dem man glaubt, er sei bis an sein Lebensende ausgebucht, kurzfristig so intensiv an Leipzig zu binden?

KONWITSCHNY: Bis vor einem Jahr steckte ich in einer Krise. In dieser Zeit habe ich alle Neuproduktionen abgesagt, das betrifft die nächsten zwei Jahre. Dafür sind viele Remakes reingekommen. Und die kann ich nebenbei noch machen, weil sie von Assistenten vorbereitet werden. Aber bei allem trotzdem vorhandenen Zeitdruck möchte ich der Leipziger Oper mit meinen Inszenierungen eine Richtung geben.

kreuzer: Werke von Luigi Nono, Paul Dessau und Alban Berg haben Sie schon angekündigt. Wie sieht es denn nun mit einem »Ring« aus?

KONWITSCHNY: Vier Werke binden zu viel Zeit. Wenn Riccardo Chally es will, würde ich »Rheingold« neu inszenieren, »Walküre« und »Siegfried« übernähme ein Kollege, der auf meinem Level arbeitet, also kein Anfänger, sondern einer von den guten. Und dann käme meine »Götterdämmerung«, die ich schon in Stuttgart inszeniert habe …

kreuzer: … als Übernahme.

KONWITSCHNY: Ja, diese »Götterdämmerung« kann ich nicht besser machen, die kann überhaupt keiner besser machen. Ich habe noch nie ein Stück grundsätzlich verändert, wenn ich es an einem anderen Ort noch mal ins Programm genommen habe.

kreuzer: Seit über 100 Jahren hat es keine Oper mehr ins Repertoire geschafft, neue Kunstformen blühen dagegen. Wird Oper nicht künstlich am Leben gehalten?

KONWITSCHNY: Das Theater lehrt uns: Das tut man, und das tut man nicht. Das steckt hinter dem Prinzip der moralischen Anstalt. Und das lehrt uns die Musik, indem sie uns sensibilisiert. Aber das hat alles nur einen Sinn, wenn der Mensch mehr ist als ein Konsument. Möglich, dass sich die zivilisatorische Entwicklung bereits auf diesem Stand befindet. Wenn nicht, bleibt es wichtig, Oper und Schauspiel zu spielen, aber mehr noch Oper, weil da die Musik als Kraft noch dabei ist. Und dann kann der Sinn eben nicht nur in Ablenkung und Eventkultur bestehen. Der Sinn bleibt, menschenbildend zu arbeiten, damit wir nicht wieder in die Barbarei abstürzen. Und da wir alle nicht beurteilen können, wo die Menschheit jetzt genau steht, machen wir weiter.

kreuzer: Sehen Sie sich eigentlich selbst noch Operninszenierungen anderer an?

KONWITSCHNY: Selten. Ich habe natürlich meine Schüler, die ich fördere und deren Arbeiten ich kenne. Ansonsten gehe ich nur ab und zu in die Oper. Wenn man nach zehn Minuten weiß, der Abend ist wieder verschenkt, das Ende ist absehbar – ich bin 63 … Vor 20 Jahren habe ich da noch nicht dran gedacht.


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