anzeige
anzeige
Kultur

High Energy

Einmal war keinmal: Das Internationale Fotografiefestival F/Stop stemmt seine zweite Ausgabe und setzt auf eine interessante Art der Kunstvermittlung

  High Energy | Einmal war keinmal: Das Internationale Fotografiefestival F/Stop stemmt seine zweite Ausgabe und setzt auf eine interessante Art der Kunstvermittlung

Am Anfang waren alle ziemlich skeptisch. Als Kristin Dittrich im letzten Sommer ein internationales Festival für künstlerische Fotografie in Leipzig aus der Taufe hob, hielten das viele für eine Eintagsfliege. Eine junge, unerfahrene Festivaldirektorin mit einem Mini-Budget und so gut wie ohne Sponsoren? Die erste Ausgabe von F/Stop wurde abwartend aufgenommen.

Am Anfang waren alle ziemlich skeptisch. Als Kristin Dittrich im letzten Sommer ein internationales Festival für künstlerische Fotografie in Leipzig aus der Taufe hob, hielten das viele für eine Eintagsfliege. Eine junge, unerfahrene Festivaldirektorin mit einem Mini-Budget und so gut wie ohne Sponsoren? Die erste Ausgabe von F/Stop wurde abwartend aufgenommen.

Doch dann kamen rund 3.000 Besucher, um den Parcours junger Fotografie im Leipziger Westen zu sehen. Ein Jahr und Dutzende Gespräche mit potenziellen Förderern später können Dittrich und ihre Festivalmanagerin Sylvia Pollex sagen: »Wir finden definitiv, dass wir jetzt sehr ernst genommen werden.« Der Erfolg aus dem Stand verdankt sich nicht zuletzt einer gehörigen Portion Hartnäckigkeit der Festivalchefin. Wer je mit ihr zu tun hatte, behält ihre fordernde emotionale Energie in bleibender Erinnerung. Dittrich sagt: »Wir wollens einfach machen. Das ist alles.«

Das Resultat: In der Werkschauhalle auf der Spinnerei wird das Herzstück des Festivals, die Gruppenausstellung »Closer«, zu sehen sein. Eine große Gruppenausstellung junger katalanischer Fotografen, das Ergebnis des Fotowettbewerbs »Fallen«, die Schau Re-Generation mit Fotografien, die gezielt mit Bildbearbeitungsprogrammen manipuliert wurden, und eine Ausstellung der HGB-Fachklasse von Tina Bara schließen in Ladenlokalen auf der Karl Heine-Straße und im Industriebau Westwerk an. Star bei den eingeladenen Shows ist Katharina Bosse. Die in namhaften internationalen Sammlungen vertretene Fotografin zeigt Arbeiten aus ihrer Gruppe »Surface Tension« – in einem Raum mit Fotografien des Leipzigers Erasmus Schröter.

»Closer« wird sich mit 22 Künstlern und rund 130 Arbeiten des Verhältnisses von Nähe und Distanz zwischen Fotograf, Bild und Betrachter annehmen. Der Schweizer Rudolf Steiner etwa zeigt Fotografien von Mäusen, die seine Katze (aus Liebe zum Herrchen?) zerfetzt hat: Köpfe und Gedärm, an der Grenze zum Ekelerregenden. Doch wer ist das Monster: die Katze oder der Fotograf? Zerstörerische Nähe – Indifferenz des Betrachters ausgeschlossen.

Kristin Dittrich (Mitte) und Mitstreiter bei der Auswahl
Boris Eldagsen hat in »Safety by numbers« Menschen in alltäglichen Situationen fotografiert und auf dem Bild Zahlen um sie herum angeordnet. Die bilden anhand eines Indexes Durchschnittswerte von Sicherheit und Unsicherheit ab, denen die Personen im konkreten Moment ausgesetzt sind. Das Beispiel Eldagsen berührt ein Grundproblem konzeptueller Fotografie: Wie viel mitgebrachtes Wissen braucht der Betrachter, um ein Bild zu „verstehen“? Das Festival geht die Frage mit einem ganz speziellen Kunstvermittlungsprogramm an. Dittrich fragt: »Warum machen wir nicht die Lesbarkeit von Fotografie selbst zum Thema?« Geladene Gäste aus der internationalen Fotografieszene sollen Spontanführungen durch die Ausstellung unternehmen: intuitive Bildbeschreibungen gegen die Angst des Betrachters vorm hermetischen Bild. Pollex: »Wir vertreten ganz klar die Linie, dass man kleine Brücken bauen kann.«

Dass F/Stop in der Stadt anders aufgenommen wird als noch vor einem Jahr, lässt sich stellvertretend am Statement von Michael Berninger ablesen. Der Kunstvereins-Vorstand und culturtraeger-Chef ist einer der Festivalsponsoren und sagt: »Am Anfang vermittelte F/Stop den Anspruch, wir machen alles besser, alles neu, als gäbe es in Leipzig kaum Beschäftigung mit Fotografie. Das hat mich damals gestört. Überzeugt hat mich dann, dass sie ein brillantes Festival hingelegt haben. Das war das Entscheidende.«

Ziel von Dittrich und ihren Mitstreitern ist nach wie vor, einen ganzjährig arbeitenden Anlaufpunkt für Fotografie zu schaffen. Dass dieser Traum nicht nur am Geld hängt, zeigt ein Blick auf die verstreuten und wenig vernetzten Leipziger Institutionen, die sich mit Fotografie beschäftigen. Berninger: »Ich wünsche F/Stop sehr, dass es seine Euphorie auch in bestehende Leipziger Strukturen trägt.«

Auch aus der Hochschule für Grafik und Buchkunst kommen dieses Jahr Vorschusslorbeeren fürs Festival – zwischen leicht distanzierter Zurückhaltung und vorbehaltloser Unterstützung. Rektor Brohm, selbst Fotografieprofessor an der HGB, sagt: »Ich finde das grundsätzlich eine schöne Sache, die nicht nur in erster Linie die Auseinandersetzung mit Kunst betrifft, das natürlich auch, sondern die auch eine Art touristischen Aspekt für Leipzig beinhaltet.« Brohms scheidender Kollege Helfried Strauss meint dagegen: »Es fällt mir nicht schwer, im entschiedenen Engagement von F/Stop und seinem rigorosen Idealismus eine für Leipzig überfällige Initiative auszumachen.«


Kommentieren


0 Kommentar(e)