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»Und natürlich kann geschossen werden!«

Uli Edels Aufarbeitung der RAF im »Baader Meinhof Komplex« ist der Versuch einer Zerstörung des Heldenmythos

RAF! Ein Mythos! Ein Mythos von Opfern und Tätern, Jägern und Gejagten, Justiz und Selbstjustiz! Viel besprochen, viel gedeutet und jetzt wieder Thema. Oder immer noch?

RAF! Ein Mythos! Ein Mythos von Opfern und Tätern, Jägern und Gejagten, Justiz und Selbstjustiz! Viel besprochen, viel gedeutet und jetzt wieder Thema. Oder immer noch? Zum einen bildet sie ein Stück prägender deutscher Geschichte, zum anderen ist die Thematik des Terrors aktueller denn je im Hinblick auf die beängstigende Entwicklung von weltweit agierenden Terrororganisationen. Abgesehen vom Nationalsozialismus wurde im Deutschland des 20. Jahrhunderts kein Thema mehr analysiert, konstruiert, verfilmt. So versucht sich auch Regisseur Uli Edel (»Wir Kinder vom Bahnhof Zoo«) an dem RAF-Stoff und orientiert sich bei seinem Film »Der Baader Meinhof Komplex« an dem gleichnamigen Bestseller von Ex-Spiegel-Chefredaktuer Stefan Aust.

Aber was wäre eine Bernd-Eichinger-Produktion ohne Glanz und Gloria? Was wäre, wenn es eine rechtzeitige Pressevorführung zum Film gegeben hätte? Hat es nicht. Und so liegt der Schwerpunkt bei dieser vorausschauenden Filmbesprechung auf wenigen Trailerminuten. Erstaunlich genug, dass es möglich ist, zehn Jahre RAF-Geschichte in zwei Stunden zu pressen; noch erstaunlicher, wenn diese zehn Jahre als zwei Stunden noch mal auf werbeträchtige drei Minuten komprimiert werden. Die spannendsten und aussagekräftigsten Szenen des Films werden auf wenige knackige Minuten zusammengeschnitten, müssen dabei nicht zwingend dem Filminhalt entsprechen, vermitteln aber einen Eindruck von der Bildästhetik, die im besagten Fall vor allem mit permanenter Reizüberflutung aufwartet.

Eine für deutsche Filme unübliche Hollywoodästhetik mit rasanten Schnitten, Verfolgungsfahrten und Gewaltszenen erinnert an einen actionreichen Politthriller. Die radikalen Bilder zeigen politische Unruhen, eine Schlägerei, Explosionen, Diskussionen, eine Schießerei und darübergelegte politische Phrasen, von denen Martina Gedeck als Ulrike Meinhof den Signalsatz per se verkündet: »Und natürlich kann geschossen werden!« Am Ende dann die Aufzählung der Crème de la Crème deutscher Schauspieler, die diesen Film vermutlich zum schauspielerischen Novum machen, neben Frau Gedeck allen voran Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin. Vielleicht gelingt es ihnen ja, den Terroristen ein glaubhaftes Gesicht zu geben, sie wie angekündigt vom Heldenstatus zu entthronen und gleichzeitig eine Erklärung zu finden für den Blutrausch und die gnadenlose Selbstjustiz.

Vielleicht wird alles aber auch ganz anders. So genau wissen wir das nicht. Was wir allerdings wissen, ist, dass »Der Baader Meinhof Komplex« nach dem Hitlerbunkerdrama »Der Untergang« einen Platz in der ersten deutschen Liga populärkultureller Zeitgeschichtsbewältigung beansprucht. Die große Beteiligung öffentlicher Filmförderung und der ARD Degeto unterstreichen das öffentliche Interesse an diesem Projekt. Mitten im 30. Jubiläumsjahr des »Deutschen Herbst« 1977 und der Debatte um Christian Klars abgelehntes Begnadigungsgesuch lenkte der Film schon vor Beginn der Dreharbeiten den Fokus der Presse auf sich.

Erst zwei Tage vor Bundesstart am 25. September war es Journalisten vergönnt, einen Blick auf das Werk zu werfen. Die Einladungen des Filmverleihers Constantin für die Münchener Sondervorführung wiesen ausdrücklich darauf hin, dass Besprechungen des Films vor dem 17. September mit einer Strafe von 100.000 € geahndet würden. Sperrfristen und Autorisationspflichten sind keine Seltenheit mehr. Dass dies aber mit der Regulierungsmaßnahme von Constantin überhandnimmt, findet auch der Deutsche Journalisten-Verband (DJV), dessen Bundesvorsitzender Michael Konken die Strafandrohung für völlig inakzeptabel erklärt. Das konsequenteste Beispiel für die Befolgung dieses Aufrufs gibt die Online-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung, die als Antwort auf die Beschränkungen jegliche Berichterstattung über den Film abgelehnt hat, die Printausgabe schließt sich dem Boykott nicht an. Feuilleton-Chef Andrian Kreye stellte aber klar, dass man »nicht nach den Vorgaben eines Knebelvertrages« berichten werde.

Bevor der Film zu sehen ist, scheint schon im Sinne der Filmemacher festzustehen: Es ist »intelligentes Action-Kino mit wissenswertem Inhalt«, urteilte die Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW). Der Film versuche, sowohl den Terroristen wie auch den Vertretern der Staatsgewalt durch eine objektive, distanzierte Beschreibung beider Seiten gerecht zu werden. Ob nun die Gründe für die PR-Strategien des Verleihers damit zu tun haben, mediale Gleichberechtigung (was ist mit den Opfern?) zu wahren, die Erwartungen auf den Film zu schüren oder aber mögliche negative Kritiken vorausahnend zu verhindern, sei dahingestellt. Auf jeden Fall sind es Versuche, subtil die öffentliche Meinung zu kontrollieren, und das tut sicherlich keiner Seite gut – auch nicht dem deutschen Film.

ab 25.9., CineStar
Film

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