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»Selbstausbeutung und Devotismus«

Die Berliner Politologin Isabell Lorey warnt Studenten und Studentinnen vor Selbst-Prekarisierung

Eine akademische Ausbildung reicht heute nicht, um einen Job zu finden. Deshalb suchen viele Uni-Absolventen den Weg in die Freiberuflichkeit. Die Kultur- und Kreativarbeiter und -arbeiterinnen werden bereits als Hoffnungsträger neuer, nachindustrieller wirtschaftlicher Erfolge gefeiert. Ein Gespräch mit Isabell Lorey über die Ausbeutung von Akademikern und die Gefahren des Selbstbetrugs.

Eine akademische Ausbildung reicht heute nicht, um einen Job zu finden. Deshalb suchen viele Uni-Absolventen den Weg in die Freiberuflichkeit. Als Journalist oder Autor, Web-Dienst-Anbieter, Architekt, Designer, Lektor, Übersetzer oder freier Wissenschaftler hoffen die Hochqualifizierten auf eine existenzsichernde Selbstständigkeit. Die Kultur- und Kreativarbeiter und -arbeiterinnen werden bereits als Hoffnungsträger neuer, nachindustrieller wirtschaftlicher Erfolge gefeiert. Ein Gespräch mit Isabell Lorey über die Ausbeutung von Akademikern und die Gefahren des Selbstbetrugs.

kreuzer online: Sie üben Kritik an den häufig als alternativ geltenden Lebensentwürfen der neuen Selbstständigen. Warum?

ISABELL LOREY: Diese Lebens- und Arbeitsweisen sind heute nicht mehr als alternativ zu bezeichnen. Alternativ waren sie vielleicht in den 70er und 80er Jahren in Westdeutschland – für die DDR kann ich dazu nichts sagen –, als sie eine Alternative zum männlichen Normalarbeitsverhältnis darstellten, also Festanstellung, geregelte Arbeitszeiten, bezahlte Überstunden, Kranken- und Urlaubsgeld und eine sichere Rente. Was sich ehemals alternativ nennen konnte, waren Lebens- und Arbeitsweisen, die mit einer Kritik an den Zwängen, Disziplinierungen und Kontrollen dieses Normalarbeitsverhältnisses verbunden waren. Bei den kreativ Selbstständigen von heute fehlt in der Regel jegliche Kritik an aktuellen ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnissen.

kreuzer online: Aber Selbstbestimmung und Unabhängigkeit sind doch Motive der neuen Selbstständigen – wenn man an die Thesen der »Digitale Bohème«-Autoren Holm Friebe und Sascha Lobo denkt.

LOREY: Was das Normalarbeitsverhältnis in der Regel nicht schaffte, schaffen die kreativ Selbstständigen: die fast grenzenlose Selbstausbeutung, Selbstdisziplinierung und Selbstkontrolle. Sie verrichten oft jene Arbeiten, die in Betrieben und Unis outgesourct wurden. Und sie sind nicht selten diejenigen, die in der Hoffnung, an den nächsten Auftrag zu kommen, Bedingungen akzeptieren, die allmählich den Standard für ganze Kreativbereiche bilden, seien es Anfragen, die über Nacht erledigt werden müssen oder generell schlecht bezahlt sind. Das Problem ist, dass es so gut wie kein Bewusstsein darüber gibt, wie die Verhältnisse, von denen man glaubt, man käme irgendwann aus ihnen heraus – durch große Aufträge oder Jobs in den Institutionen, die man ständig unter miesen Bedingungen zufüttert –, wie man genau diese Verhältnisse ständig mitproduziert, indem man sie akzeptiert und damit etabliert, um wieder an den nächsten, eigentlich unverschämten Auftrag zu kommen.

kreuzer online: Oft wird von der »Vermarktlichung der Lebensentwürfe« gesprochen – Studium im Ausland, um zwei oder drei Sprachen fließend zu beherrschen und die auf dem Markt geforderte Anpassungsfähigkeit zu trainieren, mindestens drei Praktika in unterschiedlichen Ressorts beweisen die Flexibilität, die der zukünftige Arbeitgeber abfragen wird. Trotzdem: Der erste Gang als Absolvent ist doch der zum Arbeitsamt. Was stimmt hier nicht?

LOREY: Es ist sicherlich eine neue Entwicklung, dass Praktika doch nicht in der Mehrzahl eine Möglichkeit bieten, in einen Job reinzukommen. Das hat sich aber mittlerweile herumgesprochen, so wie die unakzeptablen ausbeuterischen Verhältnisse. Vielleicht ist es genau das Problem, dass weiterhin schlecht bezahlte Praktika angenommen werden, und das den einzigen Effekt hat, ein leidensfähiges, nicht aufmuckendes PraktikantInnenselbstverhältnis zu entwickeln, das dann in die Selbstständigkeit mitgenommen wird. Nicht, weil ein solches Verhalten auf dem Arbeitsmarkt nicht gefragt wäre, sondern weil die Fähigkeit zur Kritik, zum Widersprechen, zum Weggehen, wenn es zuviel wird, sich schon im Praktikum verkniffen und langsam abtrainiert wird. Dabei sind Praktika dazu prädestiniert, das Widersprechen und Weggehen zu üben, denn es gibt sie unter schlechten Bedingungen wie Sand am Meer.

kreuzer online: In welchem Sinne sind die heute noch arbeitslosen Akademiker die Rolemodels von morgen?

LOREY: Sie sind nicht die Rolemodels von morgen, sondern von heute. Nicht weil sie arbeitslos sind, sondern weil sie sich oft als Kreative selbstständig machen, mit der Illusion der Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung. Dabei sind sie Vorreiter und Vorreiterinnen dafür, wie das neoliberale Diktum der Eigenverantwortlichkeit in immer mehr Berufszweigen zum vorherrschenden Modell avancieren kann. Existenzängste setzen sie um in einen permanenten Aktivismus von Projektarbeit, Antragschreiben, Akquise und Selbstvermarktung bis in Freundeskreise hinein und versuchen so, auch die Ängste zu regulieren, nicht gefragt zu sein. Das Absurde ist, man lernt zu leben mit diesen Ängsten, besser oder schlechter, und hört dabei nicht auf, das prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnis nicht nur als selbst gewählt, sondern auch als Selbstverwirklichung zu verklären. Strukturelle Zusammenhänge von Prekarisierung werden in der bei den kreativen Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeitern verbreiteten Selbst-Prekarisierung selten gesehen. Sie sind in ihrer Selbstbezüglichkeit wunderbar ausbeutbar. Das macht sie zu Rolemodels.

kreuzer online: Was sagen Sie einem Studenten oder einer Studentin der Politikwissenschaften oder Musikwissenschaften oder Kulturwissenschaften, was nötig ist, um mit dieser Ausbildung ein berufliches Profil von sich zu entwickeln?

LOREY: Ich werde ihnen versuchen zu vermitteln, dass wenn eine ökonomische und gesellschaftliche Umstrukturierung dermaßen über Subjektivierung – das heißt über das Verhältnis zum eigenen Leben, zu sich selbst – verläuft wie gegenwärtig, es darauf ankommt, die konformistischen Subjektivierungsmechanismen besser zu verstehen und kritische Positionen zu entwickeln, die nicht nur ein Wissen darüber betreffen, sondern ebenso veränderte Selbstverhältnisse. Ich bin mir sicher, dass angepasstes Verhalten, Selbstausbeutung und Devotismus in keiner Weise schneller zu Jobs führen, vor allem nicht zu den interessanten.

Texte von Isabell Lorey unter: http://www.eipcp.net/transversal/
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