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Gut aufgelegt

Die Musik-Rubrik

Jeden Donnerstag stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit: Bloc Party, Jazzanova, Ofrin, The Cure und Ursula Bogner

Jeden Donnerstag stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit: Bloc Party, Jazzanova, Ofrin, The Cure und Ursula Bogner

Bloc Party – »Intimacy«

Bloc Party – »Intimacy«

Desaster-Indie. Das neue BlocParty-Album ist schizophren: Der Name »Intimacy« klingt nach Wärme und Kuscheln, dabei ist das Album so kalt wie der frostige Wind, der uns neuerdings um die Nase weht. Es klingt, als hätte man den Song »The Prayer« des Vorgängeralbums auf 43:35 Minuten ausgedehnt. Breaks mit Sprechgesang und irgendwo unter einigen Samples versteckt auch Melodien. Die Kompositionen sind so unterkühlt, wie das grüne Licht in so mancher Clubtoilette im Keller. Es vereinen sich Nervenkitzel und Absturz.
Auf »Intimacy« kann man organisiertem Chaos zuhören: verzerrte Beats im abgehackten Stakkato, paranoide Choräle im Hintergrund. Weg vom Pop, aber wohin? Elektro-Punk ist ja schon anderweitig besetzt. Desaster-Indie würde passen. Die klaren Töne und tanzbaren Arrangements sind verschwunden, aber BlocParty zeigen, dass man auch mit jeder Menge Industrial Noise geniale Songs machen kann. Ist absolutely thrilling! Pia Volk

Jazzanova – »Of All The Things«

Jazzanova – »Of All The Things«

Soul. Beim zweiten Jazzanova-Album ist alles größer: das Label, die Liste der Gastmusiker und erst recht der Produktionsaufwand mit Streichern und Chor. Die Freude will sich dennoch nicht sofort entzünden. Die ersten Durchläufe hinterlassen ein gedämpftes Gefühl von handlichem Soul-Pop. Es braucht ein wenig Zeit, um zu begreifen, dass Jazzanova gereift sind, und zwar im besten Sinne. 2008 gilt es für das Berliner Kollektiv, die Authentizität des originalen Souls nicht mit Samples, sondern mit echten Instrumenten zu erzeugen und mit den Sound-Vorstellungen von heute zu verbinden. Dadurch klingen die Stücke weniger kantig und elektronisch als auf ihrem Debüt-Album »In Between« von vor sechs Jahren. »Of All The Things« beeindruckt schließlich durch seinen direkten, klaren und organischen Sound. Besonders deutlich wird dies bei den ruhigen Stücken »Little Bird«, »Morning Scapes« und »Dial A Cliché«. Irgendwo zwischen dem aktuellen Jamie Lidell und Justin Timberlake haben Jazzanova nun ihren Platz gefunden, und sie wirken heute mehr denn je wie eine Institution, die eigene Maßstäbe im modernen Soul setzt. Jens Wollweber

Ofrin – »On shore remain«

Ofrin – »On shore remain«

Herbstmusik für Feinfühlige. Kaum ein Album passt besser in den beginnenden Herbst als »On shore remain« von Ofrin. Ruhig und kuschelig kommt der Sound der israelischen Musiker Ofri Brin und Oded K.dar daher. Ein Genre für die Mittlerweile-Berliner zu finden ist kompliziert, aber auch völlig egal, Hauptsache die Musik überzeugt. Die Puzzelteile für Ofrins Sound sind unter anderem Jazz, dann wieder zarte elektronische Klänge und immer wieder Pop. Sehr verspielt und doch genau auf den Punkt entfalten sich die vielen kleinen Geräusche im Hintergrund, zart gezupfte Saiten ergänzen dies. Sanft schlängelt sich die Stimme von Sängerin Brin durch die zurückhaltende, doch in ihrer Präsenz sehr atmosphärische Klangwelt aus minimalistischen Tönen und wenigen Beats. »On shore remain« ist sehr melodiös und wird ein ums andere Mal vom Downbeat vorangetragen. An den Reglern saß der Produzent und Keyboarder von Moloko, Eddie Stevens. Dass er dem teils weltmusikalisch angehauchten Sound der Band eine Handvoll Elektroklänge verpasste, erweist sich als absolutes Plus für das Album. Sehr ruhig, entspannt und sehr herbstig. Holger Günther

The Cure – »4:13 Dream«

Dunkel-Pop. Ja,ja – meine Finger umschließen eine alte Liebe. Schlicht eingekleidet wie immer ist sie. Im Booklet keine Bilder, nur Worte, die ich früher noch verschlang, bevor sie sich zur Dauerrotation im CD-Player und mein umwölkter Schopf sich im Dunkeln unter Kopfhörern niederließ.
Da sind Bands, die zelebriert man. Bands, deren Logos auf tintenfleckigen Federtaschen stehen. Die Bands, deren Texte die Rückseiten von zerfledderten Papp-Schulheftern zieren. Bands, die damals die Quelle eines kleinen, aber klaren Rinnsals namens Musikgeschmack waren, das über die Jahre zu einem Strom anschwoll, dessen Ufer so weit auseinander liegen, wie heute die neuen Wohnorte der alten Clique. Und The Cure sind dann ein Name, den man sich mit sechzehn schon mal auf das Brustbein tätowieren lassen will, während Mutti mit der Sektenberatungsstelle telefoniert. Heute sind die Haare kaputttoupiert, aber die Platten (samt Japan-Pressungen) stehen immer noch alphabetisch geordnet und ganz vorne im Regal. »4:13 Dream« darf sich einreihen.
Die silbernen Noten, die wie in »Pictures of you« von der großen, großen Disintegration, gleich am Anfang direkt am Rückenmark entlangperlen, lassen keinen Zweifel zu. Da stehen sie stramm, die Härchen auf dem Arm, und der Magen knüllt sich zusammen wie ein tränennasses Taschentuch. Und ja, Pathos ist okay. Und die immer gleichen Basslinien auch. Und die Stimme, die auf ewig der Balsam meiner post-pubertären Nöte sein wird, sowieso. Liebe heißt Kompromisse eingehen. Und wenn der kleine dicke Mann, der auch jenseits der fünfzig noch nicht lernen wird, wie man Lippenstift richtig aufträgt, quietscht: »Oh I love what you do to my heart«, dann gebe ich das jauchzend zurück.
Und nee, tätowiert bin ich bis heute nicht. Aber ich trage ein Bild von Robert Smith und nicht von Mutti in meinem Portemonnaie. Ulrike Nimz

Ursula Bogner – »Recordings 1969 – 1988« (Faitiche)

Avantgarde-Elektro. Eine durchgeknallte Mutter, wer wünscht sich das nicht auch manchmal. Eine, die sich ein Musikzimmer mit Synthesizern einrichtet und sich in elektronische Sounds vertieft. Die Pharma-Fachfrau Ursula Bogner hat dies jahrelang getan, ohne dass sie an der Veröffentlichung ihrer Musik interessiert war. Dass die skizzenhaften Aufnahmen nun doch entdeckt wurden, ist einem Zufall zu verdanken: Jan Jelinek, Berliner Electronica-Klangforscher, lernte bei einem Flug nach Litauen den Sohn von Ursula Bogner kennen und war sofort von der Gegensätzlichkeit ihrer gewöhnlichen Biografie und der künstlerischen Experimentierfreude angetan, die bisher gänzlich verborgen blieb. Posthum – Ursula Bogner starb 1994 – wird ihr musikalisches Vermächtnis nun ausschnittsweise auf Jelineks neuem Label Faitiche veröffentlicht. 15 Skizzen sind auf dieser ersten Zusammenstellung enthalten, behutsam und bedacht arrangierte Synthesizerspuren, die ein Repertoire von Avantgarde, Krautrock bis Disco andeuten. Trotz des Skizzencharakters funktioniert jedes Stück bereits wie ein Mikrokosmos, mit sehr eigenen musikalischen und auch künstlerischen Assoziationen. Pop-Musik ist das freilich nicht, aber in ihrer etwas weltentrückten Art, verbunden mit der Geschichte von Ursula Bogner, übt diese Zusammenstellung tatsächlich eine große Faszination aus. Jens Wollweber


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