Startseite / Archiv | Blogs / off campus – Die fünfte Woche

off campus – Die fünfte Woche

Der neue Blog auf kreuzer online von Tobias Bernet. Teil 5: Ach, wir Klugen

Im Sommer zog Tobias Bernet mit Freunden von Zürich nach Leipzig-Lindenau. Den WG-Alltag und das Studentenleben in der neuen Stadt beschreibt der 23-jährige Gaststudent ab jetzt wöchentlich auf kreuzer online.

Im Sommer zog Tobias Bernet mit Freunden von Zürich nach Leipzig-Lindenau. Den WG-Alltag und das Studentenleben in der neuen Stadt beschreibt der 23-jährige Gaststudent ab jetzt wöchentlich auf kreuzer online.

Teil 5: Ach, wir Klugen

Da denkt man nun, man sei klug. Kein Wunder, wenn einem das ein Leben lang gesagt wurde. Die, die in der Schule gute Noten schreiben und schließlich studieren, das sind doch die Klugen.

Man muss heutzutage aber beileibe kein angehender Sozialwissenschaftler sein, sondern lediglich ein halbwegs aufmerksamer Zeitungsleser, um zu wissen, wie stark jeder Erfolg im Bildungssystem von der Herkunft abhängt. Ins Banale übersetzt also davon, ob man zu den Kindern gehörte, die von den Eltern einfach mittels Glotze ruhig gestellt wurden oder zu jenen, die sich artig an dem Wissen weideten, das sie im zum Geburtstag erhaltenen Kinderlexikon vorfanden (meines war vierbändig). Für Letztere hat sich in meinem Schweizer Freundeskreis die Bezeichnung „Coop-Kinder“ etabliert. Coop ist die, um wieder mal einen Helvetizismus zu gebrauchen, „mehrbessere“ der beiden Supermarktketten, die in geschwisterlicher Hassliebe und mit der gleichen Markenfarbe (orange) ungefähr 99.99 Prozent des Schweizer Einzelhandelsmarktes als eisernes Duopol untereinander aufgeteilt haben. Coop hat mehr Bio und Fair-Trade als Migros und Coop-Kinder klären, laut Slam-Poet Gabriel Vetter, dem wir diese nützliche Klassifizierung verdanken, schon in der Grundschule die prolligeren Migros-Kinder darüber auf, dass „ein Walfisch im Fall gar kein Fisch ist, sondern ein Säugetier“. (Ich kann mich noch genau an das Titelblatt meiner Lieblings-WWF-Wal-Broschüre erinnern.)

Die Soziologie bringt kaum je so eindringliche Modelle zustande, denn auch Soziologinnen und Soziologen sind kluge Leute, mithin ehemalige Coop-Kinder und denen wurde auch beigebracht, rücksichtsvoll und sensibel zu sein. Als ausgewachsene Wissensmenschen sind sie dann „differenziert“ und würden deshalb nie, wie oben geschehen, „prollig“ sagen, sondern beispielsweise „bildungsfern“. (Ich glaube aber nicht, dass die Bildungsfernen je gefragt wurden, ob ihnen das wirklich lieber ist.)

Da denkt man nun, man sei klug. Die „Klugheit“, die in unserer Gesellschaft zählt, ist aber eben nicht einfach eine Segnung Gottes beziehungsweise der Gene (an die unsere kluge Gesellschaft an des Erstgenannten statt mehr und mehr bedingungslos glaubt). Sondern diese Klugheit ist sozial bedingt, ist in erster Linie – ich Kluger weiß mir nicht anders zu helfen, als einen besonders Klugen zu zitieren – ein Habitus. (Manche Soziologie ist eben doch sehr brauchbar.)

Da denkt man nun, man sei klug, und fasst kluge Pläne. Wenn man zum Beispiel Kohle bestellt und nur einen viel zu feuchten Keller hat, baut man die alten Etagenklos zu Kohlelagern um. Die sind ja nicht mehr in Gebrauch und liegen noch näher bei der Wohnung. Da ist man nun so klug und hat am Telefon bei der Kohlefrau auch extra nachgefragt, wie voluminös man sich denn so einen Zentnersack vorstellen müsse, aber die ganzen 50 Zentner stellt man sich dann doch völlig falsch vor. Die Etagenklos reichen nirgendwo hin. Die Kohlelieferanten werden also angewiesen, den Rest einfach mal im Erdgeschoss, im Ladenlokal, das eigentlich für andere Nutzungen vorgesehen ist, hinzukippen. Später finden die klugen Leute heraus, dass sich der Keller eigentlich doch ganz ordentlich belüften lässt. Also wird der Kohleberg verschoben.

Da denkt man nun, man sei klug und denkt beim Kohleschaufeln über diese Welt der Klugheit nach, über diesen faszinierende Planeten namens Universität, auf dem man mit seinem Raumschiff privilegierterweise einen der Landeplätze hat ergattern können. Man denkt über Wissensmehrung nach und stößt die Schaufel zuunterst in den Kohlehaufen hinein. Schaufelt man von dort ein paar Briketts weg, rutschen die nächsten von selbst an die gleiche Stelle. Was beim Kohleschaufeln praktisch ist, überwältigt einen im Studium eher. Da soll man nun eine Magisterarbeit schreiben, hat ein paar Interessen, ein paar Themen im Kopf, beginnt sich darin einzulesen, und sobald man von etwas ein klein wenig eine Ahnung hat, ein paar Klugheitsbriketts verarbeitet sind, rutscht die damit verbundene nächste Ladung Klugheit nach. Ach, das könnte auch noch nützlich sein in diesem Zusammenhang, dieses ist auch relevant, jenes wurde soeben neu publiziert… Die kluge Redewendung von der Sisyphusarbeit liegt nahe. (Ich musste allerdings nachschlagen, wie man „Sisyphus“ schreibt.)

Kommentare, Fragen, Lob an den Autor Tobias Bernet? offcampus@kreuzer-leipzig.de
Magazin

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.