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Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Gossip, The Mars Volta und The Seasons

Jede Woche stellt die kreuzer-Musikredaktion neue Musik vor – zum Hören, Tanzen, Schwelgen, Spazieren, Joggen, Arbeiten und mehr. In dieser Woche mit Gossip, The Mars Volta und The Seasons.


Gossip – »Music for Men« (Columbia/Sony BMG)

Gossip – »Music for Men«

Queer-Ikone, Bible Belt-Aufmuckerin, Karl Lagerfeld-Muse, Indie-Maskottchen, Cover-Model. Das ist Beth Ditto, das It-Girl. Dass die »Rocklesbe im XXL-Format« (Stern.de) auch singt und mit ihrer Band Gossip seit zehn Jahren Musik macht, gerät bei all diesen Zuschreibungen leicht ins Hintertreffen. Die 28-Jährige aus dem erzkonservativen Arkansas hat sich trotz und dank ihres Körpervolumens einen Platz im stets blendend-schlanken Showgeschäft erkämpft. Da macht sie, was andere auch machen – und wenn das bedeutet, sich auf der Bühne auszuziehen. Ditto musste mit ihrer Band drei Alben veröffentlichen, bis in Großbritannien der Rummel um sie losging. Das vierte Album hat Starproduzent Rick Rubin mit mehr Synthesizern feingeschliffen, aber nicht weichgekocht. Mit dem Blues einer Dusty Springfield schmiegt sich Ditto an punkig-funkige Beatschleudern, die mit dem präzisen Krafteinsatz eines Tennisspielers beim Aufschlag für Schub sorgen. Viele der Refrains toben wie Schlachtrufe durch den Raum – rhythmisch-gezügelte Wutausbrüche aus dem Mund einer im Kirchenchor trainierten Sängerin. »A heavy cross to carry alone«, moniert diese auf der ersten Single. Soll heißen: Als Frau hat man es nicht leicht. Das ist Ditto, die Kämpferin für Frauenrechte und die Gleichstellung von Homosexuellen. Außergewöhnlich, diese Kombination aus uneingeschränkt tanzbarem, minimalistisch-kolossalem Dance-Punk und solch ernsthafter Lyrik über Außenseitertum. Gossip und ihre Frontsau sind mehr als ein Medienphänomen und »Music for Men« ist mehr als ein »feministisches Album für Männer«, wie die Band in einem Interview sagte. Es ist das beste, das Gossip gemacht haben. Man sollte endlich auf die Musik hören! Wie um das zu unterstreichen, blickt Schlagzeugerin Hannah Blilie mit ernstem Gesicht und burschikosem Kurzhaarschnitt vom CD-Cover. Von Beth Ditto keine Spur.Stefan Mühlenhoff


The Mars Volta – »Octahedron« (Warner Bros. Records)

The Mars Volta – »Octahedron«

Würden The Mars Volta jemals gewöhnlich oder – wie andere es ausdrücken –erträglich werden? Diese Frage stellte sich die halbe Musikwelt ganze vier Alben lang, welche allesamt zu den wohl genre-malträtierensten Marathons der neueren Musikgeschichte gehören dürften. Ob das geniale Grenzpulverisierung oder sinnentleertes Muckertum war, konnte jeder selbst entscheiden. Es gab allerdings nicht viel mehr als diese zwei Seiten. Auf »Octahedron« klingt die Band nun zum ersten Mal auf Anhieb greifbar. Kein verzweifeltes Suchen nach rhythmischen Anhaltspunkten, keine Reizüberflutung durch exzessives Klangschichten, keine durch 8-minütige Field-Recording-Zwischenspiele ausgelöste Orientierungslosigkeit. Wenn es im Mars Volta-Kosmos so etwas wie Pop gibt, dann hat er hierauf Einzug erhalten – inklusive eingängiger Melodien und erstaunlich tanzbaren Rhythmen. Denn während sich Schlagzeuger Thomas Pridgen auf dem Vorgängeralbum »The Bedlam in Goliath« noch um Metronom und Verstand trommelte, geht er auf dem aktuellen Tonträger doch deutlich entspannter und nachvollziehbarer zu Werke. Ein nicht geringer Anteil des Albums kommt sogar vollkommen ohne perkussive Begleitung aus, und wird nur getragen von umher schwirrenden Gitarren und der gewöhnungsbedürftigen Stimme Cedrix Bixlar-Zavalas. Einzig »Cotopaxi« epilepsiert in gewohnt überfordernder Salsa-Core-Manier vor sich hin und stellt somit Höhe- oder Tiefpunkt der Platte da – je nachdem welcher der beiden eingangs erwähnten Partei man angehört. Die Einen werden sagen, dass man die Band nun endlich anhören könne, ohne dabei Kopfschmerzen zu bekommen. Die Anderen wiederum, dass sie zum ersten Mal gewöhnlich klingt … und somit verzichtbar. Mario Helbig


The Seasons – »Undone« (City Centre Offices)

The Seasons – »Undone«

Drei Techno- und House-Producer verlassen den Club und verwirklichen ihren Electronica-Entwurf. Ganz nebenbei ist The Seasons eine kleine Supergroup, denn Sam Rouanet, Phil Stumpf und James Sindatry sind, jeder für sich genommen, als Label-Betreiber, Producer, Musiker und DJs zu einem gewissen Ruhm gelangt. Ihr gemeinsames Album »Undone« übersetzt die Club-Wurzeln der drei nun in einen neuen Rahmen. Die Chords und Melodien könnten häufig genauso gut zu einem Techno-Track passen, auch in der Dramaturgie der einzelnen Tracks gibt es immer wieder Déjàv-us zu Rave-Momenten. Nur die Rhythmik ist weitaus freier und insgesamt eher am Jazz orientiert. Das Jazz-Gefühl verstärken zudem extra eingespielte Instrumente wie Piano und Kornett. Diese abstrakte Vermischung von Jazz und Club-Musik ist an sich höchst spannend. Über die gesamte Laufzeit geht sie auf »Undone« auch weitestgehend auf. An manchen Stellen sind die Harmoniebögen leider zu nett und das Kornett ist zu kitschig. Doch eigentlich steckt eine Menge Potential hinter The Seasons. Jens Wollweber


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