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»Ich trage das Ramones-Erbe weiter«

Der zweite und letzte Ramones-Bassist C.J. Ramone im Interview

Die Ramones waren laut, kratzig und schnell. Wie kaum eine andere Band stehen sie für die wilden Anfänge einer Bewegung, die später unter dem Namen Punk die Welt erobern sollte. C.J. Ramone wiederum war von 1989 bis 1996 der zweite und letzte Bassist der legendären New Yorker Punkband

Die Ramones waren laut, kratzig und schnell. Wie kaum eine andere Band stehen sie für die wilden Anfänge einer Bewegung, die später unter dem Namen Punk die Welt erobern sollte. C.J. Ramone wiederum war von 1989 bis 1996 der zweite und letzte Bassist der legendären New Yorker Punkband.

13 Jahre nach dem letzten Ramones Konzert will es der auf den bürgerlichen Namen Christopher Joseph Ward getaufte noch einmal wissen und kommt für ein paar Termine nach Deutschland. Es folgt ein Gespräch mit dem ehemals vierten Teil einer musikalischen Legende.

kreuzer: Wie war es damals eigentlich beim Vorstellungsgespräch für die Position des Ramones- Bassisten?

C.J. RAMONE: Man könnte meinen, dass ich damals ziemlich nervös gewesen bin. Da ich aber nie daran glaubte, auch nur den Hauch einer Chance zu haben, überhaupt zum Proben eingeladen zu werden, war ich eigentlich ziemlich entspannt. Ich habe das Ganze als Möglichkeit gesehen, einmal die Ramones zu treffen. Ich war also aufgeregt vor dem Treffen, aber nicht wirklich nervös wegen des Spielens.

kreuzer: Hat dir die Band gleich an Ort und Stelle gesagt, dass du den Job bekommst?

C.J.: Nein. Ich habe über zwei Monate mehrmals mit ihnen geprobt. Als ich dann erfuhr, dass ich den Zuschlag erhalten hatte, saß ich gerade im Militärgefängnis. In dem Zeitraum, in dem ich mit den Ramones geprobt hatte, war ich noch Angehöriger des Marine Corps.

kreuzer: Und es wäre dir eigentlich nicht gestattet gewesen, einfach zu gehen.

C.J.: Genau (lacht). Von dieser Geschichte gibt es mehrere Versionen. Ich werde nächstes Jahr ein Buch veröffentlichen, in dem stehen wird, wie es wirklich war.

kreuzer: Und wie war dann das tatsächliche Gefühl, den übermächtigen Dee Dee am Bass zu beerben?

C.J.: Als ich zuvor zum ersten Mal hörte, dass Dee Dee die Ramones verlässt, wollte ich nie wieder ein Konzert der Band sehen. Ohne Dee Dee waren es für mich einfach nicht mehr die Ramones. Das war meine erste Reaktion.

kreuzer: Damals hast du wahrscheinlich nicht im Traum daran gedacht, einmal sein Nachfolger zu werden.

C.J.: Genau. Als ich hörte, er mache Schluss, war ich der Ansicht, es sei wohl das Beste, wenn gleich die ganze Band in den Ruhestand ginge. Schon bei den letzten Konzerten, die ich damals besuchte, waren die Ramones lange nicht mehr so gut, wie bei den ersten Konzerten, die ich von ihnen besucht hatte. Aber da das Leben manchmal seltsame Wege geht, wurde ich zu den Proben eingeladen und schließlich ein Teil der Band. Ehrlicherweise muss ich aber auch sagen, dass ich nie Dee Dee’s Platz einnehmen wollte. Ich kann ohne zu lügen behaupten, dass das nie meine Absicht war. Über die Jahre haben mir die Leute immer wieder gesagt, dass ich mich auf der Bühne genauso bewegen würde wie er und auch genauso aussehen würde. Das kann ich nicht abstreiten. Aber es war nicht so, weil ich mich bemühte. Dee Dee hat mich einfach sehr beeinflusst. Man kann all die Jahre, in denen man die Ramones gehört und gesehen hat, nicht einfach ungeschehen machen. Ich kann mich grundsätzlich nicht bewusst anstrengen, etwas darzustellen. Dann bin ich einfach nicht mehr ich selbst. Am Anfang wurde ich von den Fans ziemlich angefeindet. Bei den Konzerten wurde ich beschimpft. Es wurde Zeug nach mir geworfen. Ich habe einfach versucht, weiter den Job gut zu machen, den mir die anderen Bandmitglieder ermöglicht hatten. Ich versuchte, ich selbst zu bleiben und gleichzeitig mein Bestes zu geben. So bin ich da durchgekommen.

kreuzer: Was waren auf Tour mit den Ramones die Höhepunkte, was die Tränentäler? Ich habe gehört, dass du dem Bandbus während einer Amerika-Tour mit deinem Motorrad hinterhergefahren bist. Angeblich hattest du keine Lust, mit den anderen zusammen zu reisen.

C.J.: Die Dinge, die auf Tour schlecht waren, sind die Dinge, welche für jede Band unangenehm sind. Nie wirklich viel Schlaf und kein gutes Essen zu bekommen. Zu viele Partys und die Tatsache, nie Herr über deine eigene Tagesplanung sein zu können. Wann geht man ins Bett, wann steht man auf? Es wird einem an sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag erzählt, was man zu tun und zu lassen hat. Außerdem ist man konstant von zu Hause weg. Mir hat das nie wirklich etwas ausgemacht, aber ich weiß, dass es vielen Leuten anders geht. Im Hinblick auf die Ramones war es vor allem die Spannung zwischen Johnny und Joey und eine dadurch konstant aufgeheizte Atmosphäre, welche die Dinge nicht leichter machte. Im Van lauschten wir daher manchmal über Stunden Baseballspielen oder diversen Oldiesendern. Wie vielleicht auch viele Fans schon wissen, hatte ich meistens meinen Walkman auf. Es gab ja noch keinen I-Pod oder etwas Derartiges. Ich hatte also meinen Walkman, hörte Musik und war ununterbrochen am Lesen.

kreuzer: Heißt das jetzt, du bist mit deinem Motorrad hinter dem Bus hergefahren oder nicht?

C.J.: Nur auf der Loolapalooza-Tour. Im Vorfeld war Folgendes passiert: 1992 hatte ich einen sehr schlimmen Motorradunfall. Danach habe ich angefangen, meine Maschine wieder neu aufzubauen. Für den Sommer 1996 hatte ich schon feste Pläne für einen Trip kreuz und quer durch die Vereinigten Staaten. In diesem Zeitraum planten die Ramones ohenhin, in Rente zu gehen. Ich habe Johnny also gesagt, dass ich im Sommer 1996 unterwegs und auf keinen Fall verfügbar sein werde. Er antwortete: »Ja OK, wie auch immer.«

kreuzer: Und was passierte dann?

C.J.: Im Winter 1995 waren wir also auf unserer Abschiedstournee. Während wir auf dieser Tour waren, bekamen wir das Angebot, im darauf folgenden Sommer Loolapalooza zu spielen. Als ich die Neuigkeiten von Johnny erfuhr, sagte ich ihm, dass das nicht ginge und ich ihm ja immerhin schon vier Jahre im Voraus Bescheid gegeben hätte, dass genau dieser Zeitraum bei mir geblockt ist. Er antwortete nur: »Nun ja, denke darüber nach und lasse mich wissen, wenn du zu einem Ergebnis gekommen bist.« Ich bin dann zu dem Schluss gekommen, dass Loolapalooza im Gegensatz zu einer Clubtour die bessere Abschiedstournee für die Ramones ist. Ich habe Johnny also gesagt, dass ich Loolapalooza mitspiele, die Strecke aber auf meinem Motorrad fahren werde. Er meinte, für ihn sei das OK. Sollte ich aber eine Show dadurch verpassen, würde ich ein ganzes Wochengehalt verlieren. Ich war einverstanden, und so kam es dazu, dass ich die Strecke auf meinem Motorrad gefahren bin.

kreuzer: Was war in der Zeit, in der du in der Band warst, der größte Fehler der Ramones? Gibt es den einen großen Fauxpas, der es der Band versaute, zum Schluss doch noch den kommerziellen Durchbruch zu schaffen?

C.J.: Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich als Fan froh bin, dass die Ramones nie großen kommerziellen Erfolg hatten. Für mich gehörten sie schon immer eher zum Underground. Sie waren eine Band aus dem Volk für das Volk. Sie waren nie Teil einer großen Industrie. Sie wurden also nie eine typische, kommerziell erfolgreiche Band. Man muss sich ja nur den Werdegang einer Band anschauen, die am Anfang eigentlich ganz cool war. Was passiert denn in der Regel, nachdem sie bei einem Major-Label unterschrieben haben? Die Musik verändert sich und plötzlich trägt man ganz andere Klamotten. Auch die Themen innerhalb der Songs verändern sich. So etwas ist bei den Ramones nie passiert. Als Fan bin ich also froh darüber, dass sie kommerziell nie richtig groß wurden.

kreuzer: Und als Teil der Band?

C.J.: Während ich noch in der Band war, wurde mir klar, dass sich Johnny immer den kommerziellen Durchbruch für die Ramones wünschte. Dabei ging es ihm nicht um Ruhm und Reichtum. Er war einfach aufrichtig davon überzeugt, dass die Ramones großartig waren und es deshalb auch verdienten, beachtet zu werden. Bevor ich in der Band war, haben der Band die internen Probleme sehr geschadet. Es konnten keine guten Entscheidungen mehr getroffen werden, weil jeder ständig um die Kontrolle kämpfte. Schließlich hat nur noch der Manager Entscheidungen getroffen. Das waren Entscheidungen, die zu allererst gut für ihn selbst waren. Als ich dann in der Band war, kurz vor der Veröffentlichung von »Mondo Bizarro«, lief der Vertrag mit dem Management und der Plattenfirma aus. Gleichzeitig hatten Nirvana ihren Durchbruch. Etwas zeitversetzt waren auch all die anderen Punkbands wie Green Day oder Rancid am Start. Bands, die alle kein Geheimnis daraus machten, wie sehr sie von den Ramones beeinflusst wurden. Epitaph war damals ein wirklich großes Label. Deren Eigentümer, Brett Gurewitz, kam sogar zu einer unserer Shows und bettelte Johnny und Joey an, sie sollen doch bitte bei ihm unterschreiben. Zusätzlich hatte die Booking-Agentur, die damals diese ganzen Bands buchte, versucht, die Ramones unter Vertrag zu nehmen. Das Gegenangebot kam vom Manager der Band, Gary Kurfirst. Er gründete damals sein eigenes Label. Ich habe Johnny laut darüber nachdenken hören. Ich ging also zu ihm und habe ihm gesagt, dass er Sire Records und Gary Kurfirst ohnehin schon den größten Rock’n’Roll, der jemals aufgenommen wurde, gegeben hatte, sie daraus aber nichts machen konnten. Beide konnten ihm nicht den kommerziellen Erfolg bescheren, den er sich gewünscht hatte. Ich habe ihm also geraten, den anderen Leuten eine Chance zu geben. Sie sind Fans, lieben die Ramones und sind bereit, alles zu tun, um die Band erfolgreich zu machen. Ich konnte auch nicht verstehen, dass er den Interessenkonflikt nicht erkannte, bei einer Plattenfirma zu unterschreiben, die gleichzeitig dem eigenen Manager gehörte. Ich war sehr frustriert und musste einfach mit ihm darüber reden.

kreuzer: Wie hat er reagiert?

C.J.: Er sagte mir, dass ich ihm erst dann sagen könne, was er zu tun habe, wenn ich einmal genauso viel Zeit wie er in der Plattenindustrie verbracht hätte.

kreuzer: Was war der Grund dafür, nach so vielen Jahren wieder unter dem Namen C.J. Ramone auf Tour zu gehen?

C.J.: Ich hatte gerade angefangen wieder mit meiner Band »Bad Chopper« auf Tour zu gehen. Bei den Konzerten ist uns schnell aufgefallen, dass die Fans Ramones-Stücke hören wollen. Ich würde mich nicht gut dabei fühlen, den Fans nicht zu geben, wonach sie verlangen. Gleichzeitig trage ich so das Ramones-Erbe weiter. Ich bin nun mal der Einzige, der das noch machen kann. Da draußen gibt es keinen anderen, der legitimiert auf die Bühne springen kann, um Ramones- Songs zu spielen. Ich schulde es Johnny, Joey und Dee Dee. Ich muss auf der Bühne stehen, um die Ramones am Leben zu halten.

kreuzer: Wie kam die Konstellation mit Daniel Ray und Brant Björk zustande?

C.J.: Aufgrund seiner Geschichte mit den Ramones war die Wahl von Daniel naheliegend. Brant und ich hatten schon ein paar Mal versucht, miteinander zu arbeiten, was aber nie wirklich konkret wurde. Für mich war er schon immer einer der besten Schlagzeuger, die ich je gesehen hatte. Einfach großartig. Und ich meine nicht nur die Art, wie er Schlagzeug spielt. Seine ganze Energie ist einfach unglaublich. Ich hatte also schnell das Gefühl, dass er der perfekte Mann für diesen Job sei.

kreuzer: Du bist also auf einer Mission. Ein junges Publikum, das nie die Chance hatte, die Ramones live zu sehen, soll noch einmal Ramones-Songs erleben können?

C.J.: Genau darum geht es.

kreuzer: Du hast schon dein Buch angesprochen, das 2010 erscheinen wird. Wirst du darin auch wirklich alles erzählen? Bekommen wir den exklusiven »CJ-Look« auf die Geschehnisse, oder gibt es immer noch Dinge, über die du nicht schreiben würdest?

C.J.: Das Buch handelt eigentlich mehr von mir. Ich erzähle viel von meiner eigenen Geschichte und der meiner Familie. Einfach, damit die Leute verstehen, woher ich komme und warum ich so bin wie ich bin. Trotzdem. In jedem anderen Buch, das ich über die Ramones gelesen habe, ging es nur ums Beschimpfen. Es ging immer nur darum, wie schlecht und gemein Johnny und wie verrückt Dee Dee war. In jedem Buch und jedem Film ist es das Einzige, das übrig bleibt. Natürlich ist das auch ein Teil des Ramones-Vermächtnisses, aber eben nicht das Ganze. Wir hatten wirklich viel Spaß. Ich hatte eine unglaubliche Zeit mit diesen Menschen. Gute Zeiten, über die viel zu wenig geredet und geschrieben wurde. Das Buch handelt also mehr von meinen persönlichen Erlebnissen mit den Ramones. Ich hoffe, die Leute werden es lesen, um auch die andere Seite, von dem was wirklich passiert ist, zu verstehen.

kreuzer: Es gibt Ramones-Shirts ja mittlerweile sogar bei H&M. Hast du mit den Ramones eigentlich so richtig viel Geld verdient oder ging es mehr darum, einen Traum zu leben?

C.J.: Der Bassist der Ramones gewesen zu sein, hat mich nicht reich gemacht. Ich wäre sogar besser dran gewesen, wenn ich im Marine Corps geblieben wäre. Dann wäre ich jetzt in Pension und müsste nicht mehr arbeiten. Nein, mit den Ramones habe ich nicht sehr viel Geld verdient. Aber ich war clever, habe meinen Lebensstil nicht großartig verändert. Ich habe mir keinen Mercedes oder ein großes Haus gekauft. Dinge, die ich mir nach dem Ende der Band eh nicht mehr hätte leisten können. Ich habe gespart. Zwar habe ich mir ein Motorrad aufgebaut und einen schönen HotRod geleistet, aber eben nichts Großes oder Verrücktes. Johnny hat mir gezeigt, wie man mit Geld umgeht. Ich bin noch heute glücklich darüber, dass er mir das Haushalten beigebracht hat. Nachdem ich erfuhr, dass mein Sohn autistisch ist, hat es mir mein angespartes Geld erlaubt, für mehrere Jahre zuhause zu bleiben, um mich um ihn zu kümmern.

C.J. Ramone live: 26.8.2009, Werk 2
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